Familie kompliziert

LESBAR BELLETRISTIK Es war höchste Zeit für diesen Roman. Denn die Familienverhältnisse, die Ruth Cerhas «Zehntelbrüder» zugrunde liegen, sind so kompliziert, wie sie heutzutage eben manchmal sind.

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LESBAR BELLETRISTIK

Es war höchste Zeit für diesen Roman. Denn die Familienverhältnisse, die Ruth Cerhas «Zehntelbrüder» zugrunde liegen, sind so kompliziert, wie sie heutzutage eben manchmal sind. Da hilft es, sich während der Lektüre einen Stammbaum dieser verrückten Familie aufzumalen – aber Vorsicht! Im Zentrum der Erzählung steht Mischa, der in der Küche der Gaststätte aufwächst, in der seine Mutter arbeitet. Aber dann findet Margrit einen neuen Mann, der danach eine neue Frau findet. Sie alle haben Vorgeschichten und Kinder aus diversen Vor-Verbindungen, und sie alle verstehen sich untereinander mal prächtig, mal weniger prächtig, wie das in Familien eben so ist. Weil Mischa als junger Erwachsener nun selbst in Beziehungskrisen gerät, merkt er, dass es Zeit wäre, mit seiner Familie ins Reine zu kommen – die Erzählung hüpft also zwischen Vergangenheit und Gegenwart hin und her. Cerha erzählt flüssig, wie all diese Menschen verzweifelt und auf manchmal reichlich schräge Art das Glück suchen. Ein Schmöker für alle Halbbruder- und Stiefvater- Geschädigten.

Ruth Cerha: Zehntelbrüder, Eichborn 2012, 346 S., Fr. 29.90

Kindheit besonders

Mit dem Roman «Ein Geheimnis» wurde Philippe Grimbert schlagartig berühmt. Das Werk, in dem er die jüdische Vergangenheit seiner eigenen Familie aufspürte, war ein Riesenerfolg und wurde hochkarätig verfilmt. Mit «Ein besonderer Junge» legt Grimbert, Psychoanalytiker mit Schwerpunkt Jugendpsychiatrie, erneut ein feinfühliges, zartes Werk vor. Louis meldet sich darin auf eine Stellenanzeige, in der ein Vater Betreuung für seinen «besonderen Jungen» sucht. In Horville in der Normandie, wo Louis mit seinen Eltern oft die Ferien verbrachte, trifft Louis auf den autistischen Iannis und seine rätselhafte Mutter Helena. Iannis ist mal starr und scheinbar abwesend, mal rennt er wild herum und tut merkwürdige Dinge. Allmählich stellt sich heraus, dass Iannis' Verhalten das alle Grenzen überschreitende Gebaren seiner Mutter widerspiegelt. Schnörkellos und sprachlich sehr genau beschreibt Grimbert das verzwickte Verhältnis zwischen Louis, Iannis und Helena. Es passt, dass Grimbert seine Erzählung wundersam offen hält.

Philippe Grimbert: Ein besonderer Junge, dtv premium 2012, 176 S., Fr. 23.90

Valeria Heintges

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