Fenster zur Seele

Im St. Galler Museum im Lagerhaus sind Porträts von sieben Kunstschaffenden zu sehen. Mit ihrer intensiven Präsenz fordern sie den Betrachter zur Auseinandersetzung auf.

Christina Genova
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Hans Weder malt auf einzelne Linien reduzierte Gesichter. (Bild: pd/Karl Müller, Roggwil)

Hans Weder malt auf einzelne Linien reduzierte Gesichter. (Bild: pd/Karl Müller, Roggwil)

Hundertzehn Augenpaare schauen jeden Besucher des Museums im Lagerhaus an. Sie verfolgen ihn und lassen ihn nicht aus den Augen, während er durch die Ausstellung spaziert. Passenderweise heisst sie «Augenblicke». Da kann es einem auch mal etwas ungemütlich werden. Die Augen gehören zu Porträts von grosser Intensität, die von sieben Künstlerinnen und Künstlern stammen.

Ätherische Frauen

Da sind Augen, die dunkel in den Höhlen liegen und vom Leiden und tiefer Trauer erzählen, die den 73jährigen Künstler Otto Gilli immer wieder überkommt. Seine Depressionen haben es ihm verunmöglicht, eine Laufbahn als freier Künstler einzuschlagen. Er arbeitete schliesslich als Zeichenlehrer. Seine Gesichter scheinen in Auflösung begriffen, kommen sich selbst abhanden.

Das Flüchtige ist auch den Acrylbildern Berta Balzlis (1920–2010) eigen. Doch wirken die Frauenfiguren der Autodidaktin nicht schwermütig, sondern ätherisch, fast geisterhaft. Ihre zarte und geheimnisvolle Aura kontrastiert mit dem harten Leben der Bäuerin und Mutter, die mit 37 Jahren Witwe wurde.

Porträt als Gegenüber

Hans Weder, der einzige Ostschweizer Künstler der Ausstellung, lebt in einem Wohnheim in Herisau. Dort lagern Hunderte seiner Zeichnungen. Auch ihn haben wiederkehrende psychische Krisen in seiner künstlerischen Entwicklung gebremst. Er malt fast ausschliesslich Gesichter. Für den 60-Jährigen ist es eine Möglichkeit, sich ein Gegenüber zu schaffen, eine Lösung aus der Not, aus der Einsamkeit heraus. Mit wenigen Strichen gelingt es ihm, ein Antlitz zu skizzieren, reduziert auf Auge, Nase, Mund. «Wenn ich Gesichter male, wage ich es, andere Menschen anzusehen» sagt Hans Weder.

Verwüstete Gesichter

Stapelweise Porträts hat auch der Zürcher Walter Casanova (1918–1999) produziert, nur wusste kaum jemand davon, dass der Bildhauer auch malte. Ängstlich war er darauf bedacht, sie niemandem zu zeigen. Eigentlich hätte er gewollt, dass seine Gemälde nach seinem Tode vernichtet werden. Doch sein Freund Adrian Hossli schaffte es, sie zu retten. Während Walter Casanova als Bildhauer eher konventionell arbeitete, entstanden seine Porträts, mit welchen er jede Konvention verlässt, in rauschhaften Arbeitsexzessen. Der Künstler schloss sich jeweils in sein Atelier ein und arbeitete Tag und Nacht. Entstanden sind verwüstete, beunruhigende Gesichter, die in Abgründe blicken lassen.

Stefan Gruber (*1972) füllt eine ganze Wand mit einer Porträtserie, die auch auf seinem Blog zu sehen ist. Es sind androgyne, koboldhafte Gesichter mit starrem Blick. Ihre Züge variieren nur wenig und erinnern an japanische Mangas. Malen bedeutet Stefan Gruber Flucht. Er malt Gesichter, weil sie «das Leben widerspiegeln». Auch er hält sich immer wieder in der Psychiatrie auf. All diese Augenpaare schauen fordernd, verlangen nach Auseinandersetzung. Wer sich auf sie einlässt und die Blicke erwidert, erhält Einblicke in die Untiefen der Seele.

Augenblicke, Museum im Lagerhaus St. Gallen, bis 17. 11. 2013.

Eines von Berta Balzlis ätherischen Frauenporträts. (Bild: pd/Museum im Lagerhaus)

Eines von Berta Balzlis ätherischen Frauenporträts. (Bild: pd/Museum im Lagerhaus)