Ethik für die Füchse

Debatte nach der Debatte: Im Lagerhaus stritten SP-Politiker Hans Fässler und Schauspieldirektor Tim Kramer über Jelineks «Kontrakte des Kaufmanns», das Theater und die HSG. Letztere kam noch einmal schlecht weg – in Abwesenheit.

Peter Surber
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«Der ganze Wust kommt von dort oben»: Hans Fässler bei seiner HSG-Kritik, vis-à-vis Tim Kramer, rechts Moderator Johannes Stieger. (Bild: Hanspeter Schiess)

«Der ganze Wust kommt von dort oben»: Hans Fässler bei seiner HSG-Kritik, vis-à-vis Tim Kramer, rechts Moderator Johannes Stieger. (Bild: Hanspeter Schiess)

Ein «unterhaltendes» Streitgespräch war angekündigt – nein danke, sagt Hans Fässler gleich zu Beginn präventiv. «Unterhaltung» sei ihm ein Greuel; hier gehe es darum, wichtige Fragen zu diskutieren. Das geschah dann auch in der folgenden Streitstunde. Unterhaltungswert aber hatte sie, zum Glück, ebenfalls.

Geplänkel statt Kontroverse

Fässler vs. Kramer, der Historiker, Lehrer, Politiker und Kabarettist gegen den Schauspieldirektor: Da prallen zwei schnelle Redner aufeinander und zwei so fundierte wie unversöhnliche Positionen. Dabei ist das Streitobjekt längst passé – jene «Ahnung von Skandal» am Theater, wie Gesprächsleiter Johannes Stieger sagt: Elfriede Jelineks «Kontrakte des Kaufmanns» und die Podiumsdiskussion nach der Dernière, Mitte Februar, mit Theaterleuten und Vertretern der im Stück angeschossenen HSG.

Fässler, bei der Debatte im Publikum, hörte dort nur «nettes Geplänkel». Erste Differenz: «Mit der HSG kann man nicht nett plaudern», sagt er. «Ein Angebot zum Gespräch nehme ich mit offenen Armen an», kontert Kramer. Ihm sei mehr Kontakt zur Stadt und zur HSG seit jeher ein Anliegen. Jetzt, an der Nachdebatte, bleibt die Zuneigung jedoch einseitig: Die Uni ist nicht da.

Zweite, bloss minimale Differenz: Die Podiumsdiskussion fanden beide flau. Kramer lobt zwar das Kontextstudium an der HSG, war aber enttäuscht über die HSG-Voten auf dem Podium: «Wir waren baff, wie wenig die zu sagen hatten.» Er habe die Frage nach der Ethik gestellt, aber nur vage Antwort erhalten. «Doch das ist ja auch ein Erkenntnisgewinn.»

Für Fässler nicht; Ethik sei auf dem Rosenberg in jeder Hinsicht «für die Füchse». So hatte er schon in einem Leserbrief argumentiert – er wiederholt das Bonmot an diesem Abend: «Wenn man den Fuchs lehrt, mit Messer und Gabel zu essen, ist das vielleicht für den Fuchs ein Fortschritt. Für die Gans kommt es aufs selbe hinaus.»

Uneins über den Klassenkampf

Und das ist die dritte, unüberbrückbare Differenz: Jelineks Stück bringt nach Fässlers Ansicht das «mörderische kapitalistische System» auf den Punkt. Es hätte damit die Chance geboten, den Feind zu benennen und damit auch die Verantwortung der HSG für die Auswüchse im «Schlachthaus» namens Kapitalismus klarzumachen. Nicht nett, sondern unversöhnlicher zu werden, das ist seine Devise.

Kramer hingegen sieht «keine Alternative zum Kapitalismus». Auch wenn Jelinek zeige, was der ungebremste Markt für Folgen habe: Zurück zum Klassenkampf führe kein Weg, es gehe vielmehr um Evolution innerhalb des Systems. «Die Welt hat sich verändert, spätestens mit dem Fall der Mauer. Die alten Feindbilder stimmen nicht mehr», sagt Kramer und sieht darin die Aufgabe des Theaters: die Komplexität der globalisierten Welt zu zeigen, nicht billige Schwarz-Weiss-Propaganda.

Für Fässler wiederum ist Klassenkampf nicht Nostalgie, sondern akuteste Gegenwart. Gerade habe die Welt die «Beinah-Kernschmelze des Finanzsystems» erlebt, mit aktiver Beteiligung von UBS und CS und ideologisch präpariert «dort oben» an der HSG. Wenn deren Professoren sich dann öffentlich auf dem Theaterpodium über die Ökonomisierung der Welt wunderten, die sie selber ja lehrten: «Dann geht bei mir der Klassenkampf durch.»

Der Feind, aussen und innen

Es ist am Ende die Differenz zwischen politischer und künstlerischer Weltanschauung. Tim Kramer sieht das Theater als Ort der Diskussion und der Gegenposition – gegen Borniertheiten rechts wie links. Ihn interessieren Feindbilder dann, wenn man sich nicht vor der Frage drückt: «Wo ist der Feind in mir selber?». Das Theater müsse daher «mit aller Kraft für die Komplexität» einstehen. Hans Fässler mag es auch komplex, aber wehrt sich gegen Beliebigkeit und Verwischung der Fronten und beharrt auf der Unterscheidbarkeit von Opfern und Tätern.

Fässler endet mit Sartre: «Um die Menschen zu lieben, muss man das hassen, was sie unterdrückt.» Kramer schliesst mit Stéphane Hessels Schrift «Empört Euch!» So kommt am Ende doch ein starker gemeinsamer Nenner zum Vorschein: mehr Wut.

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