FERNSEHSTAR: «War das eine verrückte Zeit»

Als noch niemand offen über Alkoholprobleme sprach, spielte Linda Gray jede Woche in «Dallas» eine Säuferin, ganze Nationen sahen ihr dabei zu. Jetzt hat sie ihre Memoiren veröffentlicht.

Roland Schäfli
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Linda Gray spielte die Rolle der Sue Ellen in der Dallas-Serie zwischen 1978 und 1989 und in der kurzlebigen Fortsetzung 2012 bis 2014. (Bild: Getty)

Linda Gray spielte die Rolle der Sue Ellen in der Dallas-Serie zwischen 1978 und 1989 und in der kurzlebigen Fortsetzung 2012 bis 2014. (Bild: Getty)

Roland Schäfli

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@tagblatt.ch

«Dallas» setzte mit Rekord-Quoten und den vielleicht grössten Schulterpolstern der 80er-Jahre Standards. Sie war jene aus der Sippe der Ewings, die immer einen Scotch in der Hand hielt. In ihrem autobiografischen Buch macht sie das Alkoholproblem in ihrer Familie öffentlich. Aus der Rolle der «Sue Ellen», als betrogene Ehefrau des Öl-Magnaten J. R. Ewing ursprünglich nur als Nebenfigur angedacht, machte die 1940 geborene Linda Gray eine Identifikationsfigur des weiblichen Publikums. Obwohl sie noch in anderen Serien auftrat und erfolgreich auf der Bühne stand, blieb die trunkene Lady der Southfork Ranch ihre prägendste Rolle.

Wollen Sie mit Ihrer Biografie eine falsche Vorstellung korrigieren, die das Publikum von Ihnen hat?

Die Menschen nehmen an, dass ich Sue Ellen bin. Das ist nicht ihr Fehler. Wenn man so viele Jahre in ihr Wohnzimmer kommt, kann man das schon verwechseln. Aber niemand von uns ist so eindimensional. Ich bin ein Mensch. Mit dem Buch wollte ich einen Einblick in dieses Leben geben, das nicht so einfach und gerad­linig verlaufen ist. Darum der Titel: «The Road to Happiness is always under Construction.»

Der deutsche Titel «Sue Ellen und Ich» setzt den fiktionalen Charakter vor Ihr reales Selbst. Kommt Sue Ellen noch immer zuerst?

Oh, nein. Zwar liebe ich Sue Ellen. Sie ist wie eine Freundin. Ich danke ihr, denn sie war ein wichtiger Teil meines Lebens. Dank ihr hatte ich eine schöne Karriere.

Was verloren Sie, als Sie «Dallas» nach 11 Jahren freiwillig verliessen?

Vieles. Erst da vermisste ich, einfach jeden Tag zur Arbeit gehen zu können, mit Freunden einen tollen Job zu machen. Nicht viele von uns können von sich behaupten, sich jeden Morgen auf die Arbeit zu freuen! Aber ich bekam auch etwas: Ich bekam mein Leben zurück. Ich wusste ja gar nicht mehr, wie das war, länger als bis 4.30 Uhr morgens zu schlafen! (lacht)

Viele Frauen erzählten Ihnen, Sue Ellen habe sie ermutigt, ihren Ehemann zu verlassen. Überlegen Sie manchmal, wie viele Leben Sie damit verändert haben?

Heute schon. Aber während man die Rolle spielt, denkt man natürlich nicht an solche Folgen. Wir haben so viele Episoden gedreht, dabei hat man kaum Zeit, sich mal umzuschauen. Ich wollte ­einfach meinen Job so gut wie möglich machen und dann nach Hause gehen.

Als Sie Sue Ellen als Alkoholikerin spielten, die den Frust ihrer Ehe mit Drinks ersäuft, dachten Sie dabei an den Alkoholismus Ihrer Mutter? Und sprachen Sie mit den Autoren darüber, wie die Rolle geschrieben werden sollte?

Nein, habe ich nie. Denn Sue ­Ellen und meine Mutter waren total getrennt. Ich wollte nicht, dass das Problem meiner Mutter Teil meiner Arbeit wird. Meine Mutter trank, aber sie war dennoch 62 Jahre glücklich verhei­ratet. Sie war also nicht wie Sue Ellen. Ich habe das immer auseinandergehalten. Klar, jetzt sagen die Menschen, ihre Mutter war Alkoholikerin, da muss es ihr leicht gefallen sein, die trinkende Sue Ellen darzustellen. Nichts könnte weiter von der Wahrheit entfernt sein. Das wollte ich im Buch klarstellen.

Historisch gesehen ist es interessant, dass Betty Ford (Frau des US-Präsidenten Gerald Ford) ihr Alkohol­problem öffentlich machte, während Sue Ellen am ­Fernsehen für jedermann sichtbar eine Alkoholikerin war.

Stimmt. Als unsere First Lady offen über dieses Problem sprach, war das ein Novum. Wenn damals jemand zugab, ich mache eine Therapie, dann dachten alle: Die ist verrückt, die wird jetzt ­eingewiesen. Alkoholprobleme waren tabu.

War «Dallas» der Blueprint für Serien wie «House of Cards», in denen es um Geld und Macht geht?

Ich liebe «House of Cards!» Aber ich will nicht Äpfel mit Birnen vergleichen. Wir haben in der Fernsehwelt sicherlich den Trend gesetzt, grosse Familien mit ­Problemen zu zeigen. Durch «Dallas» dachte das Publikum im Ausland aber auch, alle Ameri­kaner wären wie Sue Ellen und J. R: reich und mächtig, in riesigen Häusern, mit Juwelen und Autos. Dass «Dallas» in jener span­nenden Zeit unserer Gesellschaft auftauchte, ist historisch interessant. «Dallas» bot den Menschen eine wöchentliche Fluchtmöglichkeit aus ihrem Alltag.

370 Millionen Menschen weltweit sahen die legendäre Folge, in der enthüllt wird, wer auf J. R. geschossen hat. Sind solche Quoten heute überhaupt noch möglich?

Die TV-Welt hat sich geändert. Damals gab’s ja in den Staaten nur drei Networks und keine Videorecorder. Man musste also vor dem Fernseher «live» dabei sein. Ich weiss noch, viele Bars und Restaurants mussten TV-Geräte aufstellen, weil die Gäste sonst weggeblieben wären. Heutzutage schaut man solche Events ja auf dem Telefon.

Dabei hat es drei Staffeln gedauert, bis «Dallas» beim Stammpublikum etabliert war.

Der Sender hat uns dreimal verschoben. Anfangs waren wir am Samstag gesetzt, das funk- tionierte nicht. Statt uns rauszuwerfen, hat man experimentiert. Erst auf dem Sendeplatz am Freitag wurden wir zum Hit. Wenn man heute nicht gleich gute Ratings kriegt, ist man weg vom Fenster.

Können Sie das derzeitige Revival der 80er-Jahre nachvollziehen?

Ich liebe die 80er! War das nicht eine verrückte Zeit!? Alles war überlebensgross! Darum war «Dallas» perfekt für diese Ära. Die Mode und die Frisuren und die Autos! «Dallas» bildete die 80er wunderbar ab, es war für diese Zeit und für diese Gesellschaft die perfekte Show.