«Es steht dem Thurgau gut an, hin und wieder etwas selbstbewusster einen grösseren Scheinwerfer hinzustellen»: Regierungsrätin Monika Knill über kulturelle Highlights

Was lief kulturell 2019? Und was wird den Kanton 2020 beschäftigen? Regierungsrätin Monika Knill erklärt den Kulturfahrplan. Ein Gespräch über die Schwierigkeiten der Thurgauer Museen, Kulturförderung und ihre kulturelle Wunschliste.

Interview: Julia Nehmiz
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Die Laienkultur habe im Thurgau einen hohen Stellenwert, sagt Monika Knill.

Die Laienkultur habe im Thurgau einen hohen Stellenwert, sagt Monika Knill.

Bild: Andrea Stalder

In Frauenfeld funkelt die Weihnachtsbeleuchtung. Im Büro von Regierungsrätin Monika Knill, seit 2008 leitet sie das Departement für Erziehung und Kultur, stapeln sich die Akten. Vor den Feiertagen ist noch viel abzuarbeiten. Ein Gespräch über die Schwierigkeiten der Thurgauer Museen, Kulturförderung und ihre kulturelle Wunschliste.

Überall werden gerade Jahresrückblicke verfasst. Da schliessen wir uns gerne an: Was war Ihr kulturelles Highlight 2019?

Monika Knill: Da gab es nicht nur eins, das waren verschiedene. Aber eines war ganz besonders: die Kulturpreisverleihung an Jossi Wieler.

Was war daran so besonders?

Alle Verleihungen sind schön und würdig. Aber diese wurde abgerundet durch die besondere Geschichte von Jossi Wielers jüdischer Familie in Kreuzlingen. Das hat zu Begegnungen geführt, an der Verleihung selbst, aber auch davor und danach, die ganz berührend waren und nachwirkten.

Regierungsrätin Monika Knill übergibt den Thurgauer Kulturpreises 2019 an Opernregisseur Jossi Wieler.

Regierungsrätin Monika Knill übergibt den Thurgauer Kulturpreises 2019 an Opernregisseur Jossi Wieler.

Bild: Andrea Stalder

Ihr Kulturjahr bestand aber sicher aus mehr als nur dieser Preisverleihung.

Es gab viele weitere Höhepunkte: für mich beispielsweise das 100-Jahr-Jubliäum des Sängerbunds Romanshorn mit grossem Festkonzert. Ich finde es wichtig, Kulturanlässe und Angebote nicht auf das professionelle Kunstschaffen zu beschränken, sondern den Kulturbegriff in seiner ganzen Breite zu begreifen. Ich messe das Kulturjahr nicht an Grossereignissen wie der Werkschau oder den Schlossfestspielen Hagenwil, sondern an dem, was im Thurgau das ganze Jahr über stattfindet und einer breiten Bevölkerung Zugang zu Kultur ermöglicht. Da spielt jeder Chor, jeder Dorfverein, der kulturelle tätig ist, und jede Musikgesellschaft eine Rolle. Die Laienkultur hat einen hohen Stellenwert.

Kunstaktion an der Werkschau Thurgau 2019: Performance von Christoph Rütimann auf dem Weg zur Kunsthalle Arbon.

Kunstaktion an der Werkschau Thurgau 2019: Performance von Christoph Rütimann auf dem Weg zur Kunsthalle Arbon.

Bild: Reto Martin

Im Thurgau gibt es auch wenig professionelles Schaffen: kein Profi-Orchester, kein Stadttheater...

Wir haben das Theaterhaus Thurgau, wir haben im musikalischen Bereich sehr viele Formationen. Ich bin aber je länger desto mehr überzeugt: Weil wir nicht so viele organisierte grosse Häuser, nicht den einen Anziehungspunkt haben, entdecken viele Kulturschaffende den Thurgau. Hier passiert Vielfältiges. Der Dichtestress für Kulturschaffende ist im Thurgau noch nicht so gross.

Dichtestress nicht, aber der Kampf um Aufmerksamkeit findet auch hier statt.

Klar gibt es Situationen, in denen es zu Enttäuschungen kommt. Wenn man ein Gesuch stellt für Kantons- oder Lotteriefondsgelder und die erwartete finanzielle Würdigung dann nicht eintritt. Oder wenn man nicht zur Werkschau eingeladen wird. Ich sitze selber in Stiftungen; Absagen erteilen zu müssen, ist nicht schön.

Fast schon eine Institution im Thurgau: Satiriker Thomas Götz, hier bei seinem Auftritt als Sabine Schnyder bei «Ergötzliches» im Theaterhaus Thurgau in Weinfelden.

Fast schon eine Institution im Thurgau: Satiriker Thomas Götz, hier bei seinem Auftritt als Sabine Schnyder bei «Ergötzliches» im Theaterhaus Thurgau in Weinfelden.

Reto Martin

Der Thurgau hat doch 127 Millionen aus dem Verkauf der TKB-Anteile erhalten. Das könnte man wunderbar für Kultur einsetzen.

Das haben wir im September behandelt, wir haben den Auftrag vom Parlament, einen Bericht zu erstellen, nach welchen Kriterien und für was man 127 Millionen einsetzen kann. Da werden auch die Museen genannt.

Das klingt etwas nüchtern. Haben Sie keine Träume?

Man darf die Rechnung nicht ohne den Wirt machen. Alles über drei Millionen kommt vors Volk. Da nützt es nichts, wenn ein paar Regierungsräte träumen. Die Interessen im Thurgau gehen schon sehr weit auseinander. Wir vom Regierungsrat wollen etwas Bleibendes schaffen.

Aber was ist mit Ihrer Idee einer Markthalle?

Ach, das habe ich mir schon immer vorgestellt: Einen Ort mit hoher Anziehungskraft zu haben, mit Wochenmarkt, Ausstellung, Seminar, Konzert. Immer wenn ich in Montreux oder im Ausland in so einer schönen historischen Markthalle war, dachte ich: Im Thurgau wäre das ein wunderbarer Anziehungspunkt. Ja, eine Markthalle wäre schon ein Traum. Aber eben, der Regierungsrat stellt nicht einfach Bauvisire auf, er ist Ideengeber und lädt die Bevölkerung ein, sich damit zu beschäftigen. Das ist ein langer Prozess.

Abseits der Träume: Wie sieht Ihr Kulturfahrplan für 2020 aus?

Uns wird auch weiterhin die Umsetzung der Museumsstrategie stark beschäftigen. 2020 findet ein Pilotprojekt statt: Zum ersten Mal werden alle sechs kantonalen Museen eine gemeinsame Ausstellung stemmen. Jedes Museum greift das Thema «Thurgauer Köpfe» anders auf. Wir wollen ganz bewusst etwas Grosses machen, mit Aussenwirkung. Es steht dem Thurgau gut an, hin und wieder etwas selbstbewusster einen grösseren Scheinwerfer hinzustellen.

Seit vier Jahren wird an der Museumsstrategie gearbeitet. Eine Ausstellung scheint da ein bisschen wenig.

Nein, das sehe ich nicht so. Eine gemeinsame Museumsstrategie ist ein anspruchsvoller Prozess. Es braucht bei allen Akteuren, sechs eigenständigen Museen, die Überzeugung, Ziele wie ein gemeinsames Marketing zu entwickeln. Da gibt es auf Detailebene viele Fragen zu klären. Ich möchte nicht Hals über Kopf etwas erzwingen. Mir geht es um eine langfristige Wirkung und darum, alle Beteiligten mit auf den Weg zu nehmen.

Das Kunstmuseum in der Kartause Ittingen ist eine nicht fertig gelöste Herausforderung, sagt Monika Knill.

Das Kunstmuseum in der Kartause Ittingen ist eine nicht fertig gelöste Herausforderung, sagt Monika Knill.

Bild: Andrea Stalder

Wenn wir schon bei Museen sind: Da warten ja noch zwei grössere Baustellen auf Sie.

Das Kunstmuseum in der Kartause Ittingen ist eine nicht fertig gelöste Herausforderung. Ebenso die Standortfrage des Historischen Museums. Ende März wird der Bericht erwartet. 2020 wird zum Schlüsseljahr. Vielleicht werden wir nicht fixfertig entscheiden, wie die Lösungen genau aussehen. Aber was wo verwirklicht werden sollte, diese Frage muss und wird 2020 beantwortet werden.

Ihr kultureller Weihnachtswunsch für den Thurgau?

Dass wir gute, breit akzeptierte Lösungen finden für die Museums-Bedürfnisse. Und: Alle paar Jahre sollte im Thurgau eine grössere Aktivität stattfinden, die sich an die breite Bevölkerung richtet und gemeinsame Erlebnisse ermöglicht. Da gehört die Kultur massgeblich dazu. Die Verschmelzung von Kultur und gesellschaftlichem Anlass finde ich wichtig. Das ist das Salz in der Suppe, das zum Nachdenken anregt und den Alltag bereichert.

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