Es muss doch mehr als alles geben

Wir sprechen über alles, wir zeigen alles, wir amüsieren uns über alles: Jacques Offenbachs Operette «Orpheus in der Unterwelt» als üppig ausgestalteter Saisonauftakt am Konstanzer Theater – nicht ohne Spitze gegen die Stadtspitze.

Brigitte Elsner-Heller
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Viel Spielfreude, viel Komik, Blitz und Donner: Eurydice (Natalie Hünig) mit erzürntem Ehemann Orpheus (Ingo Biermann). (Bild: Theater Konstanz/Ilja Mess)

Viel Spielfreude, viel Komik, Blitz und Donner: Eurydice (Natalie Hünig) mit erzürntem Ehemann Orpheus (Ingo Biermann). (Bild: Theater Konstanz/Ilja Mess)

KONSTANZ. «Herr, es ist Zeit, der Sommer war sehr gross». So startete man früher in den Herbst. Heute heisst es «O'zapft is!», und dann ist es auch gut. Schule und Job fangen wieder an, und das Theater erklärt seine Sommerpause für beendet. «Nix macht Sinn» heisst es dazu, schliesslich hat man in Konstanz einen Intendanten, an dessen Namen – Christoph Nix – irgendwie kein Weg vorbeiführt.

Und wenn aussen am Theater ein Banner «Wir müssen reden» verkündet, kann man dem nur zustimmen. Fangen wir also diesmal mit einer Fussnote zur Auftaktpremiere «Orpheus in der Unterwelt» an.

Der angebliche Maulkorb

Da wird nämlich während der Aufführung das Bühnenlicht gedimmt, und ein Schauspieler wendet sich aus Jacques Offenbachs Höllenszenario heraus an das Publikum: «Was sehen Sie?» Er liefert Antwort und Begründung gleich mit: «Sie sehen nix (nichts), dank Nix».

Und als ob das noch nicht genug wäre, wird auch der Disput zwischen dem Intendanten und der Stadtspitze kurz angerissen. «Mehr darf ich dazu nicht sagen», sagt der Schauspieler, und man darf sich erinnern, dass dem Intendanten angeblich ein Maulkorb verpasst wurde. Ist es engstirnig, hier von einer Instrumentalisierung des Theaters zu sprechen?

Ohne moralisches Pathos

Dann also endlich zu «Orpheus in der Unterwelt», der Operette von Jacques Offenbach, in der er fein säuberlich die antike Liebesgeschichte von Orpheus und seiner geliebten Frau Eurydice vom moralischen Pathos befreit hat, um der Gesellschaft des zweiten Kaiserreichs einen Spiegel vorzuhalten. Auch heute passt die Verkehrung der Umstände gut, und Thomas Pigor hat das Libretto für die zeitgemässe Fassung recht grosszügig bearbeitet. Die musikalische Anpassung stammt von Christoph Israel, und Andreas Kohl hat sie auf der Konstanzer Bühne mit elf professionellen Musikern wohltuend umgesetzt.

Grosse Bühnenmaschinerie

Der aus Polen stammende Regisseur Andrej Woron sprach im Vorfeld von Opulenz, und man möchte meinen, dieser Begriff liesse sich nicht steigern. Offenbar hatte Woron aber genau dies im Sinn. Auf der vergleichsweise kleinen Bühne des Konstanzer Theaters kommt die gesamte Bühnenmaschinerie zum Einsatz, auch Blitz, Donner und Theaternebel fehlen nicht. An der Ausstattung wurde ebenfalls nicht gespart, schliesslich zeichnet Andrej Woron stets auch für Bühne und Kostüme verantwortlich. Dass das Orchester über weite Strecken hinter dem eisernen Vorhang oder im düsteren Hintergrund spielen muss, ist bedauerlich – aber wo hätte man es sonst unterbringen sollen?

Heiter-blödelnde Komik

Fast könnte es wundern, dass nun auch noch Schauspieler vonnöten sind, zumal sie zusätzlich von Chorsängerinnen und Tänzerinnen flankiert werden. Sie bilden die Klammer, die alles zusammenhalten muss. Im Zentrum stehen zunächst Orpheus und Eurydice – mit Ingo Biermann und Natalie Hünig eine für Konstanz geradezu klassische Besetzung – und es geht zuallererst um Komik. Während Biermann dem geigenden Gatten heiter-blödelnde Präsenz verleiht, versprüht Natalie Hünig eine treffliche Mischung aus Komik, Berechnung und Charme. Wobei die Frau – wie Biermann – auch noch Sympathien einsammelt, wenn sie singt. Und dass sie gut aussieht, bemerken dann nicht nur Pluto und Jupiter, die untereinander die Macht in ein «Oben» und «Unten» aufgeteilt haben.

Selbstgefällig und harmlos

Dass prinzipiell kein allzu grosser Unterschied zwischen Himmel und Hölle besteht, lässt sich in den wüst-komischen Szenarien verfolgen, die im Grunde die Handlung der Operette ausmachen. Bärtig sind die Götter der griechischen Mythologie nun, selbstgefällig, aber auch ziemlich harmlos. Julian Härtner und Thomas Fritz Jung sind diese lustig-lustvollen Götter, Griechen irgendwie auch, wobei der symbolische Sternenkreis des theoretisch geeinten Europas aufleuchtet und die Schäfchen von Hellas die Kennzeichen der Euromitgliedstaaten auf ihren Höschen tragen. Den Schauspielern kann man ihre Spielfreude nicht absprechen. Wie viel Sinn dabei von der Regie in die zum Ziel gesetzte Opulenz eingeflochten wurde, ist allerdings nicht eindeutig zu beurteilen. Das Publikum dankte jedenfalls, und manch einer mag sogar begeistert gewesen sein. Ja, so könnte es gewesen sein.

Bis 3.11. www.theaterkonstanz.de