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«Klassische Musik braucht Zeit, das unterscheidet sie vom Pop»

Mit Augenbinden für das Publikum ist das Zürcher Kammerorchester in die neue Saison gestartet. Unter der Leitung von Geiger Daniel Hope experimentiert das Orchester mit neuen Konzertformen, die nicht nur Junge, sondern auch Kinder ansprechen sollen.
Rolf App
Daniel Hope (links) an einem Nuggikonzert. Auch mit Krabbel- und Purzelkonzerten will man Familien ansprechen. (Bild: PD)

Daniel Hope (links) an einem Nuggikonzert. Auch mit Krabbel- und Purzelkonzerten will man Familien ansprechen. (Bild: PD)

Abgemacht haben wir hinten, in der Garderobe. Doch Daniel Hope steht vor der Tonhalle Maag und macht noch ein Video, auf dem Rücken der Geigen­kasten mit seinem millionen­teuren Instrument aus Guarneris Werkstatt von 1742. Er ist in aufgeräumter Stimmung. Anfang Woche haben sie ein Buch vorgestellt über das Zürcher Kammerorchester (ZKO), das er seit anderthalb Jahren von der Konzertmeister-Position aus leitet und mit dem er fast pausenlos auf Tournee sein könnte. Und: In anderthalb Stunden steht die Saisoneröffnung an. Es wird ein sinnlicher Abend werden. Mit Antonín Dvořáks Nocturne H-Dur, mit dem Doppelkonzert e-Moll für Violine und Viola von Max Bruch (mit Amihai Grosz als zweitem Solisten). Zuletzt mit einer gleissend schönen, von einem lebhaften Publikum freudig aufgenommenen Interpretation von Tschaikowskys Streichsextett «Souvenir de ­Florence» in seiner Fassung für Streichorchester.

Damit sich der Hörsinn auch voll entfalten kann, werden am Eingang Augenbinden gereicht – eine witzige Aufforderung, sich ganz den ­Tönen hinzugeben. «Klassische Musik braucht Zeit, das unterscheidet sie vom Pop», sagt Daniel Hope. «Man kann das vergleichen mit Champagner und Rotwein. Champagner prickelt, aber Rotwein wirkt nach. Und: Man weiss noch genau, welche besondere Flasche man wo getrunken hat. So kann es mit der klassischen Musik gehen.»

Viele Sommer hat Daniel Hope in Gstaad verbracht

Mit dem Orchester verbindet den 45-jährigen Geiger eine lange Geschichte. In Südafrika geboren, ist er in England aufgewachsen und stark von Yehudi Menuhin gefördert worden, als dessen Managerin seine Mutter Eleanor Hope fungierte. Viele Sommer hat er in seiner Kindheit in Gstaad verbracht, das Zürcher Kammerorchester war das erste Orchester, das er dort gehört hat.

Jetzt, am Beginn dieser neuen Saison, spürt Daniel Hope, «wie wir immer enger zusammenwachsen – musikalisch, aber auch freundschaftlich.» Zu Beginn habe er sich oft ins Orchester gesetzt, um die Musiker kennen zu lernen und herauszufinden, wie das Orchester tickt. «Mittlerweile haben wir, was den Klang angeht, eine ganze Menge geschafft – gerade weil wir im Stehen spielen und näher beieinander sind. Wir sind dem Ziel näher gekommen: Ein Orchester zu werden, das offen ist für jeden Musikstil.»

Daniel Hope ist geradezu Spezialist für Grenzüberschreitungen. Einen Begriff gibt die CD «For Seasons», die er 2017 mit dem Orchester eingespielt hat: Mit einer vor Lebendigkeit sprühenden Interpretation von Vivaldis «Le quattro ­stagioni» im ersten und zwölf kurzen, quer durch die Jahrhunderte reichenden Stücken zu jedem Monat im zweiten Teil. Und, im Booklet, einem Kunstwerk zu jedem dieser Stücke. Es ist nicht nur sein Spiel, das den Hörer gefangen nimmt. Es ist vor allem auch das Übermass an Fantasie, die dahintersteckt.

Mit Nuggikonzerten ein neues ­Publikum gewinnen

Fantasie ist auch von jenem Mann gefordert, den wir in der Garderobe nebenan treffen. Michael Bühler, der Manager des ZKO seit zehn Jahren, muss dem Orchester, dessen Stammpublikum ein Durchschnittsalter von 62,4 Jahren hat, neue, jüngere Hörer gewinnen. Das heisst zum einen:

«Wir müssen neue Finanzierungsmodelle finden, weil die Jungen sich gewohnt sind, dass vieles gratis ist.»

Und zum andern: «Wir müssen mit neuen Konzertformen experimentieren.» Eine Basis ist gelegt. Das Angebot für Familien ist reichhaltig, es gibt Nuggi-, Krabbel-, Purzelkonzerte, «und jedes dieser insgesamt vierzig Konzerte pro Jahr ist ausverkauft». Und was Heranwachsende und junge Erwachsene angeht, so ist Michael Bühler überzeugt: «Es liegt nicht an der Musik. Sondern am Format.» Das traditionelle Konzert mit seinen Kleidervorschriften und Ritualen stamme aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts und habe dem Bürgertum dazu gedient, sich gegen tiefere Gesellschaftsschichten abzugrenzen – «was leider heute noch sensationell funktioniert». Hier neue Wege zu gehen, wird für die Zukunft entscheidend sein. Michael Bühler kann also Glück gebrauchen. Weshalb er seinem munteren kleinen Hund auch den Namen «Fortuna» gegeben hat.

Peter Marschel/Peter Révai: Mit Musik stromaufwärts – Das Zürcher Kammerorchester, NZZ Libro
Daniel Hope: For Seasons, Deutsche Grammophon

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