Farbige Poesie vom Bodenseeufer

Der Künstler Markus Reich aus Romanshorn hat sich immer wieder mit der Kamera einem Floss am Bodensee genähert. Seine Bilderstreifen zeigen «Ins Land gegangene Zeit» und wecken Assoziationen rund ums Erinnern und Vergessen.

Roger Berhalter
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Technisches und Organisches: Markus Reich vor seinen Werken. (Bild: Benjamin Manser)

Technisches und Organisches: Markus Reich vor seinen Werken. (Bild: Benjamin Manser)

«Die Zeit geht ins Land», heisst es. Selten ist die Redewendung so wörtlich gemeint wie im Fall des Flosses in der Romanshorner Badi. Im Sommer schwimmt die Badeplattform im Wasser, ist ein begehrtes Ziel für Schwimmer und Taucher. Im Winter hingegen liegt das Floss an Land und im Trockenen. «Ich spaziere seit Jahren an diesem Floss vorbei», sagt Markus Reich, der seit 20 Jahren am Bodensee lebt. «Die Badi im Winter ist für mich ein poetischer Ort.»

Die Sommerzeit wird sichtbar

Vom Floss an Land war Reich sofort fasziniert, vor allem von den Sedimenten und Algen an dessen Unterseite. Alle diese Ablagerungen entstehen während der Badesaison im Sommer, wenn die Zeit an der Badeplattform nagt. Erst im Winter, an Land, werden die Sedimente sichtbar. «Plötzlich wurde mir bewusst: Hier ist die Sommerzeit präsent», sagt Reich. Die (Sommer-)Zeit war ins Land gegangen. «Ins Land gegangene Zeit» heisst denn auch Reichs Ausstellung in der Macelleria d'Arte, die auf den Ablagerungen am Bodenseeufer beruht, und die wie seine früheren Arbeiten vom Erinnern und Vergessen erzählt.

Offene Bildsprache

Zwei Winter lang hat der Künstler das Floss hundertfach fotografiert. Ausgedruckt auf Papier dienten ihm die Bilder als Farbkarten, mit denen er seine Werke komponierte. In der Macelleria d'Arte hängen sieben grosse und 45 kleine Bilderstreifen. Sie zeigen, was Reich am Bodenseeufer vorgefunden hat, und noch viel mehr. Denn wüsste man nicht, dass es sich um Sedimentstrukturen handelt, könnte man auch an anderes denken. An blühende Felder oder farbige Wolken, an Herbstlaub oder Planeten- und Vulkanlandschaften. Markus Reich gelingt eine offene, poetische Bildsprache.

Durchbrochen werden die Farbflächen von klaren schwarzen Gitterstrukturen. Dabei handelt es sich um Platinen von Taschenrechnern, die normalerweise unter den Tasten verborgen bleiben. Sie verweisen auf das, was man täglich tippt und speichert und löscht, und auch sie wecken viele Assoziationen: von weitem muss man an Röhrenwerke denken, an Grundrisse eines Gebäudes, an asiatische Schriftzeichen vielleicht. Auf jeden Fall kontrastiert die Technik mit den organischen Flächen und gibt dem Auge Halt. Markus Reich hat die Bilder zudem im 12er- und 24er-Verhältnis angeordnet, womit er auf die menschliche Einteilung der Zeit verweist.

Das Floss hat eine Geschichte

Man kann lange vor den Bilderstreifen verweilen und entdeckt immer wieder neues. Markus Reich hat dem Floss in der Romanshorner Badi zu seiner eigenen Geschichte verholfen, zu seiner eigenen Zeit.

Bis 29. Juni in der Macelleria d'Arte (Gartenstrasse 11), jeweils Di–Sa, 15–19 Uhr