«F» wie «fesselnd»

Daniel Kehlmanns neuer Roman wartet mit dem Kürzesttitel «F» auf – und einer meisterhaft konstruierten Geschichte. Heute erscheint er.

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Daniel Kehlmanns Roman «F» handelt von einer Familie namens Friedland, von drei Brüdern, die Finanzberater, Kunsthistoriker und Priester sind. Ihr Vater Arthur hat sich in ihrem Leben rar gemacht und taucht dort ebenso wie in der Öffentlichkeit wie ein Phantom auf. Er ist erfolgreicher Schriftsteller und erinnert in seiner geheimnisvollen Erscheinung an J. D. Salinger oder Thomas Pynchon. Seine Bücher heissen «Mein Name sei Niemand», «Die Stunde des Jägers», «An der Mündung des Flusses».

Beim Hypnotiseur

Die Geschichte beginnt im Jahr 1984, als Arthur Friedland noch ein erfolgloser Autor ist und mit seinen Söhnen eine Vorstellung des Hypnotiseurs Lindemann besucht: Martin, der bei seiner Mutter, die vor langem von Arthur verlassen wurde, lebt, und die beiden 13jährigen Zwillinge Iwan und Eric, die Arthur mit seiner aktuellen Frau hat.

«Ihre Träume zu fürchten»

Martin wird später Priester werden und dennoch unablässig um seinen Glauben ringen, mehr von Rubiks Zauberwürfel denn von der Seelsorge fasziniert. Eric macht in der Finanzberatung ein Vermögen, ehe er sich mit betrügerischen Transaktionen an den Rand des Abgrunds manövriert. Der begabte Iwan studiert in Oxford Kunstgeschichte und beginnt ein abenteuerliches und einträgliches Spiel, in dem «F» wie Fälschung eine grosse Rolle spielt.

«Lindemann lehrt Sie, Ihre Träume zu fürchten», steht auf dem Werbeplakat des «Meisters der Hypnose», und schon im ersten Kapitel seines neuen Buches erweist sich Daniel Kehlmann erneut als ein Meister des Erzählens. So, wie der Hypnotiseur Arthur auf der Bühne im scheinbar beiläufigen Gespräch den Kern seines Lebens entlockt («Was wollen Sie?» – «Weg.» – «Von hier?» – «Von überall.»), entwirft der Autor seine Szene ohne allzu sehr zu forcieren mit grosser Direktheit und Lebendigkeit. Am Ende des Abends wird Arthur zu seinem geheimen Wunsch stehen. Er haut ab und lässt die Söhne bei ihren Müttern zurück.

Nach dieser Einführung begegnet man den drei Brüdern, aber auch dem Vater immer wieder. Kehlmann konzentriert sich dabei ganz auf den Augenblick, versucht den Leser in die jeweils aktuelle Episode hineinzuziehen und gleichzeitig die Zusammenhänge zu verschleiern.

Raffinierte Spiegelszenen

Kehlmann legt geschickt seine Fährten aus, baut Spiegelszenen ein, irritiert mit Einschüben, die wie Sackgassen wirken, und führt sorgsam ein Puzzlespiel zu Ende, dessen fertiges Bild manches an Irritation und Erschrecken bietet. Die Welt ist nicht gerecht. Nicht immer kommen Reue und Umkehr rechtzeitig, Verbrechen kann sich auch auszahlen. In den entscheidenden Passagen von «F», den Kulminationspunkten der Figuren, in denen sich alles verdichtet, zeigt Daniel Kehlmann, dass er auch als Thrillerautor reüssieren könnte, als Ghostwriter im wahrsten Sinne des Wortes: Man trifft auf Geisterhäuser und Gespenstererscheinungen und liest dennoch atemlos weiter, den Autor als Herr über Zeit und Raum akzeptierend.

Arthur Friedlands Erstling

«F» wie fesselnd und faszinierend also. Mit einem Wort: famos. Nur: «Mein Name sei Niemand» ist besser. Zumindest in der Theorie. Wie Daniel Kehlmann auf wenigen Seiten den Erstling Arthur Friedlands beschreibt, ein Buch, in dessen Zentrum ein junger Mann namens F steht, das eine wahre Selbstmordwelle auslöst und den raschen Ruhm des geheimnisvollen Autors begründet, ist brillant. (sda)

Daniel Kehlmann: «F», Rowohlt 2013. 384 S., Fr. 36.90