FESTIVAL: Der Chef der Klassik-Flotte

«Identität» lautet das Thema des Lucerne Festival. Intendant Michael Haefliger strahlt dabei eine grosse Ruhe aus – und hat Grund, stolz auf sein Werk zu sein.

Rolf App
Drucken
Lockt jeden Sommer viel Klassikpublikum nach Luzern: Michael Haefliger. (Bild: Jakob Ineichen)

Lockt jeden Sommer viel Klassikpublikum nach Luzern: Michael Haefliger. (Bild: Jakob Ineichen)

Rolf App

rolf.app

@tagblatt.ch

Nachdem wir das bevorstehende Lucerne Festival haben Revue passieren und über den Nachwuchs gesprochen haben, reden wir noch ein wenig über Davos – den Ort, der für Michael Haefliger eine grosse Bedeutung hat. In zweierlei Hinsicht. 1958, drei Jahre vor seiner Geburt, haben seine Eltern dort ein altes Haus gemietet, in dem Haefliger sich noch heute gern mit seiner Frau entspannt. Dort findet er Abstand zum hektischen Alltag eines Intendanten und Gelegenheit, seine Gedanken und Pläne zu ordnen, was für ihn enorm wichtig ist. Zum andern hat in Davos in gewissem Sinn alles begonnen. «Ich war 24 Jahre alt und habe dem Verkehrsdirektor den ­Vorschlag gemacht, ein kleines Festival für junge Nachwuchskünstler zu organisieren. Überraschenderweise ist er darauf eingestiegen.»

Eher eine kleine Flotte denn ein Supertanker

Wenn er schon damals so ruhig und überlegt aufgetreten ist wie heute, muss man sich allerdings nicht wundern über den Verkehrsdirektor. Nicht nur mit Künstlern weiss Michael Haefliger umzugehen, auch mit Geldgebern. Das Rüstzeug fürs Ökonomische hat er sich in Harvard und an der HSG erworben, nachdem er an der New Yorker Juilliard School gemerkt hatte, dass er es in seinem Instrument, der Geige, nicht an die Spitze schaffen würde. Musik musste es sein, das war für den Sohn des berühmten Tenors Ernst Haefliger klar, nun aber halt anders.

So brachte er zuerst das heutige Davos Festival zum Blühen, 1999 wechselte er nach Luzern, vom gut überblickbaren kleinen Schiff auf den Supertanker sozusagen. Wobei ihm der Begriff Supertanker nicht wirklich zutreffend erscheint. «Ich denke eher, dass es sich um eine kleine Flotte handelt», sagt er. «Immer wieder mal kommt ein Schiff dazu. Und was wir an Ideen neu entwickeln, muss in das Ganze passen.»

Und es muss, natürlich, finanzierbar sein. «Ich muss den Interessen unserer Partner Verständnis entgegenbringen – und zugleich überzeugt sein von den eigenen Inhalten», verrät Haefliger eine seiner einfachen Regeln im Umgang mit den Geldgebern.

Die Resultate sind beeindruckend. Aus einem Festival sind drei geworden (zu Ostern, im Sommer und am Piano), mit – im letzten Jahr – 148 Konzerten, 105800 Besuchern und einer hohen Auslastung von 90 Prozent. Und: Zum Gesamtbudget von 23,2 Millionen Franken tragen Stadt und Kanton Luzern nur gerade 1,3 Millionen bei. Weit wichtiger als das finanzielle Gleichgewicht ist freilich der künstlerische Ertrag. Haefliger hat es geschafft, Luzern zum Brennpunkt der klassischen Musik zu machen. Und zwar nicht mit Allerweltsprogrammen grosser Orchester, Dirigenten und Solisten, sondern mit gezielter Programmpolitik. Im Grossen ist es das Thema, das ein Festival jeweils beherrscht. Nach «Revolution», «Psyche» und «PrimaDonna» in den vorherigen Jahren geht es ab 11. August um «Identität». «Wir erörtern dieses Thema Jahre im Voraus mit unseren künstlerischen Partnern, aktuell vor allem mit Riccardo Chailly, dem Chefdirigenten des Lucerne Festival Orchestra», sagt Haefliger. Dieses jeden Sommer aus angesehenen Musikern gebildete Orchester setzt einen gewichtigen Akzent. Andere kommen diesmal von der Geigerin Patricia Kopatchinskaja und dem Cellisten Jay Campbell, den diesjährigen «artistes étoiles», und vom «composer-in-residence» Michael von der Aa. Jay Campbell hat in der Lucerne Festival Academy begonnen, jener Institution, die Haefliger zur Förderung von Nachwuchs und zeitgenössischer Musik gegründet hat. «Wir tun viel für den Nachwuchs, mit der Academy und mit Débutkonzerten», sagt er denn auch. «Sorgen machen mir eher die Zukunftsaussichten der jungen Musikerinnen und Musiker. Denn das Angebot ist so gross.»

Schlechter Schlaf und Albträume

Von den Konzerttourneen haben wir noch nicht gesprochen. Nicht von den Kinder- und Gratiskonzerten, die das Festival für ein neues Publikum öffnen. Es sind viele Fäden, die Michael Haefliger an langen Arbeitstagen in zahllosen Sitzungen zusammenführen muss. Vor allem jetzt, da das Grossereignis des Sommers naht. Manchmal schläft er schlecht und erwacht aus einem Albtraum wie letzte Nacht («Da war irgendwas mit einem Hauptsponsor»). Da hilft es, wenn er sich zurückziehen kann. «Am Wochenende habe ich mich in Hergiswil, meinem Hauptwohnsitz, auf die Terrasse gesetzt, mir überlegt, was diese Woche ansteht, und was ich erreichen will.» Einen Plan haben: Das ist das Wichtigste in seinem Beruf, der ihn ständig begleitet, «nicht immer zur Freude meiner Frau».

www.lucernefestival.ch 11. August- 10. September

Aktuelle Nachrichten