Fassbinder im ulkigen Sketch-Format

Mit dem schroffen Anti-Rassismus-Kinofilm «Angst essen Seele auf» gelang Rainer Werner Fassbinder 1974 der Durchbruch. Am Theater Konstanz wird er zum schrillen Variété mit superdoofen Nebenfiguren umgebaut – die Inszenierung wird dadurch selbst lächerlich.

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Die Liebe beginnt: Emmi (Bettina Riebesel) und Mphundu (Mphundu Mjumira) tanzen in der Gastarbeiter-Bar. (Bild: Theater Konstanz/Ilja Mess)

Die Liebe beginnt: Emmi (Bettina Riebesel) und Mphundu (Mphundu Mjumira) tanzen in der Gastarbeiter-Bar. (Bild: Theater Konstanz/Ilja Mess)

«Wenn wir zusammen sind, müssen wir gut zueinander sein. Sonst macht das Leben doch gar keinen Sinn», sagt Emmi. Für sie und Mphundu gilt das besonders. Denn die überraschende, zarte Liebe zwischen der verwitweten Putzfrau und dem Gastarbeiter aus Malawi stösst auf verächtliche Ablehnung und wird für sie selbst zur Zerreissprobe. Er ist viel jünger, vor allem aber Ausländer, schlimmer noch: Schwarzer. Und das seien ja alles «geizige, ungewaschene Schweine», die es nur auf Sex abgesehen haben, und Frauen, die sich mit ihnen einlassen, seien «Huren» – so sehen das die Nachbarn, die Putzkolleginnen, ja selbst Emmis erwachsene Kinder. Seit Pegida und AfD ist solche rassistische Schreihalsrhetorik wieder brandaktuell. Nur: Als schrille Theaterfiguren geifern sie ihren Rassismus so selbstgefällig und ordinär heraus, dass man sich in die doofste Reality-Show des Privatfernsehens versetzt fühlt. Emmis Tochter giftelt über ihren Mann: «Faul ist er», was dieser zurückgibt: «Halt’s Maul, Schlampe.» Wenn Theater sein Publikum herausfordern soll: Hier geht der Schuss weit daneben. Mit solchen Knallchargen hat man natürlich gar nichts gemein.

Emmis wunderbar bodenständiger Charme

Zwischen den beiden Publikumstribünen steht eine runde Bühne mit abgewetztem Blumenteppich. Hier dreht sich Emmis Wohnung, der Hausflur, der Lebensmittelladen um die Ecke – und die verruchte Bar, wo sich Emmi und Mphundu begegnen. Kulissen braucht diese Inszenierung keine, die Darsteller ziehen sich ständig um, wechseln im Minutentakt ihre Rollen. Bettina Riebesel spielt Emmi wunderbar fein, herzhaft, mit bodenständigem Charme. Mphundu Mjumira gibt den Mphundu etwas eindimensional als fröhliches Kerlchen. Die Nebenfiguren machen sich zu Clowns. Es müsste einem den Atem rauben (tut es aber nicht), wie die geifernden Rassisten sich bald wieder in ekelhafte Opportunisten verwandeln: Man will Emmis Geld, braucht sie als Babysitterin und Mphundu als Möbelschlepper.

Fassbinders rassistischen Figuren steckte noch die Nazi-Vergangenheit in den Knochen, was die Dringlichkeit seines Films steigerte. Er servierte es mit eiskalter Nüchternheit. Regisseurin Johanna Schall richtet hingegen die rhetorische Schlacht als ulkig-schrilles Variété an. Männer hüpfen in schlabbrigen Röcken wie Hexen auf ihrem Wischmob, Emmis Sohn kreischt und hüpft wie ein Schimpanse, Didi Hallervordens «Palim, palim»-Sketch wird als Klingelzeichen für den Laden um die Ecke missbraucht, immer wieder trällert die Truppe Madonnas «Like a Virgin». Das Premierenpublikum belohnt den Ulk öfters mit lautem Kichern.

Alleine die Multikultigemeinschaft in der Gastarbeiter-Bar lebt jenes humanistische Credo, das die Figuren zu Beginn geloben: «als deutsche Staatsbürger das deutsche Grundgesetz zu achten». Die Botschaft ist dem sonst wortgetreu umgesetzten Fassbinder-Text hinzugefügt. Johanna Schall entlässt das Paar zudem in ein versöhnendes Happy End. Bei Fassbinder verreckte der Gastarbeiter an einem Magengeschwür – wie alle Gastarbeiter, die die Gefühlskälte nicht ertragen. So sagte es der resignierte Arzt. Das war atemberaubend.

Hansruedi Kugler

hansruedi.kugler

@tagblatt.ch