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Kulturförderung: Es ist nicht egal, wo man Künstler ist

Eine politisch motivierte Verweigerung von Fördergeldern wie im Fall des kritischen Dokumentarfilms über die Luzerner Steuerpolitik wäre im Aargau undenkbar. Über Unterschiede und Ungerechtigkeiten in der kantonalen Kulturförderung.
Julia Stephan
Luzerner Kulturschaffende protestieren 2017 gegen Kürzungen bei der kantonalen Kulturförderung. Bild Alexandra Wey/Keystone (11. August 2017)

Luzerner Kulturschaffende protestieren 2017 gegen Kürzungen bei der kantonalen Kulturförderung. Bild Alexandra Wey/Keystone (11. August 2017)

Letzte Woche wurde bekannt: Die Filmförderung der Kantone Basel-Stadt und Basel-Landschaft finanziert den Dokumentarfilm des Vereins «Luzern – der Film» über die Luzerner Finanz- und Steuerpolitik mit 60 000 Franken (wir berichteten am 6.12.). Zuvor hatte der Verein vergeblich bei der Kulturförderung des Kantons ­Luzern angeklopft. Zwar war die vorberatende Kommission der ­Innerschweizer Filmfachgruppe (IFFG) vom Projekt überzeugt gewesen. Da diese aber lediglich unverbindliche Empfehlungen aussprechen darf, die rechtlich nicht bindend sind, konnte die Luzerner Regierung deren Fachurteil einfach übergehen.

Das Beispiel zeigt: Wie Kantone ihre Kulturförderung strukturell organisieren und welche Förderkriterien sie anwenden, beeinflusst die Arbeit von Kulturschaffenden enorm. Mancher Künstler empfindet das je nach Kanton, in dem er arbeitet, als extrem ungerecht. Doch das föderalistische Kulturfördersystem schafft auch Chancen: Im Fall des Dokfilms profitierte der Verein schliesslich davon, dass Regisseur Reinhard Manz und die Produktionsfirma in Basel angesiedelt sind.

Wenn Kulturförderung unabhängig funktioniert

Hätte der Verein seinen Steuerfilm nicht über Luzern, sondern über den Aargau gedreht, wäre ein politisch motivierter Ablehnungsbescheid gar nicht möglich gewesen. Denn im Aargau entscheidet über einen Teil der Fördergesuche ein in der Schweiz einzigartiges, von Politik und Verwaltung unabhängiges Fachgremium: das Aargauer Kuratorium. Lediglich der Kanton Thurgau verfolgt mit seiner unabhängigen Kulturstiftung eine ähnliche Philosophie. Indirekt sei politische Einmischung zwar auch im Aargau möglich, wie Kuratoriums-Geschäftsführer Peter Erismann auf Anfrage erklärt. So werde auf das unabhängige Fachgremium aus dem Grossen Rat immer wieder über angedrohte Budgetkürzungen Druck ausgeübt und dürfe das Parlament sechs der insgesamt elf Kuratoriumsmitglieder wählen. Bei konkreten Entscheiden über Kulturprojekte gewichtet der Aargau mit dem Kuratorium die Kunstfreiheit aber höher als die Möglichkeit politischer Einflussnahme. Das Fachgremium entscheidet autonom.

Doch selbst bei unpolitischen und weitaus harmloseren Kulturprojekten bleibt eine Ab- oder Zusage oft eine Frage der Herkunft und der Wohn- und Lebenssituation eines Kulturschaffenden. Aldo Caviezel, Leiter des Amts für Kultur im Kanton Zug, ist zugleich Präsident der Konferenz der kantonalen Kulturbeauftragten (KBK). Er kennt die unterschiedlichen Philosophien von eher ländlich strukturierten Kantonen und urbanen mit ihren kulturellen Leuchttürmen. «Während die einen die Herkunft eines Künstlers höher gewichten, behandeln die anderen die Wirkung der Kulturschaffenden vor Ort als vorrangig – zwischen Zugezogenen und Einheimischen wird kein Unterschied gemacht», sagt Caviezel.

Das macht für Kantone wie Zürich oder Luzern mit ihren Kunst- und Musikhochschulstandorten durchaus Sinn. Man will die reichlich zugezogenen Kulturschaffenden nicht benachteiligen. Ein zivilrechtlicher Wohnsitz über ein bis drei Jahre ist häufig ausreichend.

Wenn Künstler auch Kulturbotschafter sind

Im Gegensatz dazu sind eher ländliche Kantone wie Uri oder Nidwalden neben der Förderung von Zuzügern stark daran interessiert, ihre heimischen Kulturschaffenden als Botschafter ihres Kantons ausserkantonal zu fördern und punktuell an den Kanton, in dem sie aufgewachsen sind, anzubinden, wie Stefan Zollinger, Leiter des Amts für Kultur in Nidwalden, erklärt. Zollinger bestätigt, was bei vielen Kulturschaffenden aus den Stadtgebieten für Unmut sorgt: «Künstler aus kleinen Kantonen, die in grosse urbane Zentren ziehen, sind bevorzugt.» Denn sie können bei zwei Kantonen Gelder beantragen, wogegen eine Luzernerin, die schon lange woanders lebt, in Luzern aber nur noch selten künstlerisch aktiv ist, schneller durchs heimische Fördernetz fällt. Denn während die kleineren, ländlicheren Kantone eine lange Wohndauer in der Biografie eines Kulturschaffenden als möglichen Förderungsgrund akzeptieren, verzichtet man in Kantonen mit hohen kulturellen Migrationsströmen, etwa Zürich oder Luzern, auf einen solchen Passus.

Das war früher anders. Lange konnte ein Antragssteller, um Anspruch auf Fördergelder anzumelden, in vielen Kantonen seinen Heimatort geltend machen. Über den Aargau etwa wird unter Kulturschaffenden noch heute hinter vorgehaltener Hand behauptet, dass der Nachweis einer Aargauer Grossmutter genüge, um gefördert zu werden. Dabei haben die Kantone dieses Kriterium längst aus ihren Förderrichtlinien gestrichen, sagt es doch zu wenig über einen echten Bezug zum Kanton aus.

Im Aargau erfolgte dies 2009. Der Kanton Uri, der neben Schwyz als einziger Zentralschweizer Kanton noch kein Kulturgesetz besitzt – bis 2020 könnte hier eines in Kraft treten –, hat 2016 den Heimatort aus den Richtlinien der vom Kanton mitgetragenen Kunst- und Kulturstiftung Uri gestrichen und wie die meisten Kantone durch eine mehrjährige Wohndauer ersetzt, welche die Verwurzelung des Künstlers viel besser garantiert.

Kooperationen zwischen den Kantonen wichtig

Dass sogar diese wesentlich mehr Künstler in der Förderkreis einschliessende Praxis in eher dünn besiedelten Kantonen nicht immer ausreicht, um vernünftig Kulturförderung zu betreiben, zeigt das Beispiel Ob- und Nidwalden. Seit 2014 schreiben beide Kantone ihre Werkbeiträge gemeinsam aus. Hier wie auch in Uri ist man wegen der geringen Dichte an Kulturschaffenden und deren ­hoher Mobilität viel stärker an Zusammenarbeiten mit anderen Kantonen interessiert, wie der Kulturbeauftragte des Kantons Uri, Ralph Aschwanden, erklärt. Solche Kooperationen gibts in der Zentralschweiz derzeit etwa bei der Ateliervergabe oder der Film- und Literaturförderung.

Es verwundert also nicht, dass viele Kulturschaffende ähnlich wie Steuerflüchtlinge ihren Wohnsitz manchmal gezielt in andere Kantone verlegen. Eine verstärkte Mobilität wird die Kantone auch in Zukunft vor neue Herausforderungen stellen.

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