Es werden wieder Opern gespielt – Doch sind sie mit Schutzmassnahmen noch ein Genuss?

Die Schweizer Opernsaison ist gestartet. Mal wurde das Programm dem Virus angepasst, mal wird ihm mit Elektronik getrotzt.

Christian Berzins
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Der Chor des Opernhauses Zürich im zum Aufnahmestudio umgebauten Probesaal: Von hier wird live ins Opernhaus übertragen.

Der Chor des Opernhauses Zürich im zum Aufnahmestudio umgebauten Probesaal: Von hier wird live ins Opernhaus übertragen.

Ennio Leanza/Keystone

Der Dirigent zieht zum Begrüssungsapplaus kurz die Maske hinunter, verbeugt sich lächelnd, und schon geht’s los: unter die Maske und hinein ins vergnügliche Drama. Antonino Fogliani dirigiert die Ouvertüre zu Gioacchino Rossinis «La Cenerentola» («Aschenbrödel») hinreissend.

In Genf wird bereits gespielt: Rossinis «Cenerentola» überzeugte musikalisch mehr als szenisch.

In Genf wird bereits gespielt: Rossinis «Cenerentola» überzeugte musikalisch mehr als szenisch.

Carole Parodi

Am Italiener lag es nicht, dass die anschliessenden drei Musikstunden im Genfer Grand Théâtre am letzten Montag trotz allerliebstem Märchenstoff und tollen Sängern ab und zu zäh wirkten.

Wem auch immer man von diesem Opernabend erzählt, sofort taucht die Frage auf:

«Wie viele lassen sie rein?»

Fluch dieser Wochen! Warum nicht mehr die Frage: Wer sang die Angelina (Anna Goryachova)? Wie hat der Tenor die Arie «Sì, ritrovarla io giuro» gesungen (grossartig!)? Wie war die Inszenierung (Laurent Pelly beschäftigte sich mehr mit den Kulissen denn mit den Sängern)? Alles egal geworden? Augen, ja Ohren zu und durch?

Nun denn, liebe Statistiker (Stand 17.September): In Bern und St.Gallen werden die Plätze «dank» Contact-Tracing gefüllt, also sitzen zwischen 579 und 681 Leute im Stadttheater Bern und 500 Leute in St.Gallen in der Ausweichspielstätte. Genf hingegen hat den grössten Ausfall an Plätzen: Gute 800 statt 1500, 900 statt 1100 Plätze kann und will Zürich anbieten, Solothurn und Biel 200 statt fast 300, Basel 520 statt 856, Luzern 320 statt 480. Kurz und schlecht: Es wird ausser in Genf überall eng.

Doch alle BAG-Vorschriften hin, alle rigorosen Extra-Massnahmen her: Jeder ist für sich selbst verantwortlich, wenn er in ein Opernhaus geht. Da mögen die Genfer ein noch so ausgeklügeltes Sicherheitssystem mit acht (!) Zugängen gebaut haben: Wer dann die Kordeln hebt und seinen Sektor mit kaum 100 Leuten verlässt, handelt fahrlässig. Wir ertappten in der Pause gleich drei.

Dank Elektronik die geplanten Produktionen verwirklicht

Die Salzburger Festspiele zeigten im August an 30 Abenden, dass es auch in Zeiten von Corona möglich ist, Opern vor 1000 Menschen zu spielen. Das jedenfalls liess sich nach dem glücklich verlaufenen Monat leicht sagen. Aber jedes Land hat andere Gesetze, andere Fallzahlen – und noch wichtiger: Jede Stadt hat ein anderes Theater. Die Salzburger Felsenreitschule, wo mit 107 Orchestermusikern Richard Strauss’ «Elektra» gespielt wurde, hat einen sehr grossen Orchestergraben. Jene in der Schweiz sind verhältnismässig klein.

So wirkt die Zürcher Anti-Corona-­Massnahme, die man mitten im Lockdown beschlossen hatte, auf den ersten Blick gar nicht so absurd: Das Orchester und der Chor werden in einem zum Aufnahmeraum umfunktionierten Proberaum spielen und via Lautsprecher im Opernhaus erklingen, den Dirigen­ten sehen die Sänger am Bildschirm.

Opernhaus Zürich

So wird es regelkonform möglich sein, Modest Mussorgskys monumentale Oper «Boris Godunow» zu spielen. Die Sänger werden wie gewohnt, aber mit mehr Abstand auf der Bühne agieren. Intendant Andreas Homoki erklärt:

«Dieses Spielmodell ermöglicht es dem Opernhaus Zürich, nur geringfügige Änderungen am publizierten Saisonprogramm vornehmen zu müssen. Zusätzlich bietet dieses Konzept für das Publikum und das Haus Planungssicherheit.»
Andreas HomokiIntendant Opernhaus Zürich

Andreas Homoki
Intendant Opernhaus Zürich

Bild: Keystone

Womit wir bereits bei einem entscheidenden Punkt sind: Wie sehr lässt man sich vom Virus den Spielplan beeinflussen? Und die Gegenfrage: Müsste man nicht besser auf das Virus reagieren, statt ihm zu trotzen?

Genfs Operndirektor Aviel Cahn bekennt, dass es mit dem Schutzkonzept des Schweizer Bühnenverbandes derzeit sehr schwierig sei, grosse Werke zu spielen. Und so hat er Puccinis «Turandot», die als Saisoneröffnung gedacht war, hinten angestellt und spielt stattdessen «Cenerentola».

Für die Rossini-Oper braucht es kein grosses Orchester, der Chor kann minimal klein gehalten werden, und die Solistenschar hält sich in Grenzen. «Mit den Solisten kann man sowieso gut arbeiten, wenn sie bereit sind, eine Vertrauensgruppe zu bilden», sagt Cahn.

Ein Dirigent, aber keine Musiker im Orchestergraben?

Das Orchestre de la Suisse Romande, so Cahn, habe zudem eigene Schutzkonzepte entwickelt, die es erlauben, auch grössere Werke adäquat zu spielen. Der Abstand zum Publikum sei gewährt, da der Genfer Orchestergraben tief sei. Vorsorglich hat Cahn im Juli das Orchester zusammengetrommelt und Leos Janáčeks ebenfalls nur von einem grossen Orchester zu bewältigende Oper «Die Sache Makropoulos» eingespielt.

Sollte sich die Lage im Oktober ändern und das Orchester doch nicht im Theater auftreten dürfen, würde man diese Aufnahme abspielen. Der Dirigent würde dann vom leeren Orchestergraben aus die Sängerinnen und Sänger leiten und jeden Abend die gleiche Fassung dirigieren.

Peter Heilker, Operndirektor in St.Gallen, hat den Opernspielplan wie Cahn in Genf rechtzeitig angepasst. Man startet spät mit Werken, die eine kleinere Besetzung verlangen. Später aber stellt man auf das System Zürich um. Heilker:

«Wenn Chor und Orchester im Lauf der Saison grössere Stärken erfordern, ‹Aida› im Januar 2021, können wir aus der Tonhalle übertragen, wo der erforderliche Abstand eingehalten werden kann.»
Peter HeilkerSt. Galler Operndirektor

Peter Heilker
St. Galler Operndirektor

Keystone

Auch Basel passt sich an – allerdings mit Geist, nicht mit Mikrofon. Die Oper «Saint François d’Assise» von Olivier Messiaen kann aufgeführt werden, weil man ein Neuarrangement in Auftrag gegeben hat. Die Originalbesetzung besteht aus 120 Musikern und einem 80-köpfigen Chor. Basel zeigt eine coronakonforme Version mit 45 Musikern. Der Chor wird seine Stimmen teilweise aufnehmen und zu seiner eigenen Aufnahme singen. Die Erben Messiaens haben die Fassung des Komponisten Oscar Strasnoy genehmigt.

Anderen Theatern spielt der Zufall glücklich mit. «Der Luzerner Spielplan steht, und es wird versucht, alle Positionen zu halten», so Operndirektorin Johanna Wall. «Von Vorteil ist hierbei, dass wir mit Mozarts ‹Così fan tutte› und ‹Carmen› in der Fassung von Peter Brook von vornherein Werke mit relativ kleiner Sänger- und Orchesterbesetzung auf den Spielplan genommen haben.»

Bei anderen Werken, gerade am Anfang der Spielzeit, hat man sich frühzeitig für reduzierte Fassungen entschieden, die man für künstlerisch gültig hält. Bei Rossinis «Il barbiere di Siviglia» hofft man, die Originalfassung spielen zu können. Interessanterweise wird Luzern als einziges Theater, aber nach dem Vorbild Salzburg, bei «Così fan tutte» eine pausenfreie, coronataugliche Kurzfassung bieten. Wall:

«Die Leute sollen nicht länger als 100 Minuten im Saal sein.»

Die Maske ist am Sitzplatz in St.Gallen, Zürich, Bern und Basel verlangt, in Genf und Luzern darf man sie abstreifen. Nicht nur in Biel trägt sie das Orchester, bis der Sitzplatz eingenommen und ab dem Moment, wo er wieder verlassen wird. In der Oper tragen die Streicher die Maske, Plexiglaswände und vergrösserte Abstände schützen die Bläser. In Genf spielten die Streicher am Montag mit Maske. Ebenso in Zürich.

Opernhaus Zürich

Wer nicht ohne Sektglas im Opern­foyer stehen kann, muss nach Genf: Dort kann der Pausentisch im Voraus bestellt – und bezahlt – werden. Aber auch beim spontanen Anstehen kommt man zu seinem Getränk. Wenn es regnet, gibt es in Zürich keine Pausengastronomie, denn das Cüpli wird auf dem Vorplatz ausgeschenkt. St.Gallen, Bern und Luzern verzichten auf den Barbetrieb. In Luzern möchte man es ermöglichen, dass Getränke mit in den Zuschauerraum genommen werden. Eine Neuerung, die Schule machen wird.

In Lausanne ist die Bar eine Stunde vor Beginn offen. Detail: Die Mäntel soll man in Lausanne bei sich behalten. Das ist eine kluge Idee, denn das Garderobenproblem wird sich rasch zuspitzen. Am Ende herrscht immer ein Gedränge.

Tests gibt es erst bei einem Verdacht auf Ansteckung

Tests wie in Salzburg führen die Schweizer Theater nur bei Anzeichen auf eine Erkrankung durch. Man darf hoffen, dass es dann nicht zu spät ist, denn bei einer Erkrankung eines Ensemblemitgliedes ginge eine ganze Produktion in Quarantäne. Und Quarantäne ist derzeit das Thema: Gewisse Sänger oder Chöre (in Genf einer aus Wien für den «Messias») wollen nicht anreisen, da sie vorher oder nachher in Quarantäne müssten.

Wie sagte Christian Berner, Finanzchef des Opernhauses Zürich?

«Die kommende Saison wird viel schwieriger als die vergangene.»

Umso schöner war es in Genf am Montag, mit Aschenbrödel in eine klingende Märchenwelt einzutauchen. Zum Happy End kam es auch da nicht. Aschenbrödel hatte alles nur geträumt.

Schweizer Opernstart

Basel
Olivier Messiaen: Saint François d’Assise, ab 15. Oktober

St. Gallen
Georg Friedrich Händel: Giulio Cesare in Egitto, ab 24. 10.

Luzern
Rossini: Il barbiere di Siviglia, ab 25. 9.

Biel/Solothurn
Rossini: Italiana in Algeri, seit 18. 9.; Paul Burkhard: «Casanova in der Schweiz», ab 30. 10.

Genf
Rossini: La Cenerentola, seit 14. 9.; Leoš Janáček: Die Sache Makropoulos, ab 26. 10.

Bern
Bedřich Smetana: Die verkaufte Braut, seit 4. 9.; Verdi: Otello, ab 10. Oktober

Zürich
Modest Mussorgski: Boris Godunow, ab 20. 9.; Emmerich Kálmán: Die Csárdásfürstin, ab 25. 9.

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