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Blinde reagieren empört auf die drohende Schliessung der Bibliothek in Landschlacht

Die Blindenbibliothek in Landschlacht produziert Hörbücher abseits des Mainstreams. Blinde Hörer hätten ein Recht auf Literatur in ihrer ganzen Breite, so der Anspruch. Doch Ende Jahr ist Schluss: Die Bibliothek soll geschlossen werden. Dagegen regt sich Widerstand.
Julia Nehmiz
Der Schauspieler Matthias Albold liest in der Blindenbibliothek Landschlacht einen Krimi als Hörbuch ein. Bild: Ralph Ribi

Der Schauspieler Matthias Albold liest in der Blindenbibliothek Landschlacht einen Krimi als Hörbuch ein. Bild: Ralph Ribi

Die Stimme flutet ins Ohr. Tief, sonor, ein weicher Bariton. Er verführt einen zum Zuhören. Man folgt zwei Japanern auf die Autobahn, irgendwo nahe Tokio, plötzlich eine wilde Verfolgungsjagd mit Pistolen, zerschossener Fensterscheibe und einer Whiskyflasche als rettendem Wurfgeschoss.

Der Schauspieler sitzt allein in der Sprecherkabine, vor Bildschirm, Buch und Mikrofon, die rechte Hand immer auf der Steuerung des Aufnahmegeräts. Die Kabine ist ein gut mannshoher Raum im Raum, nachträglich eingebaut, Wände und Decke mit vergilbten Platten gedämmt, der Tisch mit Filz bezogen, damit kein Störgeräusch entsteht. Trockene, dumpfe Akustik, ohne jeglichen Nachhall.

Auf diesen drei Quadrat­metern taucht der Sprecher ein ins ­Panoptikum der fernöstlichen Jakuza-Gangster, Kommissare und Terroristen. Er entführt ins Kopfkino, nur mit Worten und Stimme. Er gestikuliert, lebt den Text mit – dabei schaut ihm keiner zu.

Und es hört ihm auch keiner zu. Noch nicht.

Alles wird gelesen, inklusive Klappentext, Impressum und Inhaltsverzeichnis

100000 Bücher erscheinen jedes Jahr auf Deutsch. Schön für die, die sehen und lesen können. Sie dürfen nach Lust und Laune im grossen Angebot herumschmökern. Doch die wenigsten Bücher werden als Hörbuch produziert. Und wenn, dann werden sie oft nur gekürzt gelesen.

Die Blindenbibliothek im thurgauischen Landschlacht lässt jedes Jahr 100 bis 120 Bücher von Schauspielerinnen und Schauspielern einlesen. Komplett, inklusive Klappentext, Impressum und Inhaltsverzeichnis. Auch Blinde ­haben das Recht, an der Literatur teilzuhaben – in ihrer ganzen Breite.

Diese Bücher haben die Sprecherinnen und Sprecher in Landschlacht als Hörbücher eingelesen. Bild: Ralph Ribi

Diese Bücher haben die Sprecherinnen und Sprecher in Landschlacht als Hörbücher eingelesen. Bild: Ralph Ribi

Doch es wird schwerer, dieses Recht wahrzunehmen. Künftig wird in der Schweiz ein Viertel deutschsprachiger Hörbücher für Blinde weniger produziert. Die acht professionellen Sprecherinnen und Sprecher in Landschlacht ­haben vor kurzem ihre Kündigung erhalten. Noch bis Ende Jahr können sie Bücher für Blinde einlesen. Dann werden die Mikrofone abgeschaltet, die Produktion der Hörbücher wird eingestellt, der Bestand an die Schweizerische Bibliothek für Blinde, Seh- und Lesebehinderte SBS in Zürich übergeben.

Der Grund: Die Caritasaktion der Blinden CAB, die die Bibliothek betreibt, muss sparen. Zuerst wurde bekannt, dass das Internationale Blindenzentrum IBZ in Landschlacht geschlossen wird. Jetzt trifft es auch noch die Bibliothek.

Nein, sagt Andrea Vetsch von der Caritasaktion der Blinden, es sei ein strategischer Entscheid. Man müsse überlegen, welche Ressorts man stärken wolle. Und die Stärken der CAB lägen nun einmal im Kurswesen und in der Beratung.

Blinde reagieren empört auf die drohende Schliessung

Blinde Hörerinnen und Hörer sind konsterniert. «Es ist eine Schande, dass die CAB die Bibliothek schliesst und die professionellen Sprecher entlässt», sagt Domenica Griesser. Sie nutzt das Angebot aus Landschlacht seit vielen Jahren. Früher waren für Blinde ein paar Klassiker verfügbar. Heute bemühen sich die Bibliotheken, auch Aktuelles zu bieten. «Wenn Landschlacht geschlossen wird, ist das ein Abbau.» Dabei hat die Schweiz die UNO-Behindertenrechtskonvention ratifiziert. «Es sollte darum gehen, mehr barrierefreie Medien zur Verfügung zu stellen, nicht weniger!», Domenica Griesser ruft es fast schon ins Telefon.

«Es ist unglaublich schade, dass die Bibliothek Landschlacht schliesst», sagt Karla Kunz. Die 62-Jährige wird die Stimmen vermissen, die ihr seit vielen Jahren Bücher vorlesen. In manche der Stimmen kann sie sich besonders gut hineinfallen lassen. Vorlesen ist auch etwas ­Intimes, man lässt die lesende Stimme ganz nah an sich heran, Emotionen, Stimmungen übertragen sich – «man hat ein Gegenüber», sagt Karla Kunz. Die vertrauten Gegenüber aus Landschlacht werden bald verschwinden.

Doch die Sprecherinnen und Sprecher kämpfen. Um ihre Arbeitsplätze, und vor allem auch um die Produktion dieser speziellen Bücher.

Die Bestseller können andere einlesen, in Landschlacht kümmert man sich hauptsächlich um Nischenprodukte: Sachbücher, Biografien, Werke aus Wissenschaft, Religion, Philosophie. Komplexe Texte, direkt vom Blatt aufs Band. «Prima vista lesen» heisst das für die acht Sprecherinnen und Sprecher, für eine Vorbereitung ist kein Geld da. Trotzdem darf der Sinn, die Logik nicht auf der Strecke bleiben. Auch wenn man nicht versteht, was man da vorliest.

Bei komplizierten Fremdwörtern oder Eigennamen hilft nur: Nach der Aussprache googeln. Bild: Ralph Ribi

Bei komplizierten Fremdwörtern oder Eigennamen hilft nur: Nach der Aussprache googeln. Bild: Ralph Ribi

Der Sprecher flucht, reisst die Kabinentür auf, wirft sich auf den Bürostuhl am Laptop. «Keine Ahnung, wie man das wieder ausspricht.» «Chuo-Ken», wenn dieser Platz weltberühmt wäre, stünde er im Fremdwörterlexikon. Ist er aber nicht. Er googelt nach Originalschriftzeichen, sucht auf der Ausspracheplattform Forvo, findet immerhin «Chuo». Wieder rein in die abgewetzte Sprecherkabine, Tür verriegeln, starten.

Unermüdlich schlagen die Balken auf dem Aufnahmecomputer im Vorraum aus, zeigen an, wie laut er spricht. Ob er zu laut ist, muss er auch selber merken.

Produziert wird nicht nur in Landschlacht. Auch andere Blindenbibliotheken machen das, in Münster, Hamburg, Leipzig, Berlin, Bonn, München, Wien – und die in der Schweiz: Zürich, Locarno (auf Italienisch), in Genf, Lausanne und im Unterwallis auf Französisch.

"Es ist ein Unterschied, ob man als "Sehling" oder als Blinder ein Hörbuch hört."

Damit es keine Doppelspurigkeit gibt, haben sie sich auf der Plattform medibus.info zusammengeschlossen. Dort wird vermerkt, welche Bibliothek welches Hörbuch einliest. Es sei keine Konkurrenz, im Gegenteil, man profitiere von den Produktionen der anderen und habe ­Zugriff auf 60000 Hörbücher, sagt Urs Rehmann, der seit 1997 die Blinden­bibliothek Landschlacht leitet.

Dass sie geschlossen wird, bedauert er. «Die spezielle Nische unserer Hörbuchproduktion fällt weg.» Das Angebot für blinde Hörer wird kleiner. Rehmann ist blind, und ja, sagt er, es ist ein Unterschied, ob man als «Sehling» oder als Blinder ein Hörbuch hört.

Auch die Tabelle wird für blinde Hörer erfassbar gemacht

An guten Tagen schafft der Sprecher 160 Seiten. Heute läuft es harzig. Minute 9:34: übersteuert, nochmal. Minute 10:30: vernuschelt, nochmal. Minute 11:03: versprochen, Firmenstrasse statt Fernstrasse, nochmal. 12:14, 12:37, 12:47, 13:39, 14:21, 15:42 – nochmal, nochmal, nochmal. 16:34: Fremdwort, doch diesmal bleibt die Suche erfolglos: «Sie haben ein Wort gefunden, das es auf Forvo nicht gibt», zeigt die Suchmaschine an. «Gut, dann wird es halt so gelesen, wie es da steht», sagt der Sprecher knapp.

Auch Studiokabine zwei ist jetzt ­besetzt. Dort steht ein Hörbuch kurz vor dem Abschluss. «Das Christentum, erschlossen und kommentiert von ­Hubertus Halbfas», 592 Seiten, Hörzeit 41 Stunden und 31 Minuten, im Herbst hatte er angefangen, es einzulesen. Jetzt fehlt nur noch eine Tabelle, die er für die blinden Hörer erfassbar machen soll.

Der Computer im Vorraum zeigt an, welches Kapitel aufgezeichnet wird und an welcher Stelle der Sprecher wie laut liest. Bild: Ralph Ribi

Der Computer im Vorraum zeigt an, welches Kapitel aufgezeichnet wird und an welcher Stelle der Sprecher wie laut liest. Bild: Ralph Ribi

Er desinfiziert die Kopfhörer, schlägt das Buch auf. «Anfang der Übersichtstabelle. Anmerkung des Sprechers: Es folgt eine chronologische Darstellung über 2000 Jahre Christentum zu verschiedenen Themenbereichen.» Ein warmer, sacht vibrierender Bass, in den man sich hineinlegen möchte. Klar und strukturiert dröselt er die Tabelle in ihre Einzelteile auf. Der Hörer soll später durch die Jahrhunderte springen können.

Auch hier: Verhaspler, Schmatzen, Räuspern – Aufnahmestopp, zurück, Neustart. Es dauert, bis die vierseitige Tabelle eingesprochen ist. Ein kurzes Aufatmen, ein Techniker sichert die Dateien und lädt das nächste Programm hoch: Ein biologisch-physikalisches Werk steht an.

Kassetten gibt es heute keine mehr

Vor fast 50 Jahren startete die Blindenbibliothek Landschlacht mit der Hörbuchproduktion, damals noch mit freiwilligen Laien. Die besprochenen Magnetbänder wurden auf Kassetten kopiert.

Kassetten gibt es heute keine mehr, stattdessen Dateien im Daisy-Format, Digital Accessable Information System, dem weltweit gängigen Format für Hörbücher für Blinde. Musste man sich früher mühsam durch Bänder spulen, kann man im Daisy-System Lesezeichen setzen und sich durch das Hörbuch navigieren. ­Kapitel, Unterkapitel, Abschnitte, Fussnoten, Tabellen – alles anwählbar.

Früher Kasetten, heute CDs im Daisy-Format, Digital Accessable Information System, dem weltweit gängigen Format für Hörbücher für Blinde. Bild: Ralph Ribi

Früher Kasetten, heute CDs im Daisy-Format, Digital Accessable Information System, dem weltweit gängigen Format für Hörbücher für Blinde. Bild: Ralph Ribi

Der Sprecher in Kabine eins lässt seine Protagonisten in einer japanischen Bar trinken und flirten, der nebenan erläutert, dass die deterministischen physikalischen Theorien, die der Quanten­mechanik vorausgingen, einschliesslich der speziellen und allgemeinen Relativitätstheorie, dass diese also zusammenfassend als klassische Physik bezeichnet werden, im Gegensatz zur nicht klassischen Quantenmechanik.

"Es ist ein schönes Lesen. Wenn ich in einer schwierigen Produktion stecke oder sonst vielleicht Stress habe, dann geniesse ich es, mich für ein paar Stunden in die Sprecherkabine einzuschliessen und
nur zu lesen."

Es ist ein einsames Lesen, kein Regisseur gibt Anweisungen, keine Reaktion zeigt an, ob das, was man mit Leben füllt, ergreift, berührt, ob es spannend ist oder verständlich. Umso mehr freuen sich die Sprecher, wenn sie von Hörern Rückmeldung bekommen.

Es ist ein schönes Lesen, sagt Schauspieler Matthias Albold. Seit 18 Jahren ist er im Ensemble des Theaters St. Gallen, und fast genauso lange liest er in Landschlacht. «Wenn ich in einer schwierigen Produktion stecke oder sonst vielleicht Stress habe, dann geniesse ich es, mich für ein paar Stunden in die Sprecherkabine einzuschliessen und nur zu lesen.» Albold wird dann eins mit der Geschichte. Alles andere verschwindet. Und so, wie er sich hineinfallen lässt, können seine Hörer später sich in die Geschichte fallen lassen.

Die Sprecher wollen die Produktion in Eigenregie übernehmen

Satz für Satz geht es voran. Dann erlöschen die gelb und rot tanzenden Balken auf dem Aufnahmecomputer. Der Sprecher in Kabine eins beendet seine Leseschicht nach viereinhalb Stunden. Der Krimi ist um zwei weitere Kapitel eingelesen. Bald wird er fertig sein.

Ob der Schauspieler einen weiteren Band einspricht? Er hofft es.

Vielleicht gelingt es den Sprecherinnen und Sprechern, die Produktion in Eigenregie zu übernehmen. Sie wollen mit der CAB verhandeln, sie haben ein Budget aufgestellt. Es ist schwierig, es fehlen ihnen wichtige Zahlen, sie wühlen sich durch alte Jahresberichte, entwerfen Strategien und Businessplan, ­suchen Unterstützer. Sie wollen ihre Teilzeitarbeitsplätze retten. Und sie wollen ihren Hörerinnen und Hörern auch in Zukunft spannende, ausgefallene oder lehrreiche Lektüre vorlesen.

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