Fieber am Geländer

Schauspieler singen in «Ja Schatz» über die Liebe.

Valeria Heintges
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Die Herren der Schöpfung halten Ausschau nach der passenden Eva: Szene aus «Ja Schatz» im Theater St. Gallen. (Bild: ky/Regine Kuehne)

Die Herren der Schöpfung halten Ausschau nach der passenden Eva: Szene aus «Ja Schatz» im Theater St. Gallen. (Bild: ky/Regine Kuehne)

Es ist ein Kreuz mit der Liebe. Hat man sie nicht, sehnt man sich nach ihr. Hat man sie, kann ziemlich viel schiefgehen. Darum kann man auch so viel von ihr erzählen – der Stoff geht nie aus. In unzähligen Schlagern, Opernarien und Volksliedern wird sie besungen und beschmachtet. Erke Duit, Theatermusiker und Komponist, wählte sich also für sein «Musikalisches Beziehungsdrama» am Theater St. Gallen ein sehr weites Thema. Die sieben Schauspieler und drei Musiker, darunter Duit selbst am Klavier, erzählen in «Ja Schatz» über die Liebe. In all ihren Schattierungen, ihren Höhen und Tiefen, ihrem Himmelhoch-Jauchzend und Zu-Tode-Betrübt.

Sie erzählen nur in Gesängen, in Mendelssohn-Bartholdy-Motetten und Mozart-Duetten, in Steiermark-Jodlern und -Volksliedern, in Musical-, Kabarett- und Popsongs. Wie herrlich das funktioniert, zeigen Theater mit «szenischen Liederabenden» seit fast zwanzig Jahren sehr erfolgreich.

Arien als gruselige Schnulzen

Es sind immer Schauspieler, die da singen, und das muss auch so sein. Denn der Gesang ist wichtig, aber noch wichtiger ist das schauspielerische Vermögen. Anders gesagt: Die Abende sind grauenhaft langweilig, wenn alles ernst und traurig ist. Vielmehr werden auch mal traumhafte Arien als gruselige Schnulzen entlarvt oder Reinhard Meys «Verzeih mir» von einer Frau gesungen, die gerade ihren Mann erschossen hat – wie am Freitag zur Premiere in St. Gallen geschehen. Grenzwertig wird es nur, wenn zum Beispiel Silvia Rhode als Hure stimmlich so überfordert ist, dass die Zuschauer den Text nicht mehr verstehen. Dasselbe passiert Monika Wiedemer mit dem Nina-Hagen-Song «Unbeschreiblich weiblich» – dann rettet auch alles schauspielerische Können nicht mehr.

Wunderbar hingegen Romeo Meyer, wenn er als Kellner Giovanni italienische Schnulzen trällernd den Frauen hinterher steigt. Am Ende röhrt er «Don't want no woman» und glaubt in diesem Moment ganz fest daran. Schön grotesk auch Hannas Lied «Die Ehe», das Georg Kreisler gallig wie üblich geschrieben hat. Wütend singt es Hanna Giovanni ins Gesicht. Ihr Ehemann antwortet fünf Szenen weiter mit dem titelgebenden Song «Ja Schatz» von Bodo Wartke. Bruno Riedl steht als antriebsloser Bünzli vor seiner schlafenden Frau und phantasiert sich in ihre Ermordung. Es bleibt ein Traum, natürlich.

Wenn Erke Duit auf seine eigenen Kompositionen verzichtet hätte, den langhaarigen Hippie und die rotperückte Hure nicht als Jesus und Maria Magdalena symbolistisch überfrachtet hätte und statt der vielen österreichischen Lieder ein paar schweizerische eingebaut hätte, wäre es noch netter geworden. Aber wenn Matthias Abold als naiver Träumer stur sein «I'm all alone» schmettert oder als Pfarrer kläglich an den tiefen Tönen der Bassarie «Isis und Osiris» scheitert, dann gibt es sogar Szenenapplaus.

Geländer statt Geliebter

Julian Sigl bleibt ein wenig blass, aber Andrea Haller als Steiermark-Mädel ist grosse Klasse, egal ob sie sich zu «Fieber» verzweifelt an den Stäben des Geländers reibt, weil ihr Geliebter zu dämlich ist, den Weg zu finden oder ob sie mit Sinéad O'Connors «In this heart» den wirklich unterhaltsamen Abend beschliesst.