Fanatiker triumphieren

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François Truffaut (1932–1984). (Bild: Getty Images/1978)

François Truffaut (1932–1984). (Bild: Getty Images/1978)

France Zwar stellt es schon einen Schönheitsfehler dar, dass seine Landsleute und Zeitgenossen Émile Zola und Marcel Proust den Nobelpreis für Literatur nicht erhalten haben. Aber man kann Anatole France, der 1924 80-jährig starb, durchaus als der Ehre würdig ansehen, die ihm 1921 nach längerem Hin und Her verliehen wurde. Einem Teil des Nobelkomitees war er ohnehin immer noch zu links und viel zu politisch. Genau dies aber begründet die Aktualität seines Romans «Die Götter dürsten» aus dem Jahr 1912, der sich am ehesten zum Kennenlernen eignet.

Todesurteile in immer rascherem Takt

Dass Anatole France dieses Sittenbild der Französischen Revolution zwei ­Jahre vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs schrieb, hat seinen tieferen Grund: Der Fanatismus, der «Die Götter dürsten» als einen roten Faden durchzieht, findet sich nicht nur in seiner eigenen, kriegsschwangeren Zeit. Er findet sich eben- so heute. Auch in unserer Gegenwart leben Menschen, die sich wie dieser Évariste Gamelin zum Werkzeug blutiger Mächte machen lassen. Dabei führt der junge Maler ein Doppelleben. Offiziell lebt er das prinzipienfeste ­Leben eines Anhängers der in ihrem vierten Jahr heiss umkämpften Revolution und steigt zum Geschworenen an jenem Gericht auf, das Todesurteile in immer rascherem Takt verhängt (und am Ende ihn selbst unter der Guillotine abliefern wird). In aller Heimlichkeit aber liebt er Élodie, die Tochter eines Kunsthändlers.

Die Menschen «so regieren, wie sie sind»

Gamelin glaubt fest, im Besitz der alleinigen Wahrheit zu sein, und findet im verarmten Adeligen Brotteaux des Ilettes, mit dem er sich heftige Debatten liefert, seinen Gegenspieler. Nach- sicht sei ein Verbrechen, meint Gamelin, «die Guillotine muss das Vaterland retten!» Brotteaux hingegen glaubt nicht, «dass die Revolution die Gleichheit einführen wird, auch wenn man im Land alles von oben nach unten kehrt». Man müsse «die Menschen so regieren, wie sie sind, und nicht, wie man sie haben möchte».

Rolf App