Exotische Gesänge, vertrackte Klänge und der «Rhythm Of Love»: Eindrücke vom 14.Nordklang-Festival in St.Gallen 

Am Nordklang-Festival vom Wochenende spielte in St.Gallen zum 14. Mal die skandinavische Musik. In sechs Lokalen in der Innenstadt traten Musikerinnen und Musiker aus nordischen Ländern auf. Ein Rundgang in einer viel zu warmen Nacht.

Roger Berhalter
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Sunna Margrét im Palace.
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The Hearing in der Grabenhalle.
Sunna Margrét im Palace.
Tumasch è und Gerth Lyberth im Pfalzkeller.
Tumasch è und Gerth Lyberth im Pfalzkeller.
The Hearing in der Grabenhalle.
The Hearing in der Grabenhalle.
The Hearing in der Grabenhalle.
Sunna Margrét im Palace.

Sunna Margrét im Palace.

Bild: Michel Canonica

Wie war’s am Nordklang-Festival? Jede Besucherin und jeder Besucher des zweitägigen Musikfestivals in St.Gallen hat auf diese Frage eine andere Antwort. Zu verschieden klingen die Bands aus Norwegen, Schweden, Island, Färöer, Finnland, Grönland und Dänemark. Zu weit gefasst ist der Begriff «Nordische Musik», als dass es sich um einen einheitlichen Stil handeln würde. Und zu unbekannt sind die Bands im Programm, als dass es Publikumsmagneten gäbe.

Also bleibt nur eins: hinein in die skandinavische Musikwundertüte namens Nordklang.

Am Freitag startet das Festival im Pfalzkeller mit einem Kulturaustausch, wie ihn die Veranstalter jedes Jahr einfädeln. Zwei Songwriter sitzen auf der Bühne, beide vertreten eine Sprachgemeinschaft von rund 60000 Menschen: Der Bündner Tumasch è singt Rätoromanisch, und der Gast aus dem Norden, Gerth Lyberth, singt Grönländisch. Ein paar Tage lang haben die Beiden geprobt und zusammen einen Song geschrieben.

Herzzerreissendes von der fernen Eisinsel

Es ist ein ungleiches Paar: Tumasch è, braungebrannt und in bunter Jacke, redet fast länger, als er singt, und führt auf Englisch durch den Abend. Gerth Lyberth hingegen schweigsam, bleich und ganz in Schwarz gekleidet. Er murmelt kaum mehr als ein «Thank you». Dafür singt der Grönländer herzzerreissend, das Publikum im gut gefüllten Pfalzkeller lauscht ergriffen. Es ist einer dieser typischen Nordklang-Momente, wie man sie nur an diesem Festival erleben kann.

Zwischen den Songs erzählt die Skandinavien-Expertin Ursula Giger von ihren Grönland-Überquerungen per Ski und bringt den Anwesenden die ferne Eisinsel näher. «How was your trip to Greenland?», fragt Tumasch è nach der Diaschau. Tatsächlich fühlt man sich, als wäre man gerade von einer Reise nach Grönland zurückgekehrt.

Der Klimawandel blitzt da und dort auf

Am Samstag teilen sich 16 Bands und zwei DJs die Bühnen in sechs Lokalen in der Innenstadt. Das dänisch-schweizerische Trio Luumu eröffnet den Abend in der Kellerbühne mit einem Konzert voller Schwermut. Ihren letzten Song widmet Sängerin Adina Friis der Klimaaktivistin Greta Thunberg.

Es ist nicht das einzige Mal, dass der Klimawandel am Festival aufblitzt, was auch an den Temperaturen liegt. Die klirrende Kälte, aus der manche Musiker angereist sind, kann man an diesem wärmsten Wochenende in der Nordklang-Geschichte nur erahnen.

Schnaufende Walrosse, knarzende Eisberge

Dafür entfachen Sunna Margrét und ihre zwei Mitmusiker im Palace einen Eissturm. Elfenhaft singt und tanzt die Isländerin zu vertrackten elektronischen Beats. Es tönt ständig, als würde irgendwo Glas zerspringen, ein Eisberg knarzen, ein Walross schnaufen. Lasziv und kühl schwebt Sunna Margrét über dieser Klangkulisse und singt Sätze wie «Manchmal bin ich verrückt» oder «Berühr mich dort». Ein starker Auftritt, bedrohlich und tröstend zugleich.

Mehrere starke Frauen sind an diesem Abend zu hören. Cell7 demonstriert in der Grabenhalle, wie Hip-Hop auf Isländisch geht, danach stellt sich die Finnin Ringa Manner alias The Hearing allein mit Mikrofon und Geräten auf die Bühne. Sie hüpft und zuckt zu ihrer manchmal überdrehten Musik, steht aber auch oft still, um Sphärisches zu singen. Auf der Leinwand hinter ihr ziehen Eisberge vorbei.

Einen sympathischen, heissen Auftritt voller Blues und Soul legt schliesslich Mattis im proppenvollen Keller des Oya hin. Der hünenhafte Däne singt und klatscht, spielt Gitarre und Piano und scheint das Konzert von allen am meisten zu geniessen. Als Zugabe singt Mattis vom «Rhythm Of Love» und entlässt das Publikum in die viel zu warme Nacht.

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