«Es muss möglich sein»

Sänger Herbert Grönemeyer über seine Begeisterung für Sprache und Fussball sowie Sprengstoff, den es zu entschärfen gilt.

Reinhold Hönle
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Eigentlich wollte Herbert Grönemeyer ja Fussballer oder Gebrauchtwagenhändler werden. (Bild: pd)

Eigentlich wollte Herbert Grönemeyer ja Fussballer oder Gebrauchtwagenhändler werden. (Bild: pd)

Herr Grönemeyer, Sie sagten einmal, Klavierspielen sei für Sie wie Duschen . . .

Herbert Grönemeyer: Ja, ich habe das immer gemacht wie Duschen, Frühstücken oder Zeitunglesen und nie als Beruf empfunden. Dass es sich dann plötzlich zu meiner Haupttätigkeit entwickelt hat, ist wunderschön, aber ich sehe das trotzdem noch immer nicht als Arbeit. Es ist einfach Glück.

Auf Ihrer Single «Morgen» schwärmen Sie, dass Sie nun Ihre Lippe nicht mehr riskieren und keine Wahrheiten mehr frisieren müssen. Was meinen Sie damit?

Grönemeyer: Wenn man keine Partnerin hat, die einem auch mal den Spiegel vorhält, neigt man dazu, die Realität zurechtzubiegen, um zu imponieren. Ein Schweizer Freund von mir hat sich mit 57 entschlossen, doch noch zu heiraten, weil er es nicht mehr ertrug, sich selbst jedes Mal wieder so reden zu hören! (lacht) Die wahren Fakten legt man nämlich erst auf den Tisch, wenn man Vertrauen zueinander gefasst hat. Und in dieser tollen Situation befinde ich mich zum Glück seit zwei Jahren wieder.

Sie scheinen grossen Wert darauf zu legen, Ihre Texte auf den Punkt zu bringen.

Grönemeyer: Ich will nicht mit Gewalt präzise sein. Es bleibt mir einfach nur wenig Zeit, in zwei oder drei Strophen plus Refrain eine Geschichte zu erzählen. Zumal da noch genügend Luft bleiben sollte, denn wenn man zu viel hineinpackt, erdrückt der Text die Musik.

Können Sie ein aktuelles Beispiel geben?

Grönemeyer: Bei «Feuerlicht» hatte ich zuerst einen anderen Text. «Sie fallen aus der Welt, gestrandet, sie fallen aus der Welt, sind weg, schwimmen auf dem Fleck.» Damit beschrieb ich die Situation in den Flüchtlingslagern und Asylantenheimen. Mir gefiel er, weil es sehr klar war. Ich fragte mich jedoch, ob ich das nicht in der gleichen Intensität hinkriege, wenn ich es aus der Perspektive des Flüchtlings schreibe, der Schutz sucht. So ringt man immer um die beste Form.

Liessen Sie sich bei «Der Löw» von der WM-Euphorie mitreissen?

Grönemeyer: Absolut. Fussball war schon immer eine grosse Leidenschaft von mir. Eigentlich wollte ich ja Fussballer oder Gebrauchtwagenhändler werden. Und den Herrn Löw mag ich besonders gern, weil er so etwas Feines, Kluges und Dezentes hat. Wie der Hitzfeld spielt er sich nicht auf, sondern lässt spielen.

Sind Sporterfolge nicht schon bald ein «alter Hut»?

Grönemeyer: Wie mit dem Albumtitel «Dauernd jetzt» wollte ich darauf hinweisen, dass besondere Momente oft nicht genügend gewürdigt werden. Es geht einfach weiter, zurück in den Alltag, ohne sie sacken zu lassen. So habe ich dieses Lied geschrieben, obwohl manche finden werden, dass dieses Ereignis bereits eine «olle Kamelle» ist. Und wenn! Für mich war's ein denkwürdiger Augenblick!

«Unser Land» thematisiert die Heimatliebe, obwohl Sie in England leben?

Grönemeyer: 25 Jahre nach dem Mauerfall muss es möglich sein, dass man Deutschland liebt. Denn erst, wenn man es mag, übernimmt man Verantwortung und kümmert sich auch. Und das ist wichtig: Obwohl es uns im Vergleich zum übrigen Europa wirtschaftlich gut geht, gibt es ein grosses Alters- und Kinderarmutsproblem sowie eine weit offene Schere zwischen Arm und Reich. Darin liegt grosser sozialer Sprengstoff. Den gilt es in allen Ländern Europas zu entschärfen, damit den europafeindlichen Rechtsaussenparteien die Munition genommen wird, denn es gibt keine Alternative zu einer solidarischen Staatengemeinschaft.

Am 19. Mai kommen Sie nach Zürich ins Hallenstadion. Eine Konzession an den Klimawandel?

Grönemeyer: Ja, das ist der Hauptgrund, weil in der Schweiz so viel regnet! (lacht) Nein, da wir seit der «Mensch»-Tour zwölf Jahre nicht mehr drinnen gespielt haben, will ich einfach mal wieder schauen, wie es sich in einem intimeren Rahmen anfühlt, wo man in Sachen Licht und Sound mehr Möglichkeiten hat.

Herbert Grönemeyer: «Dauernd jetzt», Universal, 2014