«Es verschlägt einem den Atem»

Der Direktor des Kunstmuseums Bern, Matthias Frehner, setzt alles daran, nächstes Jahr die ersten Werke aus der Sammlung Gurlitt zu zeigen. Er schwärmt von der Strahlkraft und der sensationellen Farberhaltung der Papierarbeiten.

Christina Genova
Drucken
Teilen
Matthias Frehner erlebt dank Cornelius Gurlitt einen Höhepunkt in seiner Berufskarriere. (Bild: ky/Gian Ehrenzeller)

Matthias Frehner erlebt dank Cornelius Gurlitt einen Höhepunkt in seiner Berufskarriere. (Bild: ky/Gian Ehrenzeller)

Herr Frehner, wissen Sie mittlerweile Genaueres darüber, weshalb Cornelius Gurlitt gerade das Kunstmuseum Bern bedacht hat?

Matthias Frehner: Wir haben Mosaiksteine, die sich mit der Zeit zu einem Bild zusammenfügten – zum Beispiel Hinweise von Verwandten. Wir sind inzwischen sicher, dass es ein genau abgewogener Entscheid gewesen ist. Cornelius Gurlitt wollte, dass seine Sammlung in eine unabhängige Stiftung übergeführt und gemäss den Washingtoner Richtlinien aufgearbeitet wird. Er hat schon relativ früh entschieden, dass dies vom Kunstmuseum Bern gemacht werden soll. Bern war für ihn positiv besetzt.

Von einer Gönnerin, welche die in Bern geplante Forschungsstelle für Provenienzforschung unterstützen will, hat man schon erfahren. Gibt es noch weitere Sponsoren, die sich beteiligen wollen?

Frehner: Wir haben positive Signale, so dass wir davon ausgehen, dass es nicht bei dieser Einzelspende bleiben wird. Ich habe bereits Zusicherungen im siebenstelligen Bereich. Geplant ist die Finanzierung von zwei Vollzeitstellen für fünf bis sechs Jahre, bis die Archivalien aufgearbeitet sind. Ich gehe davon aus, dass ich einen Grossteil dieser Mittel finden werde.

Welche Auswirkungen hat die Anfechtung des Testaments durch Uta Werner, Cornelius Gurlitts Cousine?

Frehner: Es wird eine gewisse Verzögerung geben. Laut unserem Stiftungsratspräsidenten Christoph Schäublin wird diese Angelegenheit in kurzer Zeit geklärt sein. Dann können wir unser Erbe antreten, auch wenn ein Restrisiko besteht, dass die Sammlung allenfalls an die gesetzlichen Erben geht. Wir gehen davon aus, dass wir dann die Werke mit gesicherten Provenienzen übernehmen können. Wir nehmen keine Raubkunst und auch keine Werke, die unter Raubkunstverdacht stehen. Zu uns kommen also das Konvolut der «entarteten» Kunst und die Werke der Familienkünstler Luis und Cornelia Gurlitt.

Was sagen Sie Kritikern, die es begrüsst hätten, wenn das Kunstmuseum Bern die «entartete» Kunst den bestohlenen Museen als Dauerleihgabe zur Verfügung gestellt hätte?

Frehner: Die Museen wurden nicht bestohlen, sondern sie haben diese Kunst, die als «entartet» deklariert worden ist, aufgrund eines Nazi-Gesetzes abgegeben. Deshalb waren diese Werke nicht mehr Museumsbesitz. Nach 1945 mussten sie nicht restituiert werden, weil sie unter den damaligen Gesetzen rechtmässig erworben worden waren. Jemand, der «entartete» Kunst gekauft hat, hat also keine geraubte Kunst erworben, sondern Werke, welche die Nazis ausgesondert hatten. Alles was sie nicht «verwerten» konnten, wurde verbrannt. Insofern hat jemand, der «entartete» Kunst gekauft hat, diese vor der Zerstörung gerettet.

Ohne dieses Gesetz hätten die Museen die Kunstwerke bestimmt nicht freiwillig abgegeben.

Frehner: Die Deutschen haben nach 1933 sofort ihnen genehme Leute an die Schaltstellen gesetzt, auch an die Spitzen der Museen. Die meisten Museumsdirektoren haben die nationalsozialistische Kulturpolitik mitgetragen und entsprechend die «entarteten» Werke noch so gerne aus ihren Sammlungen entfernt. Mit der Rückgabe der «entarteten» Kunst an die ursprünglichen Besitzer würden wir einen Präzedenzfall schaffen. Dies ergäbe einen riesigen Verschiebebahnhof. Es waren weit über 20 000 Werke von der Aktion «entartete» Kunst betroffen.

Sie waren dreimal in Deutschland, um die Sammlung zu begutachten. Sind Sie begeistert über das, was Sie sehen konnten?

Frehner: Ja, auf jeden Fall. Wenn man als Erster etwas zu Gesicht bekommt, das alle andern siebzig Jahre lang nicht sehen konnten, verschlägt es einem den Atem. Das war ein Höhepunkt in meiner Berufskarriere. Seit letztem Donnerstag können sich alle ein Bild von der Sammlung machen, weil alle Werke auf der Website des Kunstmuseums Bern einsehbar sind. Es hat tolle Bilder darin, Werke der klassischen Moderne, Cézanne, Manet, Monet, Renoir, Pissarro, Courbet, Corot, Gauguin – wirkliche Museumsstücke. Alle Werke der «entarteten Kunst» sind – abgesehen von zwei Ölgemälden – Arbeiten auf Papier, also Aquarelle, Gouachen, Zeichnungen und Grafiken.

Was können Sie aus restauratorischer Sicht dazu sagen?

Frehner: Die Werke, die in Salzburg lagerten, haben etwas gelitten, weil das Haus lange Zeit nicht geheizt worden ist. Diese Schäden konnten aber weitgehend behoben werden. Sonst ist es so, dass die Papierarbeiten sensationell in der Farberhaltung sind. Sie sind unendlich lange nicht ausgestellt worden und am Licht gewesen. Deshalb sind die Farben noch von einer grossartigen Strahlkraft, als ob der Künstler die Werke erst gestern gemalt hätte.

Wann wird man die ersten Werke aus der Sammlung Gurlitt in einer Ausstellung sehen?

Frehner: Ich will so rasch wie möglich eine Ausstellung jener Werke, die provenienzmässig sicher sind – also die der «entarteten» Kunst sowie diejenigen der Gurlitt-Künstler. Das muss nächstes Jahr möglich werden. Ich werde alles dransetzen.

Was werden Sie tun, um die Geschichte der Sammlung zu vermitteln?

Frehner: Die Geschichte dieser Sammlung muss aufgearbeitet und vermittelt werden, das ist ganz klar. Auch die Forschungsstelle wird dazu beitragen. Schon bei der ersten Ausstellung wird der dokumentarische Teil sehr wichtig sein. Das Publikum erwartet das. Wir müssen erklären, wie es zur Aktion «entartete» Kunst gekommen ist, welche Rolle die Schweiz als Kunsthandelsplatz dabei spielte und warum so etwas nie mehr geschehen darf.

Aktuelle Nachrichten