Jugendbewegung
Ex-SBB-Chef über seine wilden Zeiten in den 60ern

Benedikt Weibel (70) war von 1993 bis 2006 Chef der SBB. In seinem neuen Buch «Das Jahr der Träume» analysiert er das Phänomen einer Jugendbewegung, welche die Gesellschaft verändert hat wie keine zuvor.

Benedikt Weibel*
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Auch seine Haare waren einst lang: Autor Benedikt Weibel im Jahr 1972. Rechts ein aktuelles Bild.

Auch seine Haare waren einst lang: Autor Benedikt Weibel im Jahr 1972. Rechts ein aktuelles Bild.

HO/Oliver Menge

Marie-Thérèse ist Pariserin, 28 Jahre alt, seit sechs Jahren verheiratet und Mutter von zwei Kindern. Sie lebt ein durch und durch bürgerliches Leben, mit Frigidaire und Renault Dauphine, wie sie maliziös vermerkt. Für Politik interessiert sie sich kaum. Sie wählt, wie es ihrer Herkunft entspricht, gaullistisch. Und dann, im Mai 1968, ist sie plötzlich auf der Strasse und baut Barrikaden. «Es war wie ein Erwachen, ein Gefühl, dass man aus dem grauen Einerlei ausbrechen, etwas verändern könnte.» Über Nacht wird sie Gauchiste und erlebt ein nie gekanntes Gefühl der Solidarität. «Hoffnung» und «hoffen» sind die Begriffe, mit denen sie in einem Gespräch nach der Mai-Revolte ihren Gemütszustand während der Unruhen umschreibt.

Das «Time Magazine» hat die hundert einflussreichsten Fotos der Geschichte zusammengestellt. 17 davon stammen aus den 1960er-Jahren. Kein anderes Jahrzehnt hat es annähernd geschafft, eine derartige Fülle fotografischer Zeugnisse zu generieren. Der Schluss liegt auf der Hand: die 1960er-Jahre waren das ereignisreichste Jahrzehnt der Geschichte. Das bestätigt auch der grosse Historiker Eric Hobsbawm: «In den 1960er-Jahren fand die grösste und dramatischste, schnellste und universellste Transformation der Menschheitsgeschichte statt.»

Berliner Mauer Westberliner schauen am 12. September 1961 an der Wilhelmstrasse in Berlien der Anlieferung vorgefertigter Betonbauteile zur Verstärkung der Berliner Mauer zu.

Berliner Mauer Westberliner schauen am 12. September 1961 an der Wilhelmstrasse in Berlien der Anlieferung vorgefertigter Betonbauteile zur Verstärkung der Berliner Mauer zu.

Keystone

Die erste dieser 17 Fotos zeigt den Guerillero Heroico Che Guevara. Das Bild ist noch heute eine Ikone, die auf T-Shirts und Postern zur Schau gestellt wird. Auf dem letzten Foto des Jahrzehnts spaziert Neil Armstrong auf dem Mond. Dazwischen die Höhepunkte des Kalten Krieges mit dem Mauerbau in Berlin und der Kubakrise, die Endzeit des Kolonialismus, Rassenkonflikte in den USA, ein schmutziger Krieg in Vietnam, der Sechstagekrieg zwischen Israel und den arabischen Staaten, die Kulturrevolution in China, der Prager Frühling und seine Zerschlagung mit Panzern des Warschauer Paktes. Die Gesichter des Jahrzehnts waren charismatische Persönlichkeiten wie John F. Kennedy und Martin Luther King, die beide ermordet wurden.

Che Guevara

Che Guevara

ullstein bild

Das Einzigartige dieser Epoche war die Plötzlichkeit dieser Ereignisse. Auch der Bruch zwischen zwei Generationen, wie es ihn weder vorher noch nachher je gegeben hat. Die Eltern waren noch durch die Entbehrungen des Krieges geprägt, ihre Kinder durch die Sorglosigkeit einer wachsenden Konsumgesellschaft. Eine völlig neuartige Musik gab den Rhythmus des Jahrzehnts und seinen Groove vor. Die Käuflichkeit einer Antibabypille löste die Sexualität aus ihren Fesseln. Aus all diesen Ingredienzen entstand eine globale Jugendkultur, die es so noch nie gegeben hatte. Lange Haare, Jeans, Minijupe: die Codes dieser Jugend verbreiteten sich rasend schnell auf der ganzen Welt.

Es war eine kulturelle Revolution, die bis gegen Ende des Jahrzehnts kaum politische Akzente setzte. Noch 1966 stellte das Frankfurter Institut für Sozialforschung fest, die Studierenden seien in der überwiegenden Mehrheit apolitisch. Es waren singuläre Ereignisse, die zu einer plötzlichen Politisierung der Jugend an den Universitäten führten. Am 2. Juni 1967 wurde in Berlin gegen den Besuch des Schahs von Persien protestiert. Der Polizeikommandant hatte angekündigt, «heute gibt es Dresche». Benno Ohnesorg nahm mit seiner schwangeren Frau erstmals an einer Demonstration teil. Schon bald verabschiedete sie sich nach Hause. Ohnesorg beobachtete den weiteren Verlauf der Geschehnisse und wurde dabei von drei Polizisten umstellt und verprügelt.

Der Polizist in Zivil Karl-Heinz Kurras näherte sich von hinten und erschoss den Studenten. Dieser Todesschuss war das Signal. Mit einem Schlag wurde die grosse Mehrheit der Studierenden in Deutschland politisch und links.

Demonstranten in Zürich an der 1.-Mai-Kundgebung 1968: Sie hatten mit der Generation ihrer Eltern gebrochen, abrupt, wie keine Jugend davor. Keystone

Demonstranten in Zürich an der 1.-Mai-Kundgebung 1968: Sie hatten mit der Generation ihrer Eltern gebrochen, abrupt, wie keine Jugend davor. Keystone

KEYSTONE

1968 verdichteten sich die Ereignisse nochmals. Im Januar wurde der Reformer Alexander Dubček zum Ersten Sekretär des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei in der Tschechoslowakei gewählt. Die Menschen tanzten auf dem Wenzelsplatz in Prag. Der Vietcong und nordvietnamesische Einheiten starteten eine überraschende Offensive auf 35 Städte in Südvietnam. In Deutschland wurde der prominenteste Studentenvertreter, Rudi Dutschke, von einem Zivilisten angeschossen und schwer verletzt. Das war der Auslöser für die schwersten Strassenkämpfe in Deutschland seit der Weimarer Republik. Anders als in Deutschland blieb es in Frankreich lange ruhig. Am 20. März demonstrierten Studierende vor dem Sitz von American Express in Paris gegen den Vietnamkrieg.

US-Veteranen vom Vietnamkrieg an einer Feier im Jahr 2009

US-Veteranen vom Vietnamkrieg an einer Feier im Jahr 2009

Keystone

Die Polizei schritt rüde ein und verhaftete sechs Demonstranten. Daraufhin besetzten Studierende den Hof der Pariser Universität Sorbonne. Ohne mit den Besetzern überhaupt zu sprechen, bot der Rektor die Polizei auf. Die setzte Tränengas ein und verhaftete über fünfhundert Studierende. Der Polizeieinsatz in der Sorbonne war ein unerhörter Tabubruch und der Funken ins Pulverfass. Nun flogen Pflastersteine, und es wurden Barrikaden gebaut. Im Unterschied zu den Revolten auf anderen Schauplätzen kam es in Frankreich zu einem Schulterschluss mit den Arbeitern. Ein wilder Generalstreik legte Frankreich während fast des ganzen Monats Mai 1968 lahm. Schliesslich trat General de Gaulle auf den Plan und mobilisierte Hunderttausende für eine Gegendemonstration. Er ordnete vorgezogene Wahlen an, aus denen die Rechte gestärkt hervorging. Die Revolte war zusammengefallen wie ein missglücktes Soufflé.

Die Phase der erfrischenden, humor- und fantasievollen Bewegung war vorbei und wurde durch politische Radikalisierung, Flügelkämpfe, Zersplitterung und Gewalt abgelöst. Den grellbunten Sechzigerjahren folgten die schwarzen Siebziger.

Auch der Minirock gehörte zur Rebellion. (Symbolbild) 17'000 Euro für das Tragen eines Minirocks (Symbolbild)

Auch der Minirock gehörte zur Rebellion. (Symbolbild) 17'000 Euro für das Tragen eines Minirocks (Symbolbild)

Keystone

Vierzig Jahre nach den Tumulten trafen sich auf Einladung eines Magazins ehemalige Schüleraktivistinnen und -aktivisten zu einem Wochenende der Reflexion. Es kamen Werber, Ärzte, Journalistinnen, Hochschullehrer, Manager und gar eine Staatsanwältin. Während ihrer mit viel Selbstironie gespickten Diskussion entwickelten sie die «Schnipseltheorie». Die Schnipsel waren der neue Sound, freizügige Fotos, die Segnungen der Pille, Empörung über Vietnam, die Pilzfrisuren, die schwarzen Pullover, die Meldung über die Gründung eines Schülerbundes ... «Es verknüpfte sich auf einmal so unglaublich viel, das war wie eine Explosion. ... Auf einmal war ein anderer Rhythmus. Das verband sich mit dem Moralischen, mit dem Politischen, mit den kleinen Schnipseln, und das alles zusammengenommen war wie Dynamit.» Das grösste Paradox dieser kulturellen Revolution war, dass sie trotz allem Gerede über Sozialismus und Kommunismus zu einem Triumph des Individuums über die Gesellschaft geführt hat. Die Rebellen von einst sind anlässlich ihrer Klausur denn auch zur nicht einmal bitteren Einsicht gelangt, dass sie heute bürgerlich bis in die Knochen seien.

Wie sehr die kulturelle Revolution von einst zum Mainstream geworden ist, hat die Berichterstattung nach dem Rolling- Stones-Konzert im September gezeigt. Kein Leitmedium, das nicht in ausführlichen Berichten der Performance der ehemaligen Bürgerschrecke und heutigen alten Herren gehuldigt hätte.

Benedikt Weibel

Benedikt Weibel

Benedikt Weibel

*Benedikt Weibel (70) war von 1993 bis 2006 Chef der SBB. Danach war er Dozent an der Uni Bern. Heute ist er in Verwaltungsräten und Autor verschiedener Bücher. Weibel ist verheiratet, Vater dreier erwachsener Kinder und wohnt in der Nähe von Bern.

Auch Weibel selbst war Teil der 68er-Protestbewegung. Im Buch «Der rote Boss» steht zum Beispiel, dass Beppo Weibel mit Kollegen bei Büren an der Aare BE eine Bruchbude in eine Festhütte umwandelte. Zum Leidwesen der Nachbarn traf sich hier praktisch die ganze 68er-Szene Solothurns und tanzte bei Musik von den Rolling Stones die Nächte durch. Man war sich einig: Kapital ist des Teufels. Heute sagt Benedikt Weibel: «Ich habe an eine andere, bessere Welt geglaubt. Vor allem der Anarchismus hat mich beeindruckt, das Zerschlagen jeglicher Strukturen und
Hierarchien.»

In seinem neuen Buch «Das Jahr der Träume» analysiert er das Phänomen einer Jugendbewegung, welche die Gesellschaft verändert hat wie keine zuvor. Die historische Collage einer ausserordentlich aufregenden Zeit ist im Verlag NZZ Libero erschienen. 248 Seiten, Fr. 38.–.

Das Buch von Benedikt Weibel.

Das Buch von Benedikt Weibel.

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