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Etwas Bedrohliches vibriert in der Musik

Die Luzerner Soundkünstlerin Martina Lussi bleibt experimentierfreudig. Ihr zweites Album fasziniert mit kontrastreichen Soundscapes, die betören und herausfordern.
Pirmin Bossart
Ihre neue CD lässt eine Handschrift hören: die Luzerner Soundkünstlerin Martina Lussi. (Bild: Georg Gatsas)

Ihre neue CD lässt eine Handschrift hören: die Luzerner Soundkünstlerin Martina Lussi. (Bild: Georg Gatsas)

Zwei Jahre nach ihrem Debüt «Selected Ambient» auf dem exquisiten Luzerner Label Hallow Ground erscheint mit «Diffusion is a Force» ein Nachfolgealbum, mit dem sich Martina Lussi als Electronica-Produzentin auch international weiter etablieren dürfte. Das Album trotzt mit seinen harschen Klang-Emulsionen und zertrümmerten Beat-Landschaften den gängigen Hörgewohnheiten und lässt eine Handschrift hören.

Es ist gut möglich, dass die gut vernetzte Martina Lussi inzwischen im Ausland bekannter ist als in Luzern. Hierzulande ist sie seit 2010 vor allem im Rahmen von Ausstellungen, Installationen und Performances mit musikalischen Interventionen in Erscheinung getreten. 2001 machte sie den Bachelor in «Fine Arts» an der Hochschule Luzern Kunst und Design, 2016 den Master in «Contemporary Arts Practice» an der Hochschule der Künste Bern. Zurzeit lebt und arbeitet sie ein halbes Jahr in der Cité International des Arts Paris. Auf dem Pariser Label Latency hat sie auch ihr aktuelles Album veröffentlicht.

Field Recordings, Gitarre, Stimme

Einlullend und mysteriös setzt das Album mit «Black Opium» ein, wobei der Titel nicht auf das Opiat, sondern – wie auch andere Tracks – auf eine Parfum-Marke verweist. Wir sind also nicht in einem Drogenrausch gelandet, sondern in Lussis musikalischer Auseinandersetzung mit der westlich-urbanen Welt von hier und heute. Und diese klingt – trotz den ironisierenden Andeutungen mit den Albumtiteln – alles andere als lieblich oder parfumiert.

Die neun Tracks sind dunkle Klang-Konglomerate aus computergenerierten Soundscapes, Field Recordings, Gitarre und Stimme, die von Lussi mit musikalischem Spürsinn montiert und designt wurden. «‹Diffusion is a Force› spielt mit der Idee der Verzettelung oder auch der geteilten Aufmerksamkeit», sagt die Künstlerin. Die Kommunikations- und Informationsflut überfordert und desorientiert das Individuum, die Idee eines sogenannt selbstbestimmenden Ichs wird porös und löst sich auf. Diese zunehmende Diffusion spiegelt sich in der Musik.

Die Klänge und Texturen sind minutiös bearbeitet und in unterschiedlichsten Schichtungen verwoben. Die Sound-Architekturen verwandeln sich fortlaufend. Das geschieht formbewusst, mit melodiösen Themen, dynamischen Spannungsverhältnissen und einer oft sich asymmetrisch entfaltenden Rhythmus-Matrix. «Classic Intense» ist ein Track mit überlagerten Stimmen-Samples. Feines Schwirren mischt sich mit blechernen Schlägen. Auf «Expectation or Obsession» mischt sich Publikumslärm aus einem Sportstadion mit sakralartigen Choralpassagen.

Weiche Konturen und harte Kontraste

Das Auffallendste am Album ist seine Klanglichkeit, die auf vielen Tracks etwas latent Bedrohliches, ja Gewalttätiges hat. ­Massive und faszinierende Basstexturen durchziehen die Soundscapes in unterschiedlichsten Aggregatszuständen. Dunkle Pulse lauern unter Synthieflächen. Auf «Higher Energy» brechen plötzlich knatternde Beats ein, sorgen einzelne Schläge für Unruhe oder türmt sich in der Ferne eine Klangwelle auf, die mit Wucht näherkommt. Auf «Movement in Mono» verschmelzen weiche Konturen und harte Kontraste und spielt Lussi mit Opulenz und Reduktion.

Man kann sich auf diesem Album trotz auch sanfteren Sphären nie wohlig einnisten. Die Tracks bleiben unberechenbar, die Unruhe ist gross, der Fokus wandert ständig. «Anarchy for Her» ist ein Höhepunkt, die Musik wird fast körperlich. Lussi lässt in ihre dunkle Synthietexturen harte Schläge einbrechen, bis es plötzlich knallt. Kleine Explosionen erfolgen, ein House-Riff taucht auf, melodisches Geplinkel, Wasser gurgelt, aber da ist nichts von Bächlein-Romantik. Die Desorientierung, die uns heute erfasst, scheint uns ins Chaos zu werfen. Aber stellt sie nicht auch unsere Wahrnehmung scharf?

Gitarre und digitale Gitarreneffekte

Ein sehr pragmatisches Verhältnis hat die vor allem digital arbeitende Künstlerin zur Gitarre. «Die Gitarre ist einfach da. Ich habe als Kind gelernt, Gitarre zu spielen – wäre es damals das Piano gewesen, würde ich heute wohl Piano einsetzen.» Sie möge «echte Instrumente», weil sie ein direktes haptisches Feedback gäben und man darauf viel schneller reagieren könne, als bei Computer-generierten Sounds. Lussi verwendet auf dem Album auch Klänge, die wie Gitarre klingen, aber von ihrem Computer stammen. «Zum Beispiel dort, wo ich Umgebungsgeräusche mit digitalen Gitarren-Pedalboard-Effekten bearbeite.»

Aufgrund dieses Prozesses – und nicht wegen des Klangunterschieds – spielt Martina Lussi gelegentlich E-Gitarre, nimmt einzelne Sequenzen auf, filtert und moduliert sie. «Das wird aber immer weniger. Ich fände es toll, wenn alle Sounds in meinem Computer drin wären. Ich möchte gerne so klein und portabel wie möglich arbeiten.» Bis sie sich in letzter Konsequenz auch als Künstlerin auflöst? Diffusion is a Force.

Martina Lussi: Diffusion is a Force (Latency)

Freitag, 15. März, 22 Uhr, Südpol, Club: Plattentaufe Martina Lussi plus DJ Sets. Gast: François Bonnet alias Kassel Jaeger (Group Recherches Musicals Paris). Eine Zusammenarbeit mit dem zweikommasieben Magazin.

Samstag, 4. Mai, 22:30 Uhr: Stanser Musiktage

Martina Lussi wird auch im Rahmen von «Eile mit Weile – Zeit für Performance» (4. bis 18. Mai 2019) im akku in Emmenbrücke als Performerin zu erleben sein.

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