Kinofilm «Glaubenberg»: Eine Liebe an der Grenze zwischen Phantasie und Wirklichkeit

In seinem neuen Film «Glaubenberg» erzählt Thomas Imbach, ausgehend von seinen Erinnerungen, von der Liebe zweier Geschwister – bis der Wahn überhandnimmt.

Interview: Irene Genhart
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Die Newcomer Francis Meier und Zsofia Körös spielen das Geschwisterpaar Noah und Lena. (Bild: Frenetic)

Die Newcomer Francis Meier und Zsofia Körös spielen das Geschwisterpaar Noah und Lena. (Bild: Frenetic)

Thomas Imbach, in ihrem neuen Film fühlt Lena sich mehr zu ihrem Bruder Noah hingezogen, als dies unter Geschwistern üblich ist. Wie kamen Sie zu dieser Geschichte?

Es begann mit dem Titel, dem Wort «Glaubenberg». Daran knüpft sich für mich eine Kindheitserinnerung: Mein Vater leistete am Glaubenberg Militärdienst, ich habe ihn dort mit meiner Schwester besucht. Davon ausgehend, entstand die Bruder-Schwester-Geschichte. Während dem Schreiben stiess ich auf Ovids Metamorphosen und war verblüfft, als ich in der uralten Geschichte von Byblis und Kaunos meine eigene Geschichte wiederfand. Das verlieh meinem Projekt eine neue Dynamik.

Lena ist besessen von ihrer Liebe zu Noah. Diese ­Besessenheit findet sich in verschiedenen ihrer Filme: «Mary Queen of Scots», «Happiness Is a Warm Gun» oder «Lenz». Was reizt sie an diesen Figuren?

Filmemachen ist ein intuitiver Prozess: Ich wähle die Figuren nicht aus, sie kommen zu mir. Irgendwann merke ich dann, dass ich infiziert bin von einem Stoff. Bei «Glaubenberg» und bei «Lenz» gibt es auch biografische Bezüge: Dass man etwas bedingungslos will, um jeden Preis dafür kämpft, das kenne ich auch.

Sie haben schon früher einen Dokumentarfilm über ­Heranwachsende gemacht: «Ghetto». Nun steht wieder ein Teenager-Girl im Zentrum. Bestehen Verbindungen?

Bei «Ghetto» von 1997 realisierte ich, dass eine neue Generation herangewachsen ist, und die wollte ich in Erinnerung an meine eigenen Flegeljahre kennen lernen. Bei «Glaubenberg» geht es weniger um das Coming-of-age, als um die Leidenschaft: Im Moment, in der die Sexualität erwacht, entwickelt man eine ungeheure Kraft, um in eine Sache alles, auch alle Gefühle, zu investieren. An Figuren wie Mary, Lenz und Lena interessiert mich, dass sie nicht in die heutige Welt passen, derart bedingungslose Gefühle sind in unserem Alltag nicht lebbar. Tatsächlich aber sind es archaische Momente, welche die Menschheit seit jeher prägen: Schon bei Ovid geht die Schwester auf den Bruder los.

Sie sind in Luzern aufgewachsen, leben aber seit 33 Jahren in Zürich. Ist «Glaubenberg» eine Rückkehr in Ihre Heimat und wofür steht der Pass symbolisch?

Wie gesagt, am Anfang war es nur der Klang des Wortes «Glaubenberg». Ich bin dann in diese Moorlandschaft zurückgekehrt und begann sie zu erkunden. Im Film ist es die Landschaft der Kindheit, eine Erinnerung auch an zwiespältige Kinderspiele. Der Bruder ist für Lena der Zugang zur (Männer-)Welt. Hier zeigt sich das Geschwisterdilemma: Man ist sich nahe und weicht zugleich voreinander zurück. Bei Lena und Noah knistert es zudem erotisch. Mein Film zeigt, wie sich auch in einem toleranten Umfeld ein Familiengeheimnis entwickeln kann. Dabei zeige ich Lena nicht als Opfer, sondern als «Täterin», die ganz bewusst und lange Zeit emotional kontrolliert ihren Weg geht, bis der Wahn überhandnimmt.

Landschaften sind in ihren Filmen wichtige erzählerische Komponenten. Auf­fallend oft kommt Wasser vor. Was bedeutet das?

Landschaften spiegeln in meinen Filmen innere Gefühlswelten und Wasser ist der lebendige Teil davon. Abgesehen davon macht es Spass, Landschaften zu filmen: Ich kehre oft über längere Zeit – bei «Glaubenberg» waren es drei Jahre – allein mit der Kamera immer wieder an einen Ort zurück und warte, bis ich eine bestimmte Stimmung einfangen kann.

Zsofia Körös, welche Lena spielt, hat man noch nie auf Leinwand gesehen. Wie haben Sie sie gefunden?

Ich habe an vielen Schulen Castings durchgeführt. Mit Zsofia habe ich vor den Dreharbeiten über ein Jahr gearbeitet, um sie zu diesem starken innerlichen Spiel hinzuführen. Auch die Darsteller von Noah und seinem Freund Enis hatten keine Schauspielerfahrung.

Am Anfang ihres Filmes steht: «Nach einer wahren Geschichte, inspiriert von einer Legende», gewidmet ist er ihrer Schwester.

Genau. Es ist eine Hommage, der Film ist aus biografischem Erleben hervorgegangen. Aber es ist keine Verfilmung biografischer Ereignisse.

«Glaubenberg» erzählt von Dingen, für die man in ­Gesprächen keine Worte mehr findet; zum Schluss weiss der Zuschauer nicht genau, was wirklich geschehen ist.

Der Film spielt genau damit: Er bewegt sich auf dem Grat zwischen Wirklichkeit und Lenas Fantasie. Das Ende ist eine Befreiung, ob im Tod oder Neuanfang überlasse ich dem Zuschauer. Der Film führt vom Einzelschicksal in den Mythos: Bei Ovid verwandeln sich Byblis’ Tränen zum Schluss in eine Quelle.

Ab Donnerstag im Kino.