«Es tut weh, zu sehen, wie sich der Saal leert»: Katja Garofalo von der Theaterkasse St.Gallen storniert Sitz um Sitz – und erhält trotzdem aufmunternde Reaktionen

Das Theater ist wie ausgestorben, doch beim Team der Billettkasse laufen die Telefondrähte heiss. Denn Hunderte Zuschauerinnen und Zuschauer geben ihre bereits gekaufte Tickets zurück. Die schöne Überraschung fürs Kassenteam: Etwa die Hälfte der Kundinnen und Kunden spendet das Geld dem Theater.

Mirjam Bächtold
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Katja Garofalo arbeitet seit 2016 bei der Billettkasse des St.Galler Theaters.

Katja Garofalo arbeitet seit 2016 bei der Billettkasse des St.Galler Theaters.

Bild: Ralph Ribi (St.Gallen, 20. Mai 2020)

Kaffee trinkt Katja Garofalo nur zu Hause. Dort bereitet sie ihn mit ihrer Cafetiere selbst zu. Den Kapselkaffee mag sie nicht. «Der ist mir zu bitter», sagt die Leiterin der Billettkasse von Konzert und Theater St.Gallen. Hier im kleinen Büro direkt hinter dem Ticketschalter trinkt sie Tee oder, wenn sie müde ist, einen Energydrink. In den letzten Tagen konnte sie den Energieschub gut gebrauchen.

Im sonst stillen Theater, das momentan wie ausgestorben wirkt, arbeitet sie mit den anderen vier Kassenmitarbeiterinnen auf Hochtouren. Die Telefondrähte laufen heiss. Der Entscheid des Bundesrates, Grossveranstaltungen bis Ende August zu verbieten, hat die letzte Hoffnung auf die Festspielaufführung zunichtegemacht und nun müssen alle bereits gekauften Tickets storniert und zurückbezahlt werden.

«Wir machen eigentlich die gleiche Arbeit wie sonst, aber in umgekehrter Reihenfolge.»

So erklärt Katja Garofalo ihre aktuelle Tätigkeit. Am Computerbildschirm storniert sie Sitz um Sitz und sieht zu, wie der Saalplan immer farbiger wird, was die freien Plätze symbolisiert. «Es tut weh, zusehen zu müssen, wie sich der Saal einer ausverkauften Vorstellung so schnell wieder leert.»

Die Hälfte der Zuschauer spendet das Eintrittsgeld dem Theater

Katja Garofalo ist seit 2016 bei der Billettkasse tätig, die Leitung hat sie im letzten August übernommen. Nur ein halbes Jahr in dieser Position, wird sie mit dieser Herausforderung konfrontiert. «Ich habe so viel zu tun, dass mir gar keine Zeit bleibt, darüber nachzudenken, und das ist gut so. Zudem habe ich im Team viel Unterstützung.»

Das Musical «Wüstenblume» feierte im Februar seine Uraufführung am Theater St.Gallen. Es kann voraussichtlich erst nächste Spielzeit wieder gezeigt werden.

Das Musical «Wüstenblume» feierte im Februar seine Uraufführung am Theater St.Gallen. Es kann voraussichtlich erst nächste Spielzeit wieder gezeigt werden.

Bild: Andreas J. Etter

Hier zu arbeiten, sei für sie als begeisterte Theaterbesucherin eine Traumstelle. Die Leidenschaft für die darstellende Kunst entdeckte sie, als eine Freundin sie zum Ballett «Schwanensee» mitnahm. «Diese Musik kann ich immer wieder hören. ‹Schwanensee› habe ich mittlerweile zehn Mal gesehen und es verleidet mir nie», sagt sie. Bei Vorstellungen in St.Gallen sitzt sie am liebsten im Rang links, wie sie verrät, dort, wo die «Reihe einen Knick macht», weil man von dort den besten Überblick habe.

Die Kunden können auf der Website ein Formular herunterladen und ankreuzen, ob sie das Geld zurückhaben, einen Gutschein erhalten oder den Betrag dem Theater spenden möchten. «Ich bin erstaunt, wie viele Besucher das Geld nicht mehr zurückhaben wollen. Etwa die Hälfte der Kunden hat darauf verzichtet. Manche sogar, wenn sie ein Theater-Abo haben, auf dem noch mehrere geplante Vorstellungen waren», sagt die 38-Jährige.

Sie hofft, dass bald wieder Leben einkehrt ins Theater

Katja Garofalo ist gerührt über die vielen positiven Reaktionen, die sie und ihr Team erhalten.

«Einige fragen uns am Telefon, ob wir es momentan sehr streng haben und wünschen uns Kraft und Gesundheit. Diese Anteilnahme tut gut.»

Mit den Formularen, die zurückgeschickt werden, erhalten die Mitarbeiterinnen der Billettkasse auch viele Karten mit guten Zusprüchen. «Ich wünsche allen viel Geduld, Kraft und Ausdauer», schreibt jemand. Und dankt für die Erhaltung des Kulturguts.

Katja Garofalo hofft, dass bald wieder Leben einkehrt ins Theater – in der neuen Spielzeit jedoch im Provisorium. «Ich freue mich darauf, wieder direkten Kontakt zu den Kunden zu haben, wenn die Kasse wieder offen ist», sagt sie. Und darauf, mit den Theater- und Konzerttickets etwas verkaufen zu können, das den Menschen Freude bereitet.