«Es war eng, heiss und wild»

Am 5. Februar 1916 eröffnete im Zürcher Niederdorf das Cabaret Voltaire. Es war die Geburtsstunde von Dada. Dessen heutiger Direktor Adrian Notz erklärt, was Dada mit Roman Signer, Lady Gaga und einer heiligen Kuh zu tun hat.

Christina Genova
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Adrian Notz, der Direktor des Zürcher Cabaret Voltaire, im Holländerstübli, wo vor 100 Jahren die Kunstbewegung Dada ihren Anfang nahm. (Bild: pd/Aye Yava)

Adrian Notz, der Direktor des Zürcher Cabaret Voltaire, im Holländerstübli, wo vor 100 Jahren die Kunstbewegung Dada ihren Anfang nahm. (Bild: pd/Aye Yava)

Adrian Notz, warum ist Roman Signers Kunst für Sie Dada?

Adrian Notz: Ich weiss natürlich nicht, ob Dada für Roman Signer tatsächlich wichtig ist. Ich würde ihn gerne einmal danach fragen. Aber es gibt ein schönes Zitat von Kurt Schwitters: «Kunst ist das ernste Spiel mit Dingen.» Und das ist genau das, was Roman Signer tut.

Seit 2006 sind Sie Leiter des Cabaret Voltaire. Was fasziniert Sie an Dada?

Notz: Mich fasziniert, dass damals eine Art Mythos begründet wurde – alleine schon durch das Wort Dada. Auch die Dadaisten fragten sich zeitlebens, was damals im Cabaret Voltaire passierte und was Dada ist. Wahrscheinlich ist Dada so etwas wie eine Macht oder Kraft, wie Hugo Ball es so schön gesagt hat, die dazu dient, uns von den Fesseln zu befreien, mit denen wir an die Arbeitsprozesse und das politische und wirtschaftliche System gekettet sind. Dada ist viel mehr als nur eine Kunstbewegung, sondern eine Haltung oder eine Philosophie.

Es gibt zahlreiche Erklärungen dazu, wie der Name «Dada» entstanden ist. Welches ist Ihre Lieblingserklärung?

Notz: Mir fällt spontan die Erklärung von Tristan Tzara ein: «Die Kru-Neger nennen den Schwanz einer heiligen Kuh <Dada>.» Mir gefällt auch, dass Dada zu den ersten Wörtern gehört, die ein Mensch sagen kann. Aber die Erklärung, die der Wahrheit wohl am nächsten kommt ist, dass die Dadaisten Tristan Tzara und Marcel Janko, die Rumänen waren, die ganze Zeit da, da – also ja, ja, sagten.

Können Sie die Atmosphäre im Cabaret Voltaire an den ersten Februartagen des Jahres 1916 beschreiben?

Notz: Damals während des Ersten Weltkriegs fanden zahlreiche Flüchtlinge Zuflucht in der neutralen Schweiz. Zürich war sehr international damals und viel offener. Die Stimmung war mit den vielen Sozialisten, Pazifisten und Anarchisten zum einen sehr utopisch und politisch. Zum andern gab es hier ein Rotlichtmilieu mit über 50 Cabarets und Varietés – eine fast magische Welt. Und aus diesem Mix heraus kam man ins Cabaret Voltaire, das ein Ort für die Künstlerschaft Zürichs sein wollte. Es kamen Künstler, Studenten, aber auch Leute, die sich betrinken und die Frauen tanzen sehen wollten. Im Cabaret Voltaire war es wohl ziemlich eng, wild, heiss, verraucht, und es floss viel Alkohol. In dieser Nachtclubatmosphäre versuchte man, die Kunst auf die Bühne zu bringen. Die Konkurrenten der Dadaisten waren Sex und Alkohol, also mussten sie sehr gut sein.

Hatten die Dadaisten eine feste Idee, was dort passieren sollte?

Notz: Am Anfang sagten sie: «Wir wollen schöne Dinge tun.» Sie wollten aber auch Geld verdienen. Erst nach und nach kam dann die Vorstellung eines Gesamtkunstwerks auf und die Idee, die verschiedenen Disziplinen zu vereinen: bildende Kunst, Tanz, Literatur.

Frauen und Dada, was kann man zu diesem Kapitel sagen?

Notz: Es gibt keine andere Avantgardebewegung, in welcher so viele Frauen eine derart grosse Bedeutung hatten. Dass man das Schaffen der Dadaistinnen lange zu wenig wahrnahm, hat nichts mit einer Unterdrückungshaltung der Dadaisten zu tun, sondern mit der Ignoranz der Kunstgeschichte.

In einem Jahr, in welchem die Flüchtlinge in der Schweiz ein grosses Thema sind, begeht man das Jubiläum einer Bewegung, die überwiegend von Flüchtlingen ausgegangen ist. Wie sehen Sie das?

Notz: Die Tatsache, dass man etwas feiert, das nicht von Zürchern oder Schweizern gemacht worden ist, ist etwas absurd, könnte aber auch ein Zeichen von Grösse sein. Alles, was Zürich dazu beigetragen hat, ist, dass es ein sicherer Ort war. Die Flüchtlinge konnten hier – wie Hans Arp sagte – singen, kleben, malen, dichten – ohne Angst um ihr Leben haben zu müssen. In diesem Sinne könnte man sagen: Wenn die Schweiz jetzt Dada feiert, dann feiert sie die starke humanitäre Tradition, welche sie vor hundert Jahren hatte.

Dada existierte in Zürich nur für kurze Zeit. Am 8. April 1919 endete es mit einer letzten Soiree im Kaufleuten. Das Cabaret Voltaire war sogar nur vier Monate geöffnet. Welche Nachwirkungen hatte Dada, was hat es in der Kunst bewirkt?

Notz: Es gibt Erbschaftslinien zu Surrealismus, Lettrismus, Situationismus, Fluxus, Beat-Generation, Punk, Performancekunst und heutigen kreativen Aktivisten wie The Yes Men oder Pussy Riot. Prägend für die Kunst des 20. Jahrhunderts war, dass die Dadaisten zeigten, dass Kunst interdisziplinär sein und als Ereignis stattfinden kann. Man kann eine Brücke schlagen von Dada zu den 1960er-Jahren mit den Happenings und konzeptioneller Kunst. Und wichtig waren natürlich die Readymades von Marcel Duchamp.

Welche zeitgenössischen Künstler arbeiten heute im Geiste Dadas?

Notz: Es gibt ein paar Künstler, die Dada als Inspiration oder Referenz benutzen. Die bekannteste Künstlerin ist wahrscheinlich Lady Gaga. Für Jonathan Meese ist Dada ein Gegner seiner Diktatur der Kunst, und für Thomas Hirschhorn ist Dada ein Ansporn für seine Arbeit. Kürzlich habe ich herausgefunden, dass Paul McCarthy ein grosser Fan von Hugo Ball und Arthur Cravan ist.

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