Interview

«Es ist echt ein Frust, ein wirklicher Frust. Aber was soll man machen?» - St.Galler Schauspieldirektor musste wegen Corona seine Inszenierung in Wien Hals über Kopf abbrechen

Die Theaterwelt steht still - auch in St.Gallen. Schauspieldirektor Jonas Knecht trifft der Lockdown gleich mehrfach: Sein Ensemble kann nicht spielen, er muss Premieren streichen, seine Inszenierung am Wiener Volkstheater wurde auf unbestimmt verschoben. Das Schweizer Theatertreffen, zu dem er erstmals eingeladen war, wurde auch abgesagt. Knecht fürchtet, dass diese Spielzeit schon zu Ende sein könnte. 

Julia Nehmiz
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Da waren die Schauspieler noch nicht in Quarantäne: Szenenbild aus Jonas Knechts Berner Inszenierung «Der letzte Schnee», mit der er zum Schweizer Theatertreffen 2020 eingeladen wäre.

Da waren die Schauspieler noch nicht in Quarantäne: Szenenbild aus Jonas Knechts Berner Inszenierung «Der letzte Schnee», mit der er zum Schweizer Theatertreffen 2020 eingeladen wäre. 

Bild: Annette Boutellier

Jonas Knecht ist im Office, im echten, nicht im Homeoffice. Es seien kaum noch Leute im Theater, deswegen könne er gut in seinem Büro arbeiten, sagt der St.Galler Schauspieldirektor. Er versucht, die restliche Spielzeit so gut es geht zu planen – und mit dem Coronafrust umzugehen. Hals über Kopf konnte er noch aus Wien abreisen, wo er am Volkstheater «Warten auf Godot» inszenieren sollte. Und jetzt wurde auch noch das Schweizer Theatertreffen abgesagt. Jonas Knecht war mit seiner Inszenierung von Arno Camenischs «Der letzte Schnee», die er im November am Konzert Theater Bern realisierte, eingeladen.

Zum ersten Mal sind Sie mit einer Ihrer Inszenierungen zum Schweizer Theatertreffen eingeladen. Doch wegen Corona findet das Festival nun nicht statt. Wie haben Sie diese Hiobsbotschaft aufgenommen?

Jonas Knecht: Ich habe geahnt, dass das kommen könnte. Zuerst wurde das Berliner Theatertreffen abgesagt, dann der Heidelberger Stückemarkt, wo unser Theater mit der Inszenierung «Verminte Seelen» von Barbara David Brüesch eingeladen war. Jetzt das Schweizer Theatertreffen. Es ist echt ein Frust, ein wirklicher Frust. Aber was soll man machen?

Das Schweizer Theatertreffen hätte doch erst im Mai stattfinden sollen. Wieso jetzt schon die Absage?

Nein, das verstehe ich. Sind wir doch ehrlich: Wir alle wissen nicht, wann wir wieder Theaterspielen dürfen. Und ob dann die Leute Lust haben, eng aufeinander im Theater zu hocken? Wir wissen einfach nichts. Alles, was man sich momentan überlegt, sind was-wäre-wenn-Planspiele.

Jonas Knecht, Schauspieldirektor Theater St.Gallen

Jonas Knecht, Schauspieldirektor Theater St.Gallen

Bild: Michel Canonica

Trotzdem: Eine Einladung zum Schweizer Theatertreffen ist eine grosse Auszeichnung. Und jetzt können Sie nicht hin.

So eine Einladung ist vielleicht schon, wie soll ich sagen, ein Dankeschön, ein Geschenk für das jahrelange Arbeiten. Man entwickelt über die Zeit eine Theatersprache, wächst mit seinen Inszenierungen, und bekommt dann eine Bestätigung dafür, dass man vielleicht einen guten Weg eingeschlagen hat. Ende letzter Woche kam das Email vom Theatertreffen, dass es wahrscheinlich abgesagt werden müsse. Das ist eine riesige Enttäuschung. Wenn man überregional Reputation bekommt, ist das sehr schön. Umso grösser ist jetzt der Frust, das merke ich noch mehr, wenn ich darüber rede.

Gibt es Überlegungen, das Treffen online stattfinden zu lassen?

Die Absage ging ja jetzt erst raus. Zuerst wurde verkündet, wer überhaupt eingeladen wurde, online wurde jeweils ein Link zum Trailer gestellt, die Beschreibung des Stücks, ein paar Fotos. Klar überlegt man, noch mehr Material zu posten. Alles Weitere wird sich zeigen. Aber ich bin nicht so ein Fan von Online-Theater. Das Analoge ist ja das Tolle an unserer Kunst.

Überall spriessen die Online-Spielpläne aus dem Boden. Warum bei Ihnen nicht?

Hier im Leitungs-Team überlegen wir per Telefon, was wir anbieten könnten, was für Formate spannend wären. Auch Inszenierungs-Mitschnitte könnte man zeigen. Doch das muss gut gefilmt und geschnitten sein. Wenn man nur die Totale der Inspizienten-Kamera zeigt, dann ist das kein schönes Erlebnis. Wir haben zwei, drei Inszenierungen, wo es gute Aufzeichnungen gibt. Wir überlegen, diese online zu stellen. Aber ehrlich gesagt geht es doch im Moment nicht ums Theater. Es geht darum, die Ausbreitung des Virus’ in den Griff zu bekommen, es geht um Solidarität, um Lösungen für das Überleben der vielen freien Künstlerinnen und Künstler. Es geht für mich gerade nicht darum, sich einen verrückten Online-Spielplan auszudenken.

Und was ist mit dem «realen» Spielplan?

Da mussten wir schon harte Entscheidungen treffen, in allen Sparten. So können wir das Schauspiel «Letschti Rundi» im Sommer nicht mehr produzieren. «Die Gastfremden» und «Die Orestie» wurden mitten in den Proben unterbrochen. Wir wollen unbedingt versuchen, diese Produktionen noch zu zeigen. «Die Gastfremden» ist ein Auftragswerk und wurde für uns geschrieben. Für «Die Orestie» hat Regisseur Martin Pfaff eine eigene, heutige Fassung erarbeitet. Auch «Der Prozess» möchten wir noch weiter spielen, und «Träume einer Sommernacht». Aber selbst wenn wir ab Ende April wieder spielen könnten, wird es eng mit den Daten. Ich glaube im Moment auch nicht, dass wir so bald wieder spielen können. Und wenn ich mit anderen Theaterleitern spreche, überlegen viele, ob man sich nicht ernsthaft fragen muss, ob diese Spielzeit nicht zu Ende ist.

Jonas Knecht inszenierte am Theater St.Gallen «Der Prozess» als Koproduktion mit der Abteilung Figurenspiel der Hochschule für Schauspielkunst «Ernst Busch» Berlin.

Jonas Knecht inszenierte am Theater St.Gallen «Der Prozess» als Koproduktion mit der Abteilung Figurenspiel der Hochschule für Schauspielkunst «Ernst Busch» Berlin.

Bild: Tanja Dorendorf / T+T Fotografie

Abrupt zu Ende ging auch Ihre Arbeit in Wien.

Leider ja. Ich hatte gerade angefangen, am Volkstheater Wien «Warten auf Godot» zu inszenieren. Nach einer Woche wurde abgebrochen. Ich fühle mich jetzt ein bisschen wie ein Dampfkochtopf ohne Sicherheitsventil, den Kopf voller Ideen, die ich nun nicht mit den Schauspielern ausprobieren kann.

Wann mussten Sie Wien verlassen?

Vor zwei Wochen, als die Grenzen zu gingen. Am 13. März kam der Betriebsdirektor am Morgen auf die Probe und sagte, Jonas, schau, dass du schnell zurück in die Schweiz kommst. Ich habe noch bis 14 Uhr geprobt, es ging eh kein Zug, und dann sehr überstürzt Wien verlassen. In der Theaterwohnung schrumpeln jetzt die Äpfel vor sich hin, und der Käse schimmelt im Kühlschrank.

Das war an dem Wochenende, als in Österreich auch die Skigebiete geschlossen wurden.

Ja, ich erwischte noch einen der letzten durchgehenden Züge Richtung Schweiz. Der Railjet fuhr auch durch die ganzen Risikogebiete, hielt in Ischgl und am Arlberg aber nicht an. In Innsbruck stiegen etliche Skifahrer dazu. Der Zug fuhr dann gar nicht bis in die Schweiz, wir wurden mit Bussen von Feldkirch nach Buchs gebracht. Warum, weiss ich nicht. In den Bussen hockt man ja viel enger aufeinander als im Zug. Eine absurde Situation.

Und was geschieht nun mit Ihrer Wiener Inszenierung?

Wir wollen sie fertig machen, irgendwann, irgendwie. Zur Not als szenische Lesung, vielleicht doch als Videoarbeit. Wann das sein wird, steht in den Sternen.

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