FESTIVAL: Auf diesem Erbe lässt sich abheben

Zum elften Mal «Nordklang» in St. Gallen und erneut ausverkauft. Ein weiteres Mal ist es auch eine Konzertnacht, die eindrücklich belegt, wie kreativ die Musik aus dem Norden ist.

Andreas Stock
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The Desoto Caucus verbreiten mit ungeschminkten Balladen und staubigen Rocknummern Stallgeruch. (Bild: Michel Canonica)

The Desoto Caucus verbreiten mit ungeschminkten Balladen und staubigen Rocknummern Stallgeruch. (Bild: Michel Canonica)

Andreas Stock

andreas.stock@tagblatt.ch

Bleiben oder gehen? Um diese Frage kommt man am «Nordklang»-Festival nicht herum. Zwar gibt es jene, die sich für eines der fünf Konzertlokale entscheiden und die ganze Samstagnacht verweilen. Doch zum Nordklang-Erlebnis gehört, dass man mehrere Bands und Musikstile erleben kann – und dazu zwischen Palace, Grabenhalle, Pfalzkeller, Hofkeller und Kellerbühne hin und her pendelt. Aber dann startet man, geleitet vom Programm-Leporello, seine Musik-Tour beispielsweise im Pfalzkeller bei Hohka – und mag gar nicht weg. Denn die fünfköpfige Formation aus Finnland spielt diese Art Folkmusik, die man gerne als «typisch nordisch» bezeichnet.

Das liegt einerseits an der Instrumentierung. Mit Violine, Nyckelharfe, dem finnischen Nationalinstrument Kantele sowie Akkordeon werden beschwingte, oft schnelle Tonfolgen gespielt, wie es sie in den meisten skandinavischen Ländern und in Irland gibt. Dazu gesellen sich Kontrabass und Perkussion. Hohka begeistern mit dynamischen Arrangements, die zwischen ruhigen und rockigen Passagen variieren. Alles Eigenkompositionen, die sich auf das musikalische Erbe beziehen, aber daraus moderne Folk-Musik machen, die kaum still sitzen lässt.

Doch eigentlich sollte man weiter, hinüber in die Kellerbühne, wo das dänische Frauenquartett We Like We auftritt. Die Musikstudentinnen nutzen die Tradition für eigene Klangwelten. Sie experimentieren mit klassischer Musik, die sie in minimalistische, mit Gesang begleitete Klangbilder verweben. In der Trio-Formation ohne Sängerin hatten sie am Donnerstagabend zum Auftakt des Festivals den Stummfilm «Der Rächer von Davos» im Kinok vertont. Das auf ebenso eigenwillige wie faszinierende Weise. Sie orientierten sich an den fünf Kapiteln, in denen der Schweizer Stummfilm um einen Heiratsschwindler erzählt ist. Jedes Kapitel hat eine eigene musikalische Färbung bekommen. Die Musikerinnen hatten an dieser für sie neuen Aufgabe so viel Freude, dass sie weitere Auftritte mit dem Film planen.

Mit Stallgeruch und Eigenständigkeit

Doch die Zeit drängt, es gilt unbedingt noch The Desoto Caucus im Palace zu hören. Also durch die eher ruhige St. Galler Nebelnacht zur Band aus Dänemark, die soeben ihr neues Album «4» herausgebracht und unter anderem als Giant Sand für Howe Gelb spielte. Ihre musikalische Heimat ist nicht traditionelle dänische Musik, sondern rockiger Americana. «Stallgeruch» kommt einem als Beschreibung dafür spontan in den Sinn, lauscht man ihren ungeschminkten Balladen und staubigen Rocknummern. Und erfährt, sie hätten ihr neues Album tatsächlich in einem ehemaligen Pferdestall aufgenommen.

Nicht immer hat es an jedem Ort gleich einen freien Platz. Aber mit etwas Geduld bekommt man meist noch ein Ohr voll mit. Auch bei Therese Aune und bei Ida Gard. Beide Singer-Songwriterinnen sind zierliche Frauen, die sich einfach mal alleine auf die Bühne stellen und mit ihren starken Stimmen den Raum füllen. Therese Aune mit E-Piano und eher in poppigen, jazzigen Gefilden, Ida Gard mit E-Gitarre und rockigen Balladen, die ein wenig an Tori Amos erinnern. Beide beeindrucken das Publikum mit ihrer musikalischen Präsenz und Eigenständigkeit.

Als Newcomer des Jahres wurden Symbio 2016 mit dem schwedischen Folk- und World Music Award ausgezeichnet. ­Johannes Geworkian-Hellman auf der Drehleier und Larsemil Öjeberget auf dem Akkordeon haben sich im Musikstudium kennengelernt und gehören zu einer jungen Generation, die das musikalische Erbe als Sprungbrett für einen kreativen Crossover nutzen.

Bei ihrem ersten Schweizer Konzert begeisterten Symbio mit einer von virtuoser Fingerfertigkeit geprägten Musik, die modern klingt, doch vom archaischen Klang der Drehleier lebt, deren Tastenklappern fast perkussiv klingt. Wie die beiden jungen Musiker Traditionelles und Zeitgenössisches für ihre frische, nordische Musik verschmelzen, ist nur ein weiteres Beispiel dafür, dass das «Nordklang»-Festival ein Ort für Entdeckungen ist.