FALL GURLITT: Geld macht gutgläubig

Eine neue Publikation untersucht die Rolle von Schweizer Museen und Kunsthändlern beim Ankauf von Werken während und nach dem Zweiten Weltkrieg. Thema ist auch das Kunstmuseum St. Gallen.

Julia Stephan
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Der spektakulärste Restitutionsfall bei Gurlitt: «Zwei Reiter am Strand» von Max Liebermann, bewacht von einem Sicherheitsmann. London, 19. Juni 2015. (Bild: ullstein bild)

Der spektakulärste Restitutionsfall bei Gurlitt: «Zwei Reiter am Strand» von Max Liebermann, bewacht von einem Sicherheitsmann. London, 19. Juni 2015. (Bild: ullstein bild)

Julia Stephan

focus@tagblattch

«Ich würde (die Bilder) gerne von ihrer Odyssee erzählen lassen», schreibt Anne Sinclair in der Biografie über ihren Grossvater, den jüdischen Galeristen Paul Rosenberg (1881–1959). Dessen Bilder hatten die Nazis während des Zweiten Weltkriegs geraubt. Auch so mancher Provenienzforscher träumt von sprechenden Bildern, insbesondere, wenn es um die über 20000 Werke avantgardistischer Kunst geht, welche die Nazis 1937 aus deutschen Museen unter dem Schlagwort «entartet» entwendet und mit einer nachgeschobenen rechtlichen Legimitierung im Ausland verscherbelt haben.

Über die Rückforderung dieser Raubkunst streiten sich Nachkommen, Anwälte und heutige Besitzer medienwirksam. Eine rechtlich bindende Grundlage für eine Rückgabe gibt es nicht. Die Ansprüche sind verjährt. Doch die 1998 von 44 Staaten unterzeichneten Washingtoner Richtlinien verpflichten Museen moralisch, nach einer «gerechten und fairen Lösung» zu suchen.

Aus dem Milliardenfund wurde ein Millionenfund

Seit die Öffentlichkeit 2013 von der Sammlung Cornelius Gurlitt erfuhr, ist viel geredet worden über Raubkunst, entartete Kunst, Geld und Moral. Weil Gurlitts Vater Hildebrand im Auftrag der Nazis entartete Kunst ins Ausland verkauft hatte, fehlte lange ein sachlicher Zugriff aufs Thema. Seit man sich einig ist, dass die Beschlagnahmung der Sammlung durch die deutschen Behörden rechtlich fragwürdig war – der Besitz entarteter Kunst ist nicht strafbar –, der vermutete Milliardenfund nach Untersuchungen auf einen Millionenfund geschrumpft ist und sich die Raubkunstfälle in Grenzen halten, geht man differenzierter mit dem Thema um. Die erste Rückgabe eines als Raubkunst deklarierten Gemäldes – Max Liebermanns «Zwei Reiter am Strand» – erfolgte 2015.

Drei Berner Journalisten haben den komplexen Fall und seine Nebenstränge weiter verfolgt. Im Buch «Der Gurlitt-Komplex» fragen sie nach der Rolle der Schweizer Kunsthändler, Privatsammler und Museen während und nach dem Zweiten Weltkrieg. Sie fordern mehr Transparenz bei der Dokumentierung von Sammlungsbeständen und stellen fest: «Wenn es um den günstigen Ankauf von Kunstwerken ging, legten viele Beteiligte während des Zweiten Weltkrieges eine hohe moralische Flexibilität an den Tag.»

Von Göring in ein Grandhotel in Luzern

Auch das Berner Kunstmuseum, das als Erbin der Gurlitt-Sammlung in einer Verantwortung steht, hat nach Recherchen der Autoren viel nachzuholen in Sachen Provenienzforschung. Eine Delegation aus Bern kam 1939 für eine Einkaufstour auch zur Auktion ins Luzerner Grandhotel National, wo der Galerist Theodor Fischer im Auftrag der Nazis 125 Werke entarteter Kunst unter den Hammer brachte – Luzern war neben Bern eine wichtige Drehscheibe für entartete Kunst. Nach dem Zweiten Weltkrieg beriefen sich viele Händler auf ihren guten Glauben beim Ankauf der Bilder. Die – aus Kal­- kül? – zur Schau gestellte Naivität zahlte sich aus. Man setzte seine Geschäfte nach dem Krieg nahtlos fort und machte mit der sehr gefragten entarteten Kunst, die plötzlich ein Statement gegen die Nazi-Vergangenheit war, ein grosses Geschäft. Abenteuerlich sind die sorgfältig recherchierten Schicksale von Raubkunstwerken aus Schweizer Sammlungen. Etwa das vom Gemälde «Port de Toulon» von Camille Corot, das dem jüdischen Sammler Rosenberg gehörte. Reichsmarschall Hermann Göring verleibte das Werk seiner Sammlung ein. Die französischen Bilder dienten ihm in Luzern später als Zahlungsmittel. Über einen Kurier gelangt das Bild 1942 nachts in ein Hotelzimmer des Luzerner Grandhotel National. Hier wurde das Bild Theodor Fischer übergeben. Zurück blieb eine leere Kiste.

Bund zahlt nicht für «gütliche Einigung»

Auch im Kunstmuseum St. Gallen hängt ein belastetes Werk. Es handelt sich um Holders «Stockhornkette mit Thunersee». Ursprünglich gehörte es dem im KZ ermordeten jüdischen Industriellen und Mäzen Max Silberberg aus Breslau. Wie das Werk genau in die Schweiz kam, ist bis heute nicht restlos geklärt. In den 1980er-Jahren verkaufte es der Berner Galerist Eberhard W. Kornfeld an den freisinnigen St. Galler Regierungs- und Nationalrat Simon Frick. 2001 forderten es Nachkommen Silberbergs zurück. Frick wehrte sich. Heute hängt das Bild als Dauerleihgabe der Simon-und-Charlotte-Frick-Stiftung im Kunstmuseum St. Gallen. Das Museum, dessen Direktor Roland Wäspe zugleich Mitglied der Simon-und-Charlotte-Frick-Stiftung ist, tut sich schwer mit der Sache. Offenbar, so die Autoren, scheue man sich aus finanziellen Gründen vor der Verantwortung. Der Bund lehnte es auf Anfrage des Museums ab, Geld für eine «gütliche Einigung» bereitzustellen.

Ein Graubereich sind bis heute Bilder, welche die Nazis aus deutschen Museen mitnahmen, obwohl es sich um Leihgaben privater Sammler handelte. Sie gelten als Raubkunst. Das zu beweisen, ist schwierig. Die Autoren nehmen auch die Anwälte in die Verantwortung. Gewiefte Anwälte nutzen den Umstand, dass unter Raubkunstverdacht stehende Werke mit einem Eintrag auf der Plattform lostart.de als unverkäuflich gelten. Es ist unklar, wie oft Institutionen und Händler zur Vermeidung eines Wertverlusts sich zu stillen Vergleichen überreden lassen. Wenn’s ums Geld geht, schwindet auch die Moral der Opferanwälte.