Sie gewinnt Appenzeller Schreibwettbewerb und will unerkannt bleiben: Wer ist Jessica Jurassica?

Sie trägt eine Sturmmaske, schiesst scharf gegen mächtige Verleger und schreibt über die Leiden der Influencerinnen: Die 25-jährige Autorin Jessica Jurassica hat einen Appenzeller Schreibwettbewerb gewonnen.

Melissa Müller
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Literatur-Preisträgerin Jessica Jurassica mit ihren Kollegen DJ Katheter und Daif von der Gruppe «Die yungen Huren». (Bild: Tatana Sparkles)

Literatur-Preisträgerin Jessica Jurassica mit ihren Kollegen DJ Katheter und Daif von der Gruppe «Die yungen Huren». (Bild: Tatana Sparkles)

Die Gewinnerin will anonym bleiben. Sie nennt sich Jessica Jurassica – ein Pseudonym. An der Preisverleihung des Schreibwettbewerbs des Amts für Kultur des Kantons Appenzell Ausserrhoden war sie nicht anwesend. Dafür wurde beim Anlass in der Herisauer Stuhlfabrik ein Video von ihr übertragen. Darauf trägt die Autorin eine schwarze Sturmmaske und bedankt sich artig für den Preis. Das macht neugierig: Wer ist die Frau hinter der Maske?

Schon Modeschöpfer Martin Marghiela liess sich lange weder fotografieren noch interviewen. So kreierte er ein Mysterium um seine Person. Graffiti-Künstler Banksy ist ebenfalls weltberühmt, aber niemand hat ihn je gesehen.

Auch bei Jessica Jurassica funktioniert der Trick, sie hat auf ihren Literaturpreis hin viele Anfragen erhalten, wie sie ihren 544 Twitter-Followern mitteilt: «Fuck wieder viel zu lange geschlafen in der inbox ein paar lokal journos mit schlechten fragen draussen schneits (...)» Dass sie keine Kommas benutzt und auf die Gross-Klein-Schreibung pfeift, «ist Teil meiner schnellen, dynamischen Twitter-Lingo», erklärt sie am Telefon. Die 25-Jährige bezeichnet sich ironisch als It-Girl und postet gern Fotos von überquellenden Aschenbechern.

Innere Leere, Drang nach Anerkennung

Dem blauen Dunst frönt auch die Heldin der preisgekrönten Kurzgeschichte, die drei A4-Seiten füllt – und die Appenzeller Jury überzeugt hat. Sie handelt von einer schönen, jungen Instagram-Influencerin mit Sonnenhut und Zahnpasta-Lächeln. Sie reist allein an einen Strand am Mittelmeer, ertränkt die Einsamkeit in Weisswein und schaut zu, «wie sich die Glut in die Kippe frisst». Dabei zerbricht sie sich pausenlos den Kopf über ihr Aussehen. Ihre einzige Bezugsperson scheint ihr Dentalhygieniker zu sein: «Sie betrachtet immer seine schönen Wimpern über dem Mundschutz». Immer wieder stellt sie sich vor, wie es wäre, «mit ihm zu vögeln».

Es geht um innere Leere und den Drang nach Anerkennung in den sozialen Netzwerken. Eine autobiografische Geschichte? «Das ist eine fiktive Figur. Also doppelt fiktiv, was sie vielleicht wieder real macht», sagt Jessica Jurassica und zündet sich eine Zigarette an.

«Das Rauchen ist eine Romantisierung des Lowlife. Mein Protest gegen den Gesundheitswahn. Er ist so absurd.»

Sie ist ländlich aufgewachsen im Kanton Appenzell Ausserrhoden, lebt jetzt urban in einer WG in Bern, schreibt Kolumnen für ein Rockstar-Magazin. Diesen Sommer hat sie sich in einem Kulturblog des «Bunds» über «Tamedia»-Verleger Pietro Supino lustig gemacht. Sie schrieb: «Ich würde gerne einen männlichen Nachkommen von dir kennen lernen und vlt heiraten eines Tages und irgendwann übernähme ich, deine Schwiegertochter, dein Amt und würde als Verwaltungspräsidentin Tamedia mit starker und strenger Hand führen, immer mit Haltung und alle hätten Respekt vor mir, trotz den knapp 1.60 Körpergrösse und der Vagina mit der ich geboren wurde.» Worauf die Zusammenarbeit mit dem «Bund», der zu «Tamedia» gehört, beendet wurde.

Bier und Fritten verkaufen

Heute arbeitet Jessica Jurassica in einem Museum, als Barfrau und im Stadion, wo sie Fritten serviere und am Zapfhahn stehe. Sie schreibt als Freelancerin, hat gerade ein CD-Cover gestaltet für ihre Freundin, Rapperin Milena Patagônia. «Ich mache meine Grafik-Sachen mit dem Word.» Da kommt ihr der mit 4500 Franken dotierte Literaturpreis aus ihrer alten Heimat gerade recht:

«Ich war in letzter Zeit immer pleite, habe mir den Arsch aufgerissen für die Kunst.»

Das Geld investiere sie in ein neues McBook, «wie es sich für eine Influencerin gehört.»

Dass in der Siegergeschichte «# Influenza Kapitel 1» viel von «Masturbation, Arsch und Titten» die Rede ist, stört Jury-Mitglied und Schriftstellerin Rebecca C. Schnyder nicht: «Jessesgott, das ist die zeitgenössische Sprache. Sie gehört zur jungen Protagonistin der Kurzgeschichte und widerspiegelt gleichzeitig die Oberflächlichkeit der sozialen Medien.» Es sei «feministische Literatur, das kann ich nur begrüssen. Ein würdiger Gewinnertext.» Was Rebecca C. Schnyder zudem überzeugt: Der Text sei als erstes Kapitel überschrieben, was auf eine Weiterarbeit, vielleicht sogar ein Buch hoffen lässt.

Aber Jessica Jurassica ist nicht so recht überzeugt von ihrer Geschichte über die depressive Influencerin. «Es ist gerade Mode in der Schweizer Literatur, so schön vor sich hin zu leiden», meint sie selbstkritisch. «Ich weiss nicht, ob ich in dieser Sprache weiterschreiben will. Es fühlt sich ‹not real› an.»

Die beiden Preisträgerinnen Lea Sager und Ruth Weber-Zeller. (Bild: PD)

Die beiden Preisträgerinnen Lea Sager und Ruth Weber-Zeller. (Bild: PD)

Die grossen Fragen des Lebens an der Bushaltestelle

Neben Jessica Jurassica wurden am Sonntagabend noch zwei weitere Autorinnen aus dem Kanton Appenzell Ausserrhoden gekürt. Die 17-jährige Lea Sager aus Bühler erhielt den mit 1500 Franken dotierten Jurypreis in der Kategorie Jugendliche. Ihr Text mit dem Titel «Selbstverständlich!» sei eine «runde, witzige, temporeich getaktete Geschichte», die dazu anrege, «über das Leben nachzudenken», wie die Jury in ihrer Laudatio schreibt. Ausgangspunkt der kurzen Erzählung ist eine zwar alltägliche, aber irgendwie doch aussergewöhnliche Begegnung zwischen einem älteren Herrn und einem Mädchen an einer Bushaltestelle. «Was machst du da?», fragt das Mädchen den alten Mann und bringt ihn – ein stiller Einzelgänger, der es nicht gewohnt ist, von Kindern angesprochen zu werden – aus dem Konzept. «Es geht um die kleinen Dinge im Leben , die zählen», sagt die junge Autorin, die zurzeit die Kantonsschule Trogen mit Schwerpunktfach Spanisch besucht und neben der Schule noch für das «Gääser Blättli» schreibt.

Beim Literaturland-Wettbewerb konnte sich auch das Publikum als Jury betätigen: Von den eingereichten Texten wurden sieben ins Rennen um den mit 4500 Franken dotierten Publikumspreis geschickt. Gewonnen hat diesen Ruth Weber-Zeller aus Walzenhausen. Die 47-Jährige, die beruflich in der Gesundheitsbranche tätig ist, sei vor drei Jahren per Zufall zum Schreiben gekommen, wie sie erzählt. Schreiben sei für sie eine Möglichkeit, mit dem Leben umzugehen. Folglich seien es meist Lebensfragen, die sie literarisch verarbeite, Beobachtungen aus dem Alltag, die sie zu Geschichten verwebe. So kommt es, dass auch der Preisträgertext mit dem Titel «Wurzeln» einen realen Hintergrund hat: Er ist ihrer Grossmutter gewidmet, zu der sie nie einen Zugang fand, weil sie nie etwas von sich erzählt hatte. In einem fortlaufenden Bewusstseinsstrom schildert die Autorin in «Wurzeln» die Gedanken einer Frau, die am Ende ihres nicht gerade erfüllten Lebens angelangt ist. «Es geht in meinem Text um die Wurzeln, die diese Person selber nie schlagen konnte – und ganz generell um die Frage, was das Leben ausmacht, was das Leben zusammenhält, wie wir also ‹verwurzelt› sind.»

Claudio Weder