Es kann nur besser werden

Mit Henrik Ibsens «Ein Volksfeind» und «Der neue Himmel» von Jakob Nolte und Michel Decar startet das Zürcher Schauspielhaus äusserst schwach in die neue Spielzeit.

Valeria Heintges
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Schnickschnack trifft auf theorieklappernden, wenig dramatischen Text: Szene aus Henrik Ibsens «Ein Volksfeind». (Bild: pd/Tanja Dorendorf)

Schnickschnack trifft auf theorieklappernden, wenig dramatischen Text: Szene aus Henrik Ibsens «Ein Volksfeind». (Bild: pd/Tanja Dorendorf)

Ibsens «Volksfeind» am Zürcher Schauspielhaus ist aseptisch sauber. Eine Bühne, auf der Menschen in Handys und aus fahrenden Bildschirmen sprechen, Chromstühle, Schiebetafeln und eine Aktion, die digital transparent per Kamera aufgezeichnet und an die Bühnenrückwand projiziert wird. Kämpft in Ibsens «Volksfeind» (1882) der Badearzt Tomas Stockmann gegen verseuchtes Grundwasser im Kurort, wütet sein Pendant seit Donnerstag am Zürcher Schauspielhaus gegen die giftigen Folgen von Fracking: Regisseur Stefan Pucher hat den Wissenschaftskritiker und Feuilletonredaktor Dietmar Dath ins Boot geholt, der Ibsens Volksfeind ins digitale Computerzeitalter zerrt.

Immer noch will Stockmann die Ergebnisse seiner Untersuchung veröffentlichen und sein Bruder als Bürgermeister für die Prosperität des Ortes alles verschweigen. Aber dazu nutzen beide die Blogger von «DEMOnline» und verheddern sich in den Fangstricken transnationaler Verträge und transparenter Bürgerverwaltungen.

Aufsagetheater am Bühnenrand

Barbara Ehnes hat in die Mitte der Bühne ein riesiges Modell des Dorfes gesetzt, das erst Ute Schall mit ihrer Livekamera für die Zuschauer sichtbar macht. Aber all der Schnickschnack trifft auf einen theorieklappernden, wenig dramatischen Text, dem Regisseur Stefan Pucher viel zu oft mit Aufsagetheater-an-der-Rampe begegnet. Die Besetzungspolitik des Zürcher Hauses tut ihr übriges: Markus Scheumann kämpft redlich, aber sein Stockmann fesselt wenig, Robert Hunger-Bühler gibt wie so oft den hinterlistig-intelligenten Bösewicht, und Isabelle Menke ist gewohnt unterfordert. Einzig Matthias Neukirch, neu im Ensemble, gibt seinem Softwareunternehmer Aslak Doppelbödigkeit und Tiefenschärfe.

Mehr Kraft nach der Pause

Nach der Pause kann sich die Aktualisierung nicht mehr länger gegen die Ibsensche Vielschichtigkeit wehren und gewinnt an Kraft, wenn der Badearzt zum Fanatiker wird, gegen Volk und Demokratie schimpft und in einer Versammlung vom Volksfreund zum Volksfeind mutiert. Pucher macht, wie schon viele vor ihm, das Publikum zum Stimmvolk – wer sitzenbleibt, ist für den Badearzt, wer ins Foyer wechselt, für seine Gegner. Per Videokamera werden die einen zu den anderen geschaltet – das «Volksfeind-Volksfeind»-Geschrei muss aber doch vom Band kommen.

Am Ende zeigt das Modell der Stadt im Bühnenhimmel seinen vor Gift tropfenden Untergrund. Und Badearzt Stockmann deklamiert: «Der stärkste Mann der Welt ist der, der ganz allein steht.» In der digitalisierten, von Geheimdiensten und Konzernen überwachten Welt dürfte ihm diese Haltung noch schwerer werden.

Intelligenz ade

Am Freitag stand dann «Der neue Himmel» in der Schiffbau-Box auf dem Programm. Die Uraufführung des Stücks von Jakob Nolte und Michel Decar war bereits im Juni bei den Berliner Autorentheatertagen zu sehen gewesen. Dort wurde sie von den Kritikern in der Luft zerfetzt. Völlig zu Recht. Denn Regisseur Sebastian Kreyer treibt dem schwachen Text mit Kalauern, dämlichen Witzen und platten Einfallen die Intelligenz vollends aus. Wer es nicht glaubt, mag es sich anschauen – auf eigene Gefahr.