Europa steigt ab, China wird zur neuen Weltmacht: Niall Fergusons alte These scheint sich zu bewahrheiten

Coronazeiten sind Zeiten dunkler Vorahnungen. Niall Fergusons vor 10 Jahren gestellte Diagnose scheint sich nun zu bestätigen.

Hans Fahrländer
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Schwächelndes Europa, aufstrebendes China: Niall Fergusons Prophezeiungen scheinen sich zu bewahrheiten.

Schwächelndes Europa, aufstrebendes China: Niall Fergusons Prophezeiungen scheinen sich zu bewahrheiten.

Bilder: Alamy, Imago Images

Coronazeiten sind auch Zeiten des Wiederlesens dicker Bücher. Vor einem Jahrzehnt hat der inzwischen 55-jährige schottische Historiker und Harvard-­Professor Niall Ferguson ein 500-seitiges Werk mit dem Titel «Der Westen und der Rest der Welt» («Civilization. The West and the Rest») verfasst.

Seine Ausgangsfrage lautete: Wie war es möglich, dass eine Hand voll kleiner und mittlerer Staaten am Westrand der eurasischen Landmasse vor ungefähr 500 Jahren begonnen hat, den Rest der Welt zu entdecken, zu kolonisieren, zu dominieren und die eigenen Werte zu exportieren? Wie war es möglich, dass diese Staaten ihren Einfluss über Jahrhunderte derart festigen konnten, dass «der Westen» noch heute als «Zivili­sation» schlechthin gilt?

Der Historiker nennt als Hauptgründe für den Aufstieg des Westens den politischen und ­wirtschaftlichen Wettbewerb unter den Staaten, aber auch Fleiss und Arbeitsethos sowie Erfindungen, wissenschaftliche und medizinische Erfolge.

Im Westen nichts Neues

Dann stellt Ferguson die Anschlussfrage: Ist es möglich, dass diese Dominanz, erreicht durch oft eher bedächtige Klimmzüge, gerade daran ist, sich ziemlich schnell, innerhalb weniger Generationen, in einen Abstieg zu verwandeln? Coronazeiten sind auch Zeiten dunkler Vorahnungen und Niedergangsprophezeiungen. Dem wollen wir nicht verfallen, wir stellen einfach fest: Es ist frappant, wie eine Diagnose, gestellt am Ende der Nuller-Jahre, am Ende der Zehner-Jahre deutlich an Dringlichkeit gewonnen hat. Längst nicht alles hängt mit der Pandemie zusammen. Sie macht allerdings einiges sichtbarer. Ferguson hat übrigens schon 2010 notiert:

«Wir leben in der Furcht vor Pandemien und dem vom Menschen verursachten globalen Klimawandel.»

Europa schwächelt. Es verliert an Einfluss. Europas einzige Chance bestünde in der Einigkeit. Stattdessen dominiert Zwist in fast allen wichtigen Fragen, zwischen Ost und West, zwischen Nord und Süd. Und die Pandemie führt gerade zu einem Backlash, zurück zu Einzelstaatlichkeit und ­Nationalismus. Sogar Angela Merkel verlangte nicht mehr, es müsse ein Ruck durch Europa gehen, sondern ein Ruck durch Deutschland.

Der Historiker und Wirtschaftsexperte Niall Ferguson war auch schon am WEF in Davos zu Gast, so etwa im Jahr 2016.

Der Historiker und Wirtschaftsexperte Niall Ferguson war auch schon am WEF in Davos zu Gast, so etwa im Jahr 2016.

Bild: Kexstone

Zudem hat Europa seinen Werte-­Kompass verlegt. Das «christliche Abendland» ist nicht mehr wirklich christlich. Aber was ist es dann? Man hat den Herrgott vom Thron gestossen und sich selber darauf gesetzt. Bedenklich erscheint dies vor allem, weil andere Religionsgemeinschaften im Stande sind, aus Gottesglaube und Gemeinschaftsgefühl eine gefährliche Waffe zu schmieden.

Die USA haben in zwei Weltkriegen und einem Kalten Krieg eine Schutzfolie über Europa gelegt. Diese Folie erhält gerade tiefe Risse. Das begann schon vor Trump, Trump treibt es nun aber mit seiner America-First-Politik auf die Spitze. Von der Macht, zu der wir ehemals aufblickten und die nun von einem ziellos agierenden Antipolitiker geführt wird, können wir kaum mehr Hilfe erwarten. Vielleicht jagt ihn die Pandemie schon bald aus dem Amt. Doch was nachher folgt, ist völlig unklar.

Expansionsdrang im Osten

Ganz anders der Osten. Hier dominieren Zielgerichtetheit und Expansionsdrang. China war zwischen 500 und 1500 n.Chr. dem Abendland in fast allen Bereichen überlegen. Nach dem Willen der jetzigen Staatsführung kehrt es mit seiner Mischung aus kommunistischem Überwachungsstaat und wirtschaftlichem Superkapitalismus gerade auf diesen Spitzenplatz zurück. Überall, wo Not herrscht, zum Beispiel in Afrika, sind die Chinesen schnell zur Stelle, entlang der ehemaligen Seidenstrasse kaufen sie Ländereien und In­frastrukturen zuhauf. Und wenn Italien Schutzmasken braucht, wer eilt zu Hilfe? Nein, nicht die EU-Freunde, sondern die Chinesen.

Als Ferguson sein Standardwerk verfasste, hatte die Welt eine wirtschaftliche Baisse, ausgelöst durch die Finanzkrise 2007, hinter sich. Es könnte sein, dass die Coronarezession noch tiefer ausfällt, vor allem in den USA. Und China könnte diese Schwächephase für ein verwegenes Überholmanöver nutzen.

Abhängig von anderen

Niall Ferguson wies nach: Alle dominierenden Weltreiche der Geschichte, das römische, das persische, das osmanische, aber auch das britische Kolonialreich und die Sowjetunion, sind nicht allmählich, sondern ziemlich schnell zerfallen. Was heisst das für den Westen?

Nun, verschwinden wird Europa nicht. Doch der Alte Kontinent, lange Zeit politisch und wirtschaftlich vorherrschend, wird die Abhängigkeit von anderen, Stärkeren lernen müssen. In den USA haben viele, schon vor Trump, Europa abgeschrieben:

Der US-Geopolitiker George Friedman glaubt, dass die EU «glücklich in der Bedeutungslosigkeit versinken wird».

Wenn aber die transatlantische Brücke bricht, das europäische Projekt zerfällt – dann läuft alles ungehindert auf die neue Weltmacht China hinaus.

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