FESTIVAL NEXT GENERATION: «Wir züchten keine Fachidioten»

Zum siebten Mal gibt sich der hochtalentierte musikalische Nachwuchs in Bad Ragaz ein Stelldichein. Intendant Dražen Domjanic kümmert sich um die Klassikstars von morgen.

Martin Preisser
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Dražen Domjanic war früher selbst Konzertpianist. Heute fördert er den internationalen Nachwuchs. (Bild: PD)

Dražen Domjanic war früher selbst Konzertpianist. Heute fördert er den internationalen Nachwuchs. (Bild: PD)

Martin Preisser

martin.preisser@tagblatt.ch

Vor 28 Jahren hat Dražen Domjanic im Grand Resort Bad Ragaz als Barpianist gearbeitet und lebt seither in Liechtenstein. In Bad Ragaz organisiert der gebürtige Kroate zum siebten Mal das Festival Next Generation. «Wir präsentieren hier die besten jungen Musiker der Welt», sagt er selbstbewusst. Der ehemalige Konzertpianist weiss, was es heisst, hundert Konzerte im Jahr zu spielen. Heute tritt er nicht mehr öffentlich auf und hat sich ganz der Nachwuchsförderung verschrieben. «Angehende Berufsmusiker müssen nachhaltig begleitet werden, der schwierige Weg zum echten Erfolg auf dem Podium muss ganzheitlich geebnet werden», sagt Dražen Domjanic. «Als Gegenteil des berüchtigten Verheizens junger Klassikstars.»

Musiker müssen sich um ihre Gesundheit kümmern

Der Musiker, der auch Wirtschaft studiert hat und deshalb deren Bedeutung für die Musikwelt genau kennt, ist nicht nur Intendant des Festivals Next Generation, sondern auch künstlerischer Leiter der Internationalen Musikakademie im liechtensteinischen Nendeln. Supertalentiert sein ist heute keine Chance, sondern Vor­aussetzung für eine Karriere im Klassikbereich.

Domjanics Tochter ist eine aufstrebende junge Geigerin. «Ihr rate ich: Spiele maximal dreissig Konzerte pro Jahr, pflege neben deiner Musik auch die Freundschaften. Nur die Standing Ovations auf der Bühne reichen nicht für ein glückliches, ­erfülltes Musikerleben», sagt ihr Vater. Musiker müssten sich auch um ihre physische und psy­chische Gesundheit kümmern ­lernen, aber auch wirtschaftlich denken können.

Zwanzig Prozent der Klassikstars von morgen, die in Liechtenstein Meisterkurse bei internationalen Grössen belegen können und von denen einige ihr Können ab nächster Woche im Grand Resort Bad Ragaz zeigen, kommen aus der Region. Die Herkunft, etwa aus Begabten-Gegenden wie Russland oder Fernost, sei nicht das Entscheidende, sagt Dražen Domjanic, sondern die Disziplin, die Hingabe und das Wissen um den Wert der künstlerischen Beschäftigung.

Die Ausstrahlung auf der Bühne ist lernbar

Dass insgesamt eher weniger ­junge Musikerinnen und Musiker aus unseren Breiten kämen, hänge auch mit dem Wohlstand zusammen, der es schwerer mache, sich voll und ganz und unbeirrbar der Musik zu widmen, findet Domjanic. Virtuosität und Präzision sei das eine, Ausstrahlung das andere. Aber auch die könne man und müsse man sich erar­beiten. «Charisma ist lernbar» heisst denn auch eine Veranstaltung vor dem eigentlichen Festival, bei der junge Musikerinnen und Musiker erfahren können, wie man körperliche und geistige Haltung auf der Bühne entwickelt und was einen wirklich auf der Bühne trägt. Aber auch Themen wie der «Zugang zu meinem inneren Leuchten» stehen auf dem Programm. Die Schauspielerin Adele Landauer und die Fernsehmoderatorin Nina Ruge coachen den Klassiknachwuchs unter dem Motto «Art & Heart».

Als «philanthropisches En­gagement» sieht der kroatische Künstler und Intendant seine Arbeit. «Die jungen Leute sind Kollegen, sie erhalten ein Honorar. Wir präsentieren sie in Bad Ragaz nicht als Mittel zum Zweck. Ich bin kein Sportveranstalter und will keine Fachidioten heranzüchten, sondern Musiker, die Musik, aber auch das Leben selbst verstehen», sagt Dražen Domjanic, der zudem Intendant des Sinfonie­orchesters Liechtenstein ist.

Als «klassischen Musik-Scout» bezeichnet sich der ­umtriebige Manager selbst, der weiss, dass viele Spitzenmusiker zukünftig nicht vom Konzertieren allein leben können. «Junge Künstler müssen lernen, wie sie sich erfolgreich vermarkten können», sagt Domjanic und weiss das aus eigener Erfahrung. Sein breites Engagement wird mit «weit unter zehn» Prozent von der öffentlichen Hand gefördert. Damit Initiativen wie das Festival Next Generation oder die Internationale Musikakademie überleben, brauche es viele Gönner, Sponsoren und Stiftungen. Das bedeute für ihn auch, sich nicht auf dem Erreichten auszuruhen, sagt Dražen Domjanic.