Familiendrama unter zwei Diktaturen

Ulf Mauder/dpa
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Buchpreis Mit ihrer intimen Familiengeschichte «Sie kam aus Mariupol» bringt Natascha Wodin Licht in das Leben in den Diktaturen Stalins und Hitlers. Für ihren Roman hat sie den Literaturpreis der Buchmesse Leipzig bekommen. Sie selbst kam als Kind von Zwangsarbeitern zur Welt. Ihre bestürzende Spurensuche liest sich wie ein Krimi. Es ist mehr als ein halbes Jahrhundert her, dass sich Natascha Wodins Mutter nach zwei Tragödien im Alter von 36 Jahren das Leben nahm: Zuerst die Hungersnot unter Diktator Stalin und dann die Verschleppung durch Nazis aus der Ukraine. 70 Jahre nach ihrer Geburt begibt sich die Autorin auf eine späte Spurensuche.

Wodin spürt Verwandte in Russland auf

Lange haderte sie, die 1945 in Bayern als Kind heimatloser Ausländer zur Welt kam, mit der eigenen Herkunft. Es geht Wodin nicht darum, die von der deutschen Politik erst spät beachtete Ausbeutung der «Ostarbeiter» aufzuarbeiten. Vielmehr sind das schwierige Verhältnis zur eigenen Mutter und eine verborgene Trauer Ausgangspunkte für das tiefe Graben nach ihren ukrainisch-russischen Wurzeln. Wodin spürt entfernte Verwandte in der Ukraine und in Russland auf. Mosaikstein um Mosaikstein entsteht das Bild einer Familie, die mit jedem alten Foto, mit jeder Erinnerung auch ihre wird.

Grosse, traurige Familiengeschichte

Wodins Suche fällt in eine Zeit, da sich die Ukraine einmal mehr von Russland lösen will – und wie ehedem hin- und hergerissen ist zwischen der russischen und der ukrainischen Sprache. Auch so gelingt es Wodin, Historisches fast zum Anfassen nah in die Gegenwart zu holen. Der Erzählfluss bleibt unaufgeregt, selbst, als der Kannibalismus zur Zeit der Hungerkatastrophe in der Ukraine zur Sprache kommt. Ohne Selbstmitleid erzählt Wodin auch die intime Geschichte eines Mädchens, das im Chaos aufwächst, in der Schule mit Russenhass zermürbt und dann auch noch missbraucht wird. Es ist eine grosse, aber auch unendlich traurige Familiengeschichte, weil es für die Protagonisten oft wenig Hoffnung und schon gar keine Gerechtigkeit gibt.

Ulf Mauder/DPA