Expedition in Erwachsenenköpfe: «Der kleine Prinz» im Figurentheater St. Gallen

Frisch und kitschfrei üben Eliane Blumer und Frauke Jacobi als Prinz und Bruchpilot in Antoine de Saint-Exupérys Wüsten- und Weltraummärchen das Sehen mit dem Herzen ein.

Bettina Kugler
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Zwei, die vom Himmel gefallen sind: der kleine Prinz, gespielt von Eliane Blumer, und Frauke Jacobi als Pilot Antoine.

Zwei, die vom Himmel gefallen sind: der kleine Prinz, gespielt von Eliane Blumer, und Frauke Jacobi als Pilot Antoine.

Bild: Figurentheater St. Gallen

Sie kapieren einfach nichts, die grossen Leute. Das war vor hundert Jahren so, als der kleine Antoine de Saint-Exupéry die Riesenschlange zeichnete, die gerade einen ausgewachsenen Elefanten verdaut. Es war 1943 nicht besser, als er sich, inzwischen Schriftsteller und Luftwaffenpilot, an seinen Misserfolg als junger Künstler erinnerte und das Bild der hutähnlichen Boa an den Beginn einer Geschichte stellte, die heute noch zu den meistgelesenen weltweit gehört.

Es wird womöglich auch so bleiben. Zumindest wirken Figuren wie der Eitle, der Geschäftsmann oder der Trinker in Katja Langenbachs Inszenierung sehr gegenwärtig, wenn sie als animierte Zeichnungen auf der Leinwand im Hintergrund erscheinen. Erst recht der sehr gestresste Laternenanzünder: Immer schneller dreht sich sein Planet; der Mann kommt kaum mehr hinterher mit Anzünden und Löschen der Laterne. Das Tempo zieht beständig an, die Regeln bleiben - willkommen in der beschleunigten Arbeits- und Lebenswelt im 21. Jahrhundert.

Mehr als schöne Kalendersprüche

An der Aktualität des Weltraum- und Wüstenmärchens lässt die neue Eigenproduktion des Figurentheaters St. Gallen mit Eliane Blumer und Frauke Jacobi keinen Zweifel. Frisch und kitschfrei ist auch der Zugang der Inszenierung; zum Mitdenken, gewiss, doch auch zum Lachen - und zum Eintauchen in Erinnerungen an frühere Begegnungen mit dem Buch und der Geschichte: ob im Theater, als Hörspiel, auf Tassen, T-Shirts oder Wandkalendern.

Zuschauer ab 9 Jahren haben diesen Wissensvorsprung nicht, umso besser. Unvoreingenommenheit nämlich ist eins der grossen Themen in "Der kleine Prinz", ein anderes die Fähigkeit, das nicht ganz Offensichtliche aufzuspüren, wahrzunehmen - mit dem Herzen Sehen nannte es Saint-Exupéry. 70 Minuten lang kann man das im Spiel von Frauke Jacobi und Eliane Blumer zwanglos einüben, zusammen mit dem weizenblonden Kerlchen, das als kleinkindgrosse  Klappmaulpuppe vom Himmel fällt und am Ende heimkehren wird zu seiner zerzausten Rose, weit draussen im All.

Erzählung, Spiel und animierte Zeichnungen

Zum ersten Mal führt Katja Langenbach Regie im Figurentheater; das Wort hat bei ihr viel Gewicht - es erstaunt also wenig, dass "Der kleine Prinz" über weite Strecken vom Text, von der auf schlichte Weise schönen Sprache Saint-Exupérys lebt. Zwar zanken sich die beiden Spielerinnen zunächst kurz darum, wer von ihnen als Prinz, wer als Pilot die Bruchlandung in der Wüste machen darf.

Doch ist es aus praktischen Gründen längst entschieden: Frauke Jacobi stopft also seufzend die extra schön zerzauste blonde Mähne unter die Fliegermütze - und beginnt wacker zu zeichnen, den "Hut", den Elefanten, das Schaf, später auch den verlassenen Ort in den Dünen, als Sandbild.

Ob die Rose wohl auf ihn wartet? Der kleine Prinz hat Heimweh nach seinem Planeten B 612.

Ob die Rose wohl auf ihn wartet? Der kleine Prinz hat Heimweh nach seinem Planeten B 612.

Bild: Stephan Zbinden

Gespielt und erzählt wird am Tisch; darauf sind ein Koffer, zwei Mikrofone und ein Plattenspieler, an dem Eliane Blumer nicht nur Vinylscheiben auflegt (Sounddesign: Stefan Suntinger), sondern auch sphärisch-spacige Klänge erzeugt. Mag das Wesentliche im Leben nicht augenfällig sein - im Stück wird es das schon. Die Rose, die Schlange, der Fuchs nehmen Gestalt an, alle drei auf überaus charakteristische Weise und zum Schmunzeln.

Grosse Fragen für kleine und grosse Leute

Die Fragen, die dabei aufkommen, kann man sich nicht oft genug stellen, ob mit neun, vierzehn oder Anfang zwanzig, ob in mittleren oder reifen Jahren: Wie schliesst man Freundschaft? Wie fühlt sich Liebe an und warum tut sie weh? Was macht das Leben sinnvoll, was macht es schön? Und: Was bleibt von einem Menschen zurück, wenn er geht? Grosse Leute verdrängen sie manchmal; Eliane Blumer und Frauke Jacobi bringen sie leichthin und mit feinem Humor ins Spiel. So behutsam, dass man wieder die Sterne lachen hört und sich nach der Farbe des Weizens sehnt. 

Nächste Vorstellung: 20.2., 19 Uhr, Figurentheater St. Gallen. Weitere Vorstellungen im April 2020.