Klassik
Am Lucerne Festival will keine(r) mehr Star sein

Es sind die Tage der Stars am Lucerne Festival: Pianist Igor Levit, Pianistin Yuja Wang und Mezzosopranistin Cecilia Bartoli präsentierten sich recht ähnlich im KKL.

Christian Berzins
Drucken
Teilen
Yuja Wang auf gleicher Höhe wie das Lucerne Festival Orchestra.

Yuja Wang auf gleicher Höhe wie das Lucerne Festival Orchestra.

Priska Ketterer/Lucerne Festival

Am Tag seines zweiten Luzerner Festivalkonzertes gibt Igor Levit auf der Kurznachrichtenplattform Twitter Tipps, wem seine Follower folgen sollen, retweetet dies und tweetet das. Mehr als 150000 Menschen lesen seine Nachrichten.

Kurz vor dem Konzert postet er ein spektakuläres Bild vom KKL. Flugs beginnt es seine Gemeinde zu kommentieren: «Schweizer Fans von Dir fragen sich: Wer bestimmt die Eintrittspreise Deiner Auftritte im kklluzern? Weshalb sind diese, mit Verlaub, so unverschämt teuer? Wieso gibt es keine Abendkasse/vergünstigte Billette? Wäre cool, wenn Du die Preispolitik hinterfragen könntest. Merci!»

Igor Levit für 120 Franken, Bartoli für 290 Franken

Igor Levit wird die Preispolitik weder hinterfragen, noch seinen Freunden und Freundinnen erklären, dass das KKL für ein kleines Köfferchen dem Gast an der Garderobe zwar 5 Franken abknöpft, aber dass Lucerne Festival die Kartenpreise festsetzt. Vielleicht sollte man dem Fragesteller ganz einfach sagen, dass 30 bis 120 Franken für ein klassisches Konzert in der Schweiz normal, am Lucerne Festival sogar wenig sind. Drei Tage später bei Cecilia Bartolis Rezital im KKL kosten die Karten 40 bis 290 Franken. Ein anderes Star-Level, obwohl Bartoli bloss 8000 Follower auf Twitter zählt? Gemach, ihr Social-Media-Hauptkanal ist Facebook, auf 283 224 Abonnenten kommt sie da. Doch vorerst der Pianist...

Igor Levit darf darauf zählen, dass ihn seine Twittergemeinde in den Konzertsaal begleitet.

Igor Levit darf darauf zählen, dass ihn seine Twittergemeinde in den Konzertsaal begleitet.

Peter Fischli Switzerland

«Willkommen, Meister!» wird Levit begrüsst, «Ich genehmige mir 200 Meter weiter unten an der Reuss noch was gegen den Durst, bevor ich gemeinsame Twitterfreunde zum Konzert treffe. Die Spannung steigt.»

Von Beethoven ist in den Twitter-Kommentaren nicht die Rede, obwohl ihm Levit gleich zwei Festivalabende widmet. Naturgemäss passt auch das zum Festivalthema «ver-rückt». Ja, dass diese 32 Sonaten verrückt sind, wissen wir schon länger, dass sie aber dermassen impressionistisch klingen, erst seit Igor Levit sich ihnen angenommen hat. Da wird ein Pianissimo zu einem verhauchenden Nichts, dort bleibt das rechte Pedal liegen und die Töne verschwimmen zum einem Seerosenteich, bald wird ein Presto zum Tanz der Furien. Wie ein Fussballer wischt er sich mit dem Hemdsärmel den Schweiss von der Stirn.

Auf das Inszenieren versteht sich auch die Pianistin Yuja Wang (35 000 Twitter-Follower, 243143 Abonnenten bei Facebook). Ihre Röcke sind meistens so lang wie zwei Krawatten breit sind. Am Samstag hingegen trug sie ein bodenlanges Kleid – und ohne den üblichen Schlitz bis zur Hüfte. Kein Zufall, Wang hatte nämlich eine ernste Aufgabe zu übernehmen: Dem Lucerne Festival Orchestra war der Dirigent Yannick Nézet-Seguin krankheitshalber verloren gegangen, die Pianistin übernahm die Leitung.

Ob wegen ihr oder des Konzertmeisters: Das Orchester wurde in Mozarts d-Moll-Konzert neben Wang zum zweiten Star, denn die Virtuosin, die keine Schwierigkeit scheut, nahm sich sehr zurück, spielte artig, machte im 2. Satz ein paar überflüssige Verzierungen, aber schaffte es doch nicht, einen gemeinsamen Atem mit dem Orchester zu erreichen. Im 3. Satz legte sie ein halsbrecherisches Tempo vor, verhaspelte sich bei der ersten Achtel-Figur prompt und wurde vom Orchester zum Glück alsbald ausgebremst.

Das LFO spielte kammermusikalisch wie in seinen besten Tagen, die Bläser harmonierten, waren aufs freundschaftlichste verbunden mit den Streichern, gemeinsam trumpfte man in Beethovens 7. Sinfonie auf. Der 4.Satz wurde zum rauschenden Fest. Man merkte: Ist die Katze aus dem Haus, tanzen die Mäuse Apotheose. Schon Mozarts Ouvertüre zur «Entführung aus dem Serail» klang überaus gelöst und voller Energie, ungleich zum Festivalstart, als Riccardo Chailly vor dem Orchester stand. Erinnerungen an die Vergangenheit wurden da wach.

Im Jubel wurde Yuja Wang hingegen wieder der Star, vergass sogar, das Orchester aufstehen zu lassen, fragte das Publikum «Schubert oder Mozart?» und spielte die Zugabe – allein.

Ist das KKL eine Mehrzweckhalle mit Basketballfeld?

Auch Igor Levit zeigte sich kommunikativ, hatte er sich doch zu entschuldigen, da er das Publikum nach zwei Sonaten lange im Saal warten liess. Prompt hatte er vergessen, dass es keine Pause gibt! Er alberte herum, konnte es nicht fassen, dass ihm das passiert war – und stürzte sich tollkühn in die Hammerklaviersonate.

«Hat meiner Seele gut getan Danke @igorpianist für den schönen Abend», hiess es danach auf Twitter. Wir stimmten zu und mussten doch immer wieder an den Kommentar von Igor-Levit-Fan Lars Krismes denken: «Ist das ne Mehrzweckhalle mit Basketballfeld?»

Zur Kirche wurde diese «Halle» am Sonntag, als es «Konzert Cecilia Bartoli» hiess. Gespielt wurde ein geistliches Gesamtkunstwerk mit Flötist, Countertenor und Barockensemble «Les Musiciens du Prince-Monaco» unter der Leitung von Gianluca Capuano. Mit dabei auch die italienische Operndiva, die kaum 35 Minuten zu singen hatte.

Cecilia Bartoli zusammen mit Dirigent Gianluca Capuano und Countertenor Carlo Vistoli.

Cecilia Bartoli zusammen mit Dirigent Gianluca Capuano und Countertenor Carlo Vistoli.

Peter Fischli Switzerland

Gewiss, sie atmete und singt Pergolesi und Vivaldi noch eine Stufe inniger als Carlo Vistoli, aber in der exakten Tonführung stand er ihr in nichts nach. In Hosen und schwarzem Blazer trat Bartoli nicht mal optisch aus den Reihen hervor. «Ich, ein Star? Nein, Musikerin bin ich», schien sie der Festspielgemeinde zu sagen.

Aktuelle Nachrichten