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Federica de Cesco: Liebesdrama in der eigenen Familie

Federica de Cesco verarbeitet in «Der englische Liebhaber» ein Stück Familiengeschichte: Ihre Tante hat nach dem Zweiten Weltkrieg eine Liaison mit einem britischen Offizier. Der Geheimdienst sabotiert ihre Liebe.
Arno Renggli
Federica de Cesco beim Lesen des Briefwechsels zwischen ihrer Tante und dem britischen Offizier. (Bild PD)

Federica de Cesco beim Lesen des Briefwechsels zwischen ihrer Tante und dem britischen Offizier. (Bild PD)

Dieses Buch ist für Federica de Cesco (80), die mit «Der rote Seidenschal» als Teenager weltberühmt wurde und seither über 50 Romane verfasst hat, kein Buch wie jedes andere: Diese Geschichte ist ein Teil ihrer selbst. Nur war sie sich dessen jahrzehntelang nicht bewusst.

Im Jahre 2007 wird sie von ihrer hochbetagten Tante angerufen. Diese lebt in einem Seniorenheim im deutschen Münster und bittet um einen Besuch. «Ich hatte meine Tante eher wortkarg in Erinnerung», berichtet Federica de Cesco bei unserem Treffen in ihrer langjährigen Wahlheimat Luzern. «Doch die Tante war sehr lebhaft. Am Ende des Besuchs bat sie mich, in ihre Wohnung zu fahren und alles mitzunehmen, was mir gefalle, da sie ohnehin nicht mehr nach Hause komme. Tatsächlich starb sie wenige Wochen später.»

Federica de Cescos Tante in jungen Jahren. Anna ist ihr Name im Roman, er wurde aus Rücksicht auf die Familie geändert.

Federica de Cescos Tante in jungen Jahren. Anna ist ihr Name im Roman, er wurde aus Rücksicht auf die Familie geändert.

Briefe ihrer Tante und dem englischen Geliebten

In der Wohnung stösst de Cesco auf vier Schuhkartons voller Briefe, Fotos und Tonbänder. «Ohne grosses Interesse nahm ich die Kartons mit, verstaute sie zu Hause in einem Schrank. Ich hatte andere Prioritäten.» Erst letztes Jahr sichtet sie die Dokumente: «Ich fiel aus allen Wolken: Was ich las und hörte, berührte mich tief. Ich entdeckte die Liebesgeschichte meiner Tante mit einem Offizier der britischen Besatzungsarmee.»

Es ist der November 1945: Deutschland ist besiegt. Vieles ist zerstört, auch die Seelen der Menschen, die zwischen Schmerz, Not und aufkommendem Schuldbewusstsein weiterzuleben versuchen. Die junge Deutsche Anna arbeitet als Übersetzerin für die Briten und lernt einen Offizier kennen. Sehr behutsam nähern sich die beiden einander an. Nicht nur, weil sie Feinde waren: Er ist verheiratet und hat Kinder.

Doch die beiden spüren, dass sie zusammengehören, er will das Familiäre regeln, dann soll sich die Liebe ihres Lebens erfüllen. Es kommt anders: Der Offizier wird in den Nahen Osten abkommandiert. Anna verliert den Kontakt zu ihm, ihre Briefe werden nicht beantwortet, keine Nachricht mehr kommt von ihm. Dabei ist sie doch schwanger.

Tochter als zweite zentrale Frauenfigur

Es wird ein Vierteljahrhundert vergehen, ehe sich die beiden wieder begegnen. Der dramatische Ausgang sei hier nicht verraten. Aber passiert ist es tatsächlich. Der britische Offizier war ein Mitarbeiter des Geheimdienstes, Dokumente belegen, dass er sich dort in den höchsten Kreisen bewegt hat. Und die Vermutung liegt nahe, dass es der Geheimdienst war, der den Briefwechsel der beiden Liebenden aus Gründen der Sicherheit unterbunden hat.

All dies hat Federica de Cesco zum Roman «Der englische Geliebte» verarbeitet. Darin blickt die betagte Anna als Erzählerin auf die Ereignisse zurück. Fast ebenso wichtig aber ist ihre Tochter Charlotte, uneheliche Folge der damaligen Affäre. Sie tritt am Anfang des Buches als erwachsene Frau in Erscheinung, welche in der Wohnung ihrer Mutter die damaligen Briefe, Tonbänder und Tagebücher findet. Dies in Analogie zu Federica de Cesco.

Charlotte ist eine psychologisch spannende Figur. Als Kind leidet sie darunter, unehelich zu sein, und sie kann dies auch später ihrer Mutter kaum verzeihen. Zumal sie auch den Groll gegen den fehlenden Vater auf die Mutter projiziert. Später kommt es noch zu einer Begegnung mit ihm, welche die Autorin mit viel Einfühlungsvermögen schildert.

Viele Dokumente, viel Wissensvermittlung

Dieses ist auch sonst eine grosse Stärke des Romans, nebst seiner Authentizität natürlich. Federica de Cesco nimmt in Kauf, dass die Geschichte vielleicht nicht ganz das Tempo und die Handlungsdichte hat, wie wenn sie in freier Fiktion komponiert worden wäre. Dafür sind ihr die Figuren zu wichtig, genauso wie dokumentarische Genauigkeit, die sich vor allem im zweiten Teil auch in vielen wörtlich abgedruckten Briefen und Tonaufnahmen zeigt.

Auch auf die Schilderung der historischen Hintergründe legt sie grossen Wert, mit dem Zweiten Weltkrieg und der Nachkriegszeit im Zentrum. Hier hat die Wissensvermittlung zuweilen Priorität gegenüber dem Erzählfluss. Man merkt das Anliegen der Autorin, dieser anspruchsvollen Materie wirklich gerecht zu werden. Und die Emotionalität dieser Geschichte mit der deutschen Übersetzerin und dem britischen Offizier kommt voll zum Tragen. «Es war die grosse Liebe», ist Federica de Cesco überzeugt. Eine Liebe, die in damaliger Zeit nicht sein durfte.

Diese Tonbandaufnahme sprach der britische Offizier Dirk (Bild) auf und schickte sie seiner geliebten Anna. Er tat dies, als sie einander nach fast 25 Jahren wiedergefunden hatten.


Federica de Cesco: Der englische Liebhaber. Europa Verlag, 358 S., Fr. 30.-

«Meine Mutter missbilligte das Kind meiner Tante»

Federica de Cesco, in Ihrem Buch berichten Sie ja von Ihrer eigenen Familie. Kommen Sie auch selber darin vor?

Meine Tante, die Protagonisten des Buches, lebte damals mit dem Kind bei ihren Eltern in Münster. Meine Mutter und ich wohnten auch für kurze Zeit dort. Damals war man wenig tolerant. Meine Mutter missbilligte das uneheliche Kind und warf meiner Tante vor, den guten Ruf der Familie aufs Spiel zu setzen. Dieses Kind war acht Jahre jünger als ich, sodass ich wenig Interesse an ihm hatte. All dies stimmt mit dem Roman überein. Wobei in Wirklichkeit das uneheliche Kind meiner Tante ein Knabe war.

Im Buch ist es ein Mädchen, aus dem dann eine sehr eigenwillige Frau wird. Und diese wiederum entdeckt die Briefe ihrer Eltern. Hier bringen Sie sich ja quasi selber in die Figur ein.

Das war ein erzählerischer Kniff. Wobei es mir nicht darum ging, mich mit dieser Tochter zu identifizieren. Dass sie tough auftritt, was vielleicht eine Ähnlichkeit mit mir selber ist, ergibt sich aus ihrer Situation und den Konflikten mit der Mutter, die sie seit der Kindheit in sich trägt. Auch darum war es für die Story psychologisch interessanter, aus dem Sohn, der in der Realität früh gestorben ist, eine Tochter zu machen. Zudem haben mir solche Änderungen dabei geholfen, eine gewisse erzählerische Distanz zu bewahren. Was ja wegen meiner emotionalen Betroffenheit schwierig genug war.

Im Buch fällt auf, dass Sie sehr viele historische Fakten einbauen, vor allem zum Zweiten Weltkrieg und zur Nachkriegszeit. Und diese via Figuren auch mit moralischen Wertungen versehen.

Ich muss zugeben, dass ich damals und auch später eigentlich sehr wenig mitbekommen habe, was in dieser Zeit passierte. Darum war es mir extrem wichtig, das nachzuholen. So habe ich viel recherchiert. Und tatsächlich war es mir ein Anliegen, diese Informationen im Buch zu verarbeiten und sie auch aus moralischer Sicht zu beurteilen. Zumal es ja auch heute noch Erscheinungen wie damals gibt, wenn ich zum Beispiel an die Verfolgung von Minderheiten denke. (are)

Federica de Cesco. (Bild: Dominik Wunderli)

Federica de Cesco. (Bild: Dominik Wunderli)


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