Fast ein Thriller

ST.GALLEN. Mit «Zwielicht» zeigt Marco Santi seine dritte Tanzinszenierung in der St.Galler Kathedrale. Die präzise Musik von Jay Schwartz bedient sich deutlich auf Effekte angelegter Mittel.

Martin Preisser
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Blinde Hingabe im Ausgeliefertsein erfordert diese Szene aus Marco Santis Tanzstück «Zwielicht» in der Kathedrale. (Bild: Coralie Wenger)

Blinde Hingabe im Ausgeliefertsein erfordert diese Szene aus Marco Santis Tanzstück «Zwielicht» in der Kathedrale. (Bild: Coralie Wenger)

Zwei Reihen Gläser, fast die ganze Hauptschiff-Breite der Kathedrale einnehmend – würden die am Ende des Tanzes in der Kathedrale als Scherbenhaufen enden? Mitnichten. Die Tänzerinnen und Tänzer der Tanzcompagnie des Theaters St. Gallen sollten an diesen Gläsern zu Glasharfenspielern werden, die den «Zwielicht»-Abend sphärisch ausklingen liessen. Was Marco Santi da bereits das dritte Mal im sakralen Raum inszenierte, trug unverkennbar seine Handschrift. Und doch: Gegenüber dem Vorjahr, als Paul Gigers «Pert Em Hru» getanzt wurde, war jetzt doch vieles überraschend anders.

Kalkulierte Klangideen

Die Musik von Jay Schwartz hat nicht diesen suchenden, sich entwickelnden Ansatz wie Giger, sondern setzt konsequent auf präzise, genau kalkulierte Klangideen. Auch wenn es um musikalische Konzepte des Übergangs und um geheimnisvolle Schnittstellen geht, lässt sich Schwartz gern von der Macht wirkungsvoller Effekte leiten. Diese kann er auslösen, manchmal aber um den Preis, dass die Musik steht und sich im Fliessen bremst.

Die genauen Klangmuster wurden von der Orgel (Willibald Guggenmos) und den drei begeisternd den Raum füllenden Posaunen (Alain Pasquier, Krasimir Stefanov, Daniel Vesel) sehr präzise, ja messerscharf präsentiert.

Den stringent abgesteckten musikalischen Strukturen setzt die Tanzcompagnie von Marco Santi eine Stunde lang etwas ungeheuer Schwebendes gegenüber, fast so, als würde der Tanz mit der Musik selbst ein Zwielicht, einen Übergang erzeugen wollen. Fallen – Halt finden, Dunkel – Hell, Diesseits – Ferne, Sterben – Auferstehen, Gefangensein – befreit werden, Trauer – Traum, haftend – bodenlos: Den elf Tänzerinnen und Tänzern (elegant und in variationsreichen Schwarz-Weiss-Kontrasten von Marion Steiner eingekleidet) gelingen schwerelose Tanzbilder, alles ist in unaufhörlichem Fluss, die Bewegungen bekommen mehr und mehr fast etwas von einer rituellen Zwangsläufigkeit.

Auffällig ist, zu wie vielen kirchlichen Bildern dieser Tanz in der Kathedrale diesmal greift. Die Tänzer an den Gläsern, das erinnert an das Bild der Jünger beim Abendmahl. Es gibt Pietà-Zitate. Und auf elf Stühlen als weiterer Inszenierungsidee bekommen manche Szenen etwas Priesterliches, jedenfalls die Farbe eines konzentrierten Kollektivs. Mancher Einfall erinnert an Grablegungen, mancher an die reuige Sünderin.

Aufheben, Fallenlassen

Bei sakral reduziertem Tanztempo wird in «Zwielicht» dennoch nicht auf Virtuosität verzichtet. Kreisen und Taumeln, ein vielfältiges Aufheben und Fallenlassen von Tänzerinnen (das vor allem auch im Hauptgang intensiv gezeigt wird), kurz: ein farbig akrobatisches Spiel mit der Schwerelosigkeit, die als Zustand oft angestrebt ist. Grosse Momente der Konzentration und Verinnerlichung gelingen in genau dargestellten Szenen, in denen Tänzerinnen blind den Weg vom Altar ins Kirchenschiff hinaus finden müssen. Das sind dann im wahrsten Sinne Schwellengänge und die Momente, die das Thema Übergang am intensivsten ausleuchten. Jay Schwartz' Musik ist siebenteilig aufgebaut, mit einer gewaltigen Orgeltoccata im Zentrum. Hauptideen sind ist der Einzelton, der sich glissandoartig verliert, und Glissandi, die sich zum Einzelton finden. Gegenläufige Skalen bilden das zweite beherrschendes Strukturmerkmal, das in dieser Partitur konsequent durchgehalten wird. Schwartz will mit «Zwielicht» keine Handlung zeigen oder eine Geschichte illustrieren, sondern Verläufe zeigen – genau berechnete. Manchmal hat hat das eine gewisse Starre als Resultat strengen Ordnungsprinzips zu Folge.

Wispern und Sirenen

Jay Schwartz und seinen vier Musikern gelingt es, den weit ausgeschöpften Ambitus der Instrumente plastisch, greifbar zu machen. Da schnauft die Posaune, die Orgel wispert, dann kommen Klangballungen, die an das Treiben auf einem Flugfeld erinnern oder an Sirenen und Schiffsmotoren. Und Schwartz lässt die Tänzer singen und sie über kleine Glissandi schliesslich zurückkehren zur Gregorianik eines Notker Balbulus. Die Musik des St. Galler Mönchs hat Einfluss auf «Zwielicht», auch wenn Schwartz diesen Einfluss stets zeitlos einfärbt.

«Zwielicht», das auch von einer fein abgestimmten, im Blau dominierenden Beleuchtung (Andreas Enzler) lebt, ist trotz seiner Thematik kein «spirituelles» Tanzstück. Nicht selten zeigt es Übergänge, Schwebendes fast laborartig seziert. Die zweifellos intensiven Hör- und Seheindrücke erreichen anders als bei Paul Giger letztes Jahr weniger eine Wirkung der Versenkung oder Nachdenklichkeit, sondern erzeugen eher die Spannung eines Thrillers. Das Thema «Zwielicht» wird nicht assoziativ, sondern modern kalkuliert getanzt und musiziert. Eine neue Facette des Tanzes in der Kathedrale, mit einem durchaus unheimlichen Prickeln bisweilen.

Weitere Aufführung: Mo, 2.7., Kathedrale, 21 Uhr

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