Familienoper boomen, obwohl immer weniger Eltern klassische Musik hören 

Warum ist das so? Regisseurin Nina Russi (35) weiss warum. Die Schweizerin inszeniert am Opernhaus Zürich die Grusel-Oper «Cora­line»

Anna Kardos
Drucken
Teilen
Obs wirklich besser ist in der anderen Welt? Coraline (Deanna Breiwick) wird es herausfinden.

Obs wirklich besser ist in der anderen Welt? Coraline (Deanna Breiwick) wird es herausfinden.

Sie hat es geahnt. Schon als es statt schrumpliger Kartoffeln plötzlich Pancakes zum Zmittag gab. Auch als Coralines Mama vom Dauerstress zum Dauerstrahlen wechselte. Und sogar Papa plötzlich Zeit hatte. Das konnte nicht mit rechten Dingen zugehen.

Tut es auch nicht. Schliesslich ist «Cora­line» am Opernhaus Zürich eine veritable Fantasy-Oper mit hohen Tönen und ebenso hohem Gruselfaktor. Wer also in die Klage einstimmt, dass klassische Aufführungen abschreckend wirken, kann nun wortwörtlich in einer Kinderoper das Fürchten lernen.

Ganz abschrecken lassen wird sich das Publikum allerdings nicht. Denn am Zürcher Opernhaus boomt gerade alles, was im Familienformat daherkommt: Kinderopern auf der Studiobühne sind serienmässig ausverkauft. Und auch für die grosse Bühne ist es nicht leicht, ein Ticket zu ergattern.

Der Erfolg ist garantiert

Bereits vor der Premiere steht also fest, dass «Coraline» ein Erfolg wird. Doch die Geschichte hat auch ohne Vorschusslorbeer einiges drauf. Sie dreht sich um Coraline: 11 Jahre alt und ganz schön altklug; Einzelkind, mit ­Betonung auf «einzel». Denn Coralines Eltern arbeiten in der Kreativbranche und hechten von Deadline zu Deadline. Zeit für das Mädchen hat niemand. Bis es eines Tages eine geheimnisvolle Tür entdeckt.

Durchgehen oder nicht? Schon verwandelt sich die Bühne des Opernhauses vor den Augen des Publikums in eine geheimnisvolle Welt in Grün, es öffnen sich Türen in Zimmer, die eigentlich gar keinen Platz haben in der Kulisse (oder täuschen einen die Sinne?). Und zwei in die Jahre gekommene Schönheiten ändern ihre Leibesfülle nach Lust und Laune. Willkommen in Anderwelt!

Nina Russi (Cop: HO)

Nina Russi (Cop: HO)

«Ich bin eine richtige
Action-Regisseurin»

«Kindern soll man durchaus Spektakel bieten. Und ich bin eine richtige Action-Regisseurin», meint Nina Russi (35) im Gespräch mit dieser Zeitung. «Wenn alle nur herumstehen und singen, ist mir das selber viel zu langweilig. Ich glaube in der Oper an Parallelitäten – dass man in einer Bühnenecke etwas sieht, und vorn läuft schon wieder etwas anderes. Unsere Sinne können so viel aufnehmen und spüren. Oft nicht konkret, aber als Atmosphäre, als Magie.» 

Mit dieser Magie hat sich die Aargauerin in der Opernszene einen Namen gemacht, als erste Schweizerin den Götz-Friedrich-Preis erhalten – und als Regieassistentin am Opernhaus Zürich mit ihren Inszenierungen bereits mehreren Familienopern («Die Gänsemagd» (2015); «Gold» (2016)) zum ­Sehen-wollen-Faktor verholfen.

Seit Beginn der Intendanz von ­Andreas Homoki sind die Besucher­zahlen der Familienopern hoch (87 Prozent), Tendenz steigend. Ob «Die Schatzinsel», «Das Gespenst von Canter­ville» oder «Robin Hood», der Intendant lässt für Kinder und Jugendliche einiges an Action über die roten Samtsessel und den goldenen Stuck ­fegen.

Das Gruselkabinett des Dr. Homoki

«Coraline» passt in das spielerische Gruselkabinett des Doktors Homoki. Denn nach anfänglicher Begeisterung des Mädchens über die honigsüsse Zunei­gung, die ihr in Anderwelt triefend entgegenschwappt, entpuppt sich der Ort als Albtraum. Die dauerlächelnde Mutter ist eine Hexe, welche es auf Cora­line abgesehen hat.

«Kinder und Jugendliche mögen natürlich Grusel und Abenteuer», sagt Intendant Andreas Homoki gegenüber dieser Zeitung. «Ich selbst kann mich gut erinnern, wie sehr mich als Kind spannende Geschichten begeistert haben. Und die Geschichten der Oper drehen sich seit jeher um Liebe, Leidenschaft und Tod. Umso wichtiger, dass es auch in Opern für Jugendliche spannend zugeht.»

Ob nun gruselig oder lieber märchenhaft. Für immer mehr Zürcher Familien gilt: Es ist Oper, und wir gehen hin. Was ist der Grund für den Boom, der umso erstaunlicher ist, als immer weniger Mütter und Väter selber Klassik hören? Dass die Familienopern am Zürcher Opernhaus sogar meist neue Werke mit zeitgenössischer Musik sind, lässt ihre Erfolgsgeschichte noch spektakulärer erscheinen. Bis zu 15000 grosse und kleine Besucher haben die Opern Jahr für Jahr gesehen und gehört – für neue Musik geradezu extraterrestrische Besucherzahlen.

Neuerdings spielt Oper mit Biogemüse und Frühenglisch in einer Liga

 «Wir hören zu Hause sehr viel Musik, aber kaum Klassik», erzählt Dana, ­Mutter von zwei Mädchen. «Jeder hat seine Playlist: Ella (9) mag Latin-Pop, Ich World Music; mein Mann Brit Pop, und Ria (6) hat sich noch nicht fest­gelegt.» In Kinderopern geht die Fa­milie trotzdem oft. Warum?

Wollen ­viele ­Eltern für ihr Kind einfach das Beste, sodass Biogemüse, Frühenglisch und Familienopern in derselben Liga spielen? Dana, die als Lehrerin arbeitet, differenziert: «Mein Mann und ich sind kulturell interessiert. Familienopern sind ein idealer Start, um mit Kultur in Berührung zu kommen», erklärt sie. «Sie sind nicht lang. Sie bieten eine ­visuelle Ebene. Und auch die Musik ist direkt sichtbar, weil sie von Menschen gemacht wird – anders als in einem Film, wo sie abstrakt bleibt.»

Auch Regisseurin Nina Russi hat diese Erfahrung gemacht: «Kinder haben musikalisch noch kein Wissen. Sie denken nicht: Oh, das ist verkappte moderne Musik, sondern nehmen einfach auf, was sie bekommen – auditiv, visuell.»

Wer sich schon mit einem Kind in die plüschigen Sessel einer Oper gesetzt hat, staunt, wie Kinder abtauchen ins klingend-visuelle Bühnengeschehen. Zeitgenössisch? Romantisch-melodisch? Schlagworte werden nichtssagend inmitten des kindlichen Sinnesrausches.

Doch wo es um Sinnesrausch geht, ist Nina Russi nicht weit. «Ich will, dass Oper alle Sinne anspricht. Nicht nur optisch, sondern auch mit den Gefühlen, die erzeugt werden», erklärt sie. Dabei hat Russi durchaus Anforderungen an sich: «Als Regisseurin ist es meine Aufgabe, die klassische Musik näher zu den Menschen zu holen und so zu übersetzen, dass eine Barriere gar nicht erst entstehen kann.»

Während es also Coraline zum Schluss auf der Bühne gelingt, die geheime Tür zur Anderwelt für immer zu verschliessen, geht gleichzeitig im Parkett für nicht wenige Kinder vielleicht eine Tür auf. Sie heisst Klassik. Und Sturmläuten ist durchaus erlaubt.
Coraline Opernhaus Zürich, ab diesen Samstag, 16. November. www.opernhaus.ch