Exzentrische alte Italiener

Seit elf Jahren bereisen die beiden Brüder Martin und Werner Feiersinger Italien auf der Suche nach in Vergessenheit geratener Nachkriegsarchitektur. Nun ist daraus eine Ausstellung entstanden, die zur eigenen Recherche lädt.

Florian Weiland
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Zweimal «Italomodern»: Streng kubistische Wohnanlage von Angelo Mangiarotti in Monza und... (Bild: pd)

Zweimal «Italomodern»: Streng kubistische Wohnanlage von Angelo Mangiarotti in Monza und... (Bild: pd)

Der Grundstein wurde 1984 gelegt. Martin Feiersinger studiert noch. In einem Vortrag erwähnt einer seiner Professoren ein aussergewöhnliches Haus des Architekten Gino Valle, die «Casa rossa» in Udine. Feiersinger ist fasziniert und nimmt sich fest vor, sich dieses Gebäude irgendwann einmal genauer anzuschauen.

Die Faszination Gebäude

Es ist ein schöner Zufall, dass die «Casa rossa» nun das Plakat der Ausstellung im Vorarlberger Architektur Institut ziert. Die Ausstellungsmacher wussten nicht, dass dieses Haus für Feiersinger eine ganz besondere Bedeutung hat. Es ist nicht nur Auslöser, sondern ein zentrales Schlüsselwerk seines Projektes «Italomodern», für das sich der Architekt Martin Feiersinger zusammen mit seinem Bruder Werner auf architektonische Spurensuche nach Italien begeben hat. Das Ziel: eine Bestandsaufnahme der oberitalienischen Nachkriegsarchitektur der 1950er- bis 1970er-Jahre. Seit elf Jahren bereisen die beiden Brüder Oberitalien. Von Mailand nach Turin, von Mantua bis nach Triest. Es herrscht strikte Arbeitsteilung. Martin, der Architekt, sucht die oft in Vergessenheit geratenen Gebäude heraus. Er ist für die Recherche zuständig, ihn interessieren Details.

Sein Bruder Werner ist Künstler und hat eine ganz andere Herangehensweise. Ohne jedes Vorwissen lässt er sich auf die oft ausgesprochen eigenwilligen Gebäude ein. Mit der Kamera umkreist er sie, findet immer wieder überraschende Blickwinkel. Die Fotografien wirken perfekt inszeniert. Mit der Zeit werden die Brüder mutiger. Sie klingeln bei den Hausbesitzern, dürfen die Häuser auch von innen fotografieren.

Der Bildhauer und der Architekt

Ihre Schwerpunktsetzung, verraten die beiden Brüder, sei zweigeteilt, «entsprechend unserer Sichtweisen als Bildhauer und als Architekt: Einmal geht es um die skulpturalen Gebäude, ihre Materialität und die verschiedenen Oberflächen, zum anderen um Raumbildung, funktionale Konzeption und die Einbindung in das Umfeld.» Jedes Gebäude – von der Kirche bis zum Bürohaus, von der Ferienresidenz bis zur Autobahnbrücke – wird genau dokumentiert und bekommt ein eigenes, DIN A5 grosses Ringbuch. Darin: sämtliche Fotos, die genaue Adresse und ein Grundriss, der auf Grundlage der Fotografien erstellt wurde. Diese Büchlein, insgesamt 84 Stück, liegen auf einem Tisch parat. Reinblättern ist nicht nur erlaubt, sondern erwünscht.

Eigenes Gespür für Reisewege

Hingucker der Ausstellung sind natürlich die Fotografien. Gerahmt hängen sie dicht an dicht in der linken Hälfte des Ausstellungsraums. Viele sind auch einfach nur an die Wand gelehnt. Es gibt keine Beschriftung, doch die Gebäude sind streng chronologisch, nach ihrer Entstehungszeit, geordnet. Wer sich für ein Gebäude näher interessiert, dem bleibt nichts anderes übrig, als einmal quer durch den Ausstellungssaal zu wandern, um in der Rechercheabteilung fündig zu werden. Dieses Hin und Her durch den Ausstellungsraum ist von den beiden Brüdern gewünscht. So soll der Betrachter wenigstens ansatzweise ein Gespür für das Vorgehen und die zurückgelegten Reisewege der Brüder bekommen.

Plüschumhüllte Treppen

Die Ausstellung findet ihre direkte Fortsetzung in zwei Publikationen bei Park Books: «Italomodern 1» und «Italomodern 2» fassen die architektonische Spurensuche noch einmal im Detail zusammen. Der mehrfach preisgekrönte erste Band war schnell vergriffen und wird nun, passend zur Ausstellung, in einer aktualisierten Neuauflage präsentiert. Die Bandbreite der vorgestellten Gebäude ist gross. Es herrscht Stilpluralismus. Die ausführenden Architekten könnte man grob einteilen in die Kategorien Neorealisten, Rationalisten, Brutalisten und Organiker. Wir lernen gigantische Wohnanlagen kennen und innovative Architektur wie ein sechseckiges Ferienhaus oder das wabenartige Olivetti-Hotel La Serra in Ivrea.

Man spürt die Begeisterung der Brüder für die ausgefallenen Bauwerke. Wunderbar exzentrisch ist etwa die «Casa sotto una foglia» von Gio Ponti und Nanda Vigo. Kalte, sterile weisse Fliesen, die sich durch sämtliche Innenräume ziehen, treffen auf Plüsch. Das Haus gehört einem Kunstsammler. Besonders originell ist die plüschumhüllte Wendeltreppe. Aber möchte man wirklich so wohnen?

Vorarlberger Architektur Institut, Marktstrasse 33, Dornbirn www.v-a-i.at Martin & Werner Feiersinger Italomodern 1. Architektur in Oberitalien 1946–1976

...die «Casa rossa» des Architekten Gino Valle in Udine. (Bilder: pd)

...die «Casa rossa» des Architekten Gino Valle in Udine. (Bilder: pd)