«Fickt euch! Fickt euch!»

Zwar entschied mit Nektarios Vlachopoulos ein Slam Champ den Dead or Alive Poetry Slam in der Tonhalle für sich. Die gewagtesten Momente inszenierte allerdings das Theaterensemble.

Michael Hasler
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Klaus Kinski röhrt ins Publikum in der Tonhalle. (Bild: Benjamin Manser)

Klaus Kinski röhrt ins Publikum in der Tonhalle. (Bild: Benjamin Manser)

Auch CVP-Regierungsrat Martin Gehrer dürfte es am Samstagabend in der ausgezeichnet besuchten Tonhalle St. Gallen wie den anderen rund 500 Dead-or-Alive-Poetry-Slam-Interessierten ergangen sein: Wohlkalkuliert zu Erwartendes wurde von wunderbar Irritierendem konterkariert. Nun ist Irritation glücklicherweise eine kaum zu vermeidende Nebenerscheinung von kunstvoll Gewagtem. So auch an diesem Abend. Nachdem das altgediente und bestens aufgelegte Moderatorengespann Richi Küttel/Etrit Hasler den Slam-Modus dem Publikum in kunstvollen Zeilen einverleibt hatte, startete Nektarios Vlachopoulos den Abend fulminant. Sein kunstvoller Reimhagel über seine pathologische Entscheidungsunfähigkeit wurde gleich zur unerreichten Benchmark des Abends.

Exzentrische Dichter

Vlachopoulos zelebrierte die Grundpfeiler aktueller Poetry-Kunst geradezu exemplarisch: Erstens sei sie lebensuntauglich, zumindest ein bisschen. Zweitens sei sie sprachlich ausufernd, und dies gleich richtig. Drittens sei sie zornig und immer autobiographisch, viertens sei sie schnell, richtig schnell.

Viel weniger mit diesen Regeln deckungsgleich angelegt waren an diesem Abend die Beiträge der Dichter, zuweilen himmlisch opulent inszeniert von Silvia Rhode, Sven Gey, Julian Sigl und Hanna Binder, die allesamt dem Ensemble des Theaters St. Gallen angehören.

Allen voran war es Klaus Kinski, der mit seiner Performance gleich im Anschluss an Nektarios Vlachopoulos das Publikum anstachelte, beschimpfte und beirrte. Die US-TV-Zensurbehörde hätte ihre liebe Mühe damit gehabt, sämtlich F-Wörter des knapp sechsminütigen eruptiven Ausbruchs zu zensieren. Auch das gut durchmischte, wenn auch mehrheitlich junge Publikum interagierte zögerlich. Und als die Publikumsjuroren Klaus Kinski später dann aus dem Bewerb wählten, tickte jener gleich abermals aus. Eine herrliche Inszenierung.

Slammer klare Sieger

Überhaupt setzten die toten Dichter an diesem Abend in der Tonhalle mit sperrig-verrückten Auftritten von Andy Kaufmann und Helmut Qualtinger auf Exzentrik. Einzig Edgar Allan Poes meisterliche Horrorgeschichten blieben formal brav und fanden prompt den Weg ins Finale. Dort trafen mit «Poetry-Slam-Bluechip» Laurin Buser und Nektarios Vlachopoulos zwei der vier an diesem Abend deutlich überlegenen Poetry-Slammer auf die einzig verbliebene Dichterin.

Whiskey für den Griechen

Auch der Schlussgang entwickelte sich dann zu einer übereindeutigen Angelegenheit für die zeitgeistdurchtränkten Gegenwartspoeten. Laurin Buser versuchte sein Glück mit einem siebenstrophigen Beziehungsdrama und blieb dabei etwas unter seinen üblichen Leistungen. Nachdem Edgar Allan Poe erneut kunstvoll, aber zahm blieb, war es dann Nektarios Vlachopoulos, der mit seiner rasanten Irrfahrt durch die Liebeslyrik das Publikum für sich einnehmen konnte. Noch ehe der Säntis Malt – als hochprozentiger Lorbeerkranz für den Sieger – an den griechischstämmigen Champ ging, oblag es Klaus Kinski, den Abend zu beschliessen: «Fickt euch und verzieht euch!»

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