Faust – ein gescheiterter Spezialist

Was interessiert heute noch an Goethes «Faust»? In Konstanz stellt Johanna Wehner keinen Gelehrten, sondern einen zeitgenössischen Individualisten auf die Bühne: Ein «armes Würstchen». Probenbesuch vor der morgigen Premiere.

Hansruedi Kugler
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Faust (Ingo Biermann) auf schrägem Terrain hinten, vorne Mephisto in dreifach cooler Ausführung (Andreas Haase, Natalie Hünig, Peter Posniak). (Bild: Theater Konstanz/Ilja Mess)

Faust (Ingo Biermann) auf schrägem Terrain hinten, vorne Mephisto in dreifach cooler Ausführung (Andreas Haase, Natalie Hünig, Peter Posniak). (Bild: Theater Konstanz/Ilja Mess)

KONSTANZ. Goethes «Faust», jenes Drama des frustrierten, einsamen Gelehrten, der alles studiert hat und doch sagt: «Da steh ich nun ich armer Tor und bin so klug als wie zuvor.» Der dann mit dem Teufel einen Pakt schliesst, sich verjüngt und sich ins wonnig-lüsterne Leben schmeisst, eine junge Frau verführt und schwanger hocken lässt. Faust ersticht deren Bruder, sie wird zur Kindsmörderin. Was soll man mit diesem Schauerstück heute noch anfangen? Da kommt Regisseurin Johanna Wehner gleich in Fahrt: «Mein Faust ist eben gerade kein blosses Gelehrtendrama.» Denn die Sinnkrise, in der er sich befindet, sei sehr gut in die Gegenwart und auf sehr viele von uns übertragbar: Einsamkeit als Resultat von Individualismus und Selbstverwirklichungswahn, und dies in einer Gesellschaft, in der viele ihre Lebenspläne enttäuscht aufgeben. Die dadurch drohende soziale Sackgasse mache anfällig für Überkompensation. «Ich stelle mir meinen Faust nicht als Gelehrten vor, sondern eher wie einen etwas verschrobenen Spezialisten, ein armes Würstchen», sagt Johanna Wehner.

Quereinsteigerin ins Regiefach

Seit letzter Saison ist die 34jährige Johanna Wehner Oberspielleiterin am Theater Konstanz. In dieser Funktion ist sie neben Intendant Christoph Nix zuständig für die Zusammensetzung des Schauspielensembles. Als studierte Germanistin und Philosophin ist sie eigentlich eine Quereinsteigerin. Nach dem Zweitstudium in Opern- und Sprechtheater-Regie in München arbeitete sie als freie Regisseurin und wurde vom Theatermagazin «Theater Heute» als beste Nachwuchsregisseurin nominiert. In ihrer ersten Saison inszenierte sie in Konstanz Isabel Allendes «Das Geisterhaus» und August Strindbergs «Der Vater».

Verführbarer Antiheld

Mit ihrer «Faust»-Inszenierung zielt sie nun geradewegs auf heutige Fragen: Fausts Frustration, dass es ihm nicht gelingt, herauszufinden, «was die Welt im Innersten zusammenhält», ist für Johanna Wehner nur eine Spielart der Sinnkrise, der Schaffenskrise, der Midlife crisis. «Wer bin ich? Von dieser Frage ist Faust besessen», sagt Wehner. Das sei eine zeitgenössische Krankheit. «Er hat aber keine soziale Vernetzung, ihm fehlt der Sinn für Gesellschaft, er weiss nicht, wie menschliches Miteinander funktioniert.» Deshalb reagiert er in der Sinnkrise so haltlos. Seine Ich-Bezogenheit macht ihn anfällig: In diesem Sinne sei Faust also ein zeittypischer Antiheld, ein leicht Verführbarer, ein zwar nicht unsympathischer Zögerer, aber ein manipulierbarer Frustrierter. Dass solche Figuren jede Moral vergessen und zu Zynikern werden, mag erschrecken. Aber: «So wird offenbar, wozu der Mensch fähig ist, ganz ohne den Teufel», steht im Programmheft.

«Tschüsschen, Tschüsschen»

Die Brücken, die Johanna Wehner von Goethe ins Heute schlägt, sind inhaltlich und formal: «Mich interessiert das Auseinanderdriften von Wertesystemen», sagt sie. «Und immer auch die Frage: Wie können wir leben, wie sollen wir leben.» Goethes Faust stand als Figur für den individuellen Wissensdrang der Neuzeit und dessen Drama. Wehner stellt Faust als Zeitgenossen auf die Bühne. Und als unsere Zeitgenossen stehen die Darsteller dann auch auf der Bühne: Hier ist kein Gelehrtenzimmer, keine Hexenküche, kein «Auerbachs Keller» mit Saufgelage. Auf der Bühne sieht man ein eingestürztes Haus. Die Schauspieler klettern auf abschüssigem Terrain und mit wackligen Beinen herum. Sphärisch-cooler Elektrosound vereinnahmt Faust genauso wie die Spasskultur, auf die er stösst: «Hallöchen, ja und Tschüsschen». Faust, der sich in einen verschrobenen Individualismus zurückgezogen hat, biedert sich lächerlich an. Dann begegnet er dem reizend-scheuen Gretchen und Faust kennt kein Halten mehr.

Den Text hat Johanna Wehner um die Hälfte gekürzt, die Verse aber beibehalten. Gerade deshalb wird an der Sprache intensiv gearbeitet. Es droht das Gekünstelte, der hohe Ton. Immer wieder sagt sie: «Schau, dass Du nicht zu literarisch wirst. Sprich die Verse so, wie Du es selbst sagen würdest.» Den Mephisto hat sie in drei Figuren aufgeteilt: Zwei Männer, eine Frau. Sie nehmen Faust in die Zange und decken seine Schwächen auf.

Johanna Wehner Regisseurin und Oberspielleiterin am Theater Konstanz (Bild: Theater Konstanz/Ilja Mess)

Johanna Wehner Regisseurin und Oberspielleiterin am Theater Konstanz (Bild: Theater Konstanz/Ilja Mess)