FAMILIENDRAMA: Gefrorenes Leben

Kenneth Lonergan erzählt in seinem meisterhaften, für sechs ­ Oscars nominierten Film «Manchester by the Sea» über innere Wunden, die nie heilen.

Walter Gasperi
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Walter Gasperi

focus@tagblatt.ch

Übers Meer nähert sich die Kamera der an der amerikanischen Ostküste gelegenen Kleinstadt Manchester by the Sea. Ins Bild werden auch zwei Männer mit einem Jungen gerückt, die auf einem Fischerboot angeln. Was es mit diesem Trio auf sich hat, bleibt zunächst offen, denn abrupt bricht die Szene ab und der Zuschauer wird ins winterliche Boston versetzt. Programmatisch ist dieser Auftakt für Kenneth Lonergans Erzählstil. Fortlaufend hält er Informationen zurück, baut Geheimnisse um die Figuren auf, die er erst langsam lüftet.

Nichts gibt der US-Regisseur zunächst preis über den schweigsamen Lee Chandler (Casey Affleck), der in Boston als Hausmeister alle möglichen Handwerksarbeiten verrichtet und wegen seiner Unfreundlichkeit immer wieder Probleme mit seinem Chef bekommt. Jeden Kontakt vermeidet er, lässt eine Frau in einer Bar abblitzen, neigt zu Aggressionen und wohnt in einer kleinen, beinahe fensterlosen Einzimmerwohnung, die an eine Gefängniszelle erinnert. Bewegung kommt in das quasi eingefrorene Leben Lees, als er die Nachricht erhält, dass er in seine Heimatstadt Manchester by the Sea zurückkehren soll. Auch hier hält Lonergan Informationen zurück, erst im Krankenhaus erfährt man, dass Lees an einer Herzschwäche leidender Bruder Joe (Joe Chandler) verstorben ist. Lee soll nun aber die Vormundschaft für dessen 16-jährigen Sohn Patrick (Lucas Hedges) übernehmen.

Teenager mit zwei Freundinnen

Gegensätzliche Charaktere treffen so aufeinander, denn während Lee sich völlig vom sozialen Leben abschottet, hat der Teenager zwei Freundinnen, spielt in einer Band und im Eishockeyclub seiner Schule. Während Lee unbedingt wieder aus Manchester weg möchte, möchte Patrick seine Heimatstadt auf keinen Fall verlassen. Meisterhaft verankert die Kamera von Jody Lee Lipes die Handlung in der winterlichen Küstenstadt. Weder Schauplatz noch Figuren wirken hier geschönt, sondern strahlen eine Natürlichkeit aus, die wesentlich zur Dichte dieses bestechend ruhig und kontrolliert erzählten Dramas beitragen.

In perfektem Aufbau bietet Lonergan in abrupt einsetzenden Erinnerungen Lees sukzessive Einblick in dessen Vorgeschichte, nähert sich langsam der schweren Schuld, die er durch einen Fehler auf sich geladen hat und an dem nicht nur seine Ehe zerbrochen ist. Dass er dafür von der Justiz nicht zur Verantwortung gezogen wurde, weil er ja kein Verbrechen beging, machte die Sache nicht leichter, sondern sogar noch schwerer. Doch wie jetzt nach dem Tod des Bruders ging auch damals das Leben weiter. In seiner Heimatstadt, in der fast alle von «DEM Lee Chandler» sprechen und einen Bogen um ihn machen, konnte und kann er freilich nicht mehr leben.

Grosses Schauspielerkino

Mit wunderbarer Zurückhaltung spielt Casey Affleck diesen Lee. Nachvollziehbar wird hier sein Verhalten und tiefstes Mitgefühl empfindet man mit diesem gebrochenen Mann, der in den Rückblenden als zwar chaotisch, aber lebenslustig und liebevoll gezeichnet wird. Grossartig ist aber auch Michelle Williams als Lees Ex-Frau, die zwar nur wenige Auftritte hat, bei einer Begegnung mit Lee aber für einen der bewegendsten Momente des Films sorgt.

Während in den meisten Filmen Schuldgefühle am Ende überwunden werden, beschönigt Regisseur Kenneth Lonergan nichts, macht klar, dass hier durch eine Unachtsamkeit eine psychische Wunde aufgerissen wurde, die nie heilen wird. Immer wieder sind zwar Szenen mit Händels «Messias» unterlegt, doch Erlösung gibt es hier keine. Das Leben geht zwar irgendwie weiter, lichter wird «Manchester by the Sea» auch, wenn nach zwei Stunden frostiger Winterstimmung im Finale vor einem Fenster spriessende Knospen doch einen kommenden Frühling andeuten und wenn das Auftaktbild auf dem Fischerboot wieder aufgenommen wird. Wie früher wird aber nichts mehr sein.

Filmstart

Ab morgen im Kino