FESTIVAL: Optimal anregend

Die Kulturlandsgemeinde in Herisau hat sich unter dem Motto «grösser, glücklicher, gerechter» auf die Suche nach dem Optimum gemacht. Dies einmal mehr faszinierend vielfältig und lustvoll.

Andreas Stock
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Angeregte Diskussion über Körperoptimierung mit Stina Werenfels, Iouri Podladtchikov, Heidi Eisenhut (Moderation), Bruno Wiederkehr und Roger Gassert (von links). (Bild: Michel Canonica)

Angeregte Diskussion über Körperoptimierung mit Stina Werenfels, Iouri Podladtchikov, Heidi Eisenhut (Moderation), Bruno Wiederkehr und Roger Gassert (von links). (Bild: Michel Canonica)

Kann die Kulturlandsgemeinde jedes Jahr noch besser werden? Die Frage kommt einem vor allem in den Sinn, weil das Festival dieses Jahr die Optimierung zum Thema hat. Beantworten könnte man das womöglich, wenn sich der jährliche Anlass in messbare Kategorien fassen liesse, was freilich schwierig ist. Ein Erfolg ist das zweitägige Festival, das dieses Jahr bereits zum 13. Mal stattfindet, auf jeden Fall; das zeigt sich unter anderem auch im grossen Publikumsinteresse am Samstagnachmittag – trotz zahlreicher weiterer Kulturveranstaltungen an diesem Tag. Jedes Jahr erfindet sich die Kulturlandsgemeinde neu, indem sie jedes Jahr an einem anderen Ort stattfindet und sich insbesondere auf ein neues Thema einlässt und es aus den unterschiedlichsten Blickwinkeln und Disziplinen untersucht.

Pausentee und Anlageberatung

Bereits beim ersten Schritt in das Sportzentrum Herisau wird auch für die üblichen Besucherinnen und Besucher deutlich, dass hier für einmal ein anderer Wind weht. Empfangen wird man von einer Installation aus schmalen, langen Sperrholzlatten, die dicht aneinander gehängt, von der Decke baumeln. An jeder Latte ist ein kleiner Lautsprecher montiert und zusammen ergibt das eine sinnliche Geräuschkulisse aus Rauschen, Regen, Brummen und Vogelgezwitscher. Diesen Klangwald hat der Musiker und Instrumentenbauer Stefan Baumann geschaffen. Zwei Wochen dauerte der Aufbau der 384 Klanglatten und fünf Klangkugeln im Sportzentrum, deren Geräuschkulisse computergesteuert optimiert ist.

Solche künstlerische Interventionen gehören wie die Werkstätten und Plattformen zu den fixen Formaten der Kulturlandsgemeinde – und zu ihrem besonderen Reiz. Während auf dem Podium in drei prominent besetzten Runden über die Optimierung von Körper, Leben und Gesellschaft diskutiert wird, darf man sich auch selber optimieren. Beispielsweise bei einer Stil- und Farbberatung mit Magdalena Früh. Oder man kann eine Viertelstunde lang mit Mark Riklin in einer Sportlergarderobe bei einem Tee über das Pausemachen nachdenken – und eine «Not-to-do-Liste» erstellen. Zwei Anlageberater der Kantonalbank geben Ratschläge in Sachen Geld und im Kraftraum lässt es sich in Biografien schmökern sowie über die eigene Biografie nachdenken.

Anstand und Risiko bei der Optimierung

Die spielerische wie lustvolle Erweiterung des Themenschwerpunkts ist ein Markenzeichen und eine Qualität der Kulturlandsgemeinde – und macht sie jedes Jahr aufs neue zu einem lohnenden Ort. Und dann sind da natürlich die Diskussionsrunden, das Herzstück des Festivals. Hier diskutieren unter anderen ETH-Professor Roger Gassert, Snowboard-Olympiasieger Iouri Podladtchikov, Filmregisseurin Stina Werenfels und Psychotherapeut Bruno Wiederkehr. Beispielsweise darüber, was ein fitter, schöner Körper mit Glück und Werten wie Anstand zu tun hat. Die Selbstbestimmung als höchster Wert und die Optimierung als Industriezweig kamen dabei zur Sprache. Anregende Gedanken, die auch in der zweiten Plattform zum Thema Risiko und Erfolg angestossen werden, als Sängerin Nicole Bernegger, Matthias Haller, Professor für Risikomanagement, und der Eritreer Yonas Gebrehiwat auf dem Podium sitzen.

Der berührendste Moment bis zum späteren Nachmittag ist der Auftritt von Werner Witschi. Der querschnittgelähmte Mann nimmt als Testperson am Forschungsprojekt «Varileg» der ETH-Abteilung von Roger Gassert teil, die den komplexen Vorgang des Gehens technisch nachzubilden versucht. Dank einem Exoskelett, einer computerunterstützten, neuartigen «Gehhilfe», ist es Werner Witschi möglich, für gut eine Stunde aufrecht gehen zu können. So habe er seine Frau wieder einmal richtig umarmen können, erzählt Witschi.

Andreas Stock