«Es gibt wohl keine Kultur, die keine Masken hervorgebracht hat»: Die Kuratorin Yasmin Afschar und der Toggenburger Künstler Andy Storchenegger reden über Masken in der Kunst

Beim Gespräch in der Ausstellung «Hybride Identitäten» im Winterthurer Kunstraum Oxyd stehen für einmal nicht die Schutzmasken im Zentrum der Diskussion, sondern Masken in der Kunst und im Brauchtum.

Christina Genova
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Toggenburger Vogelmaske von Andy Storchenegger.

Toggenburger Vogelmaske von Andy Storchenegger.

PD

Masken, sie beschäftigen uns zurzeit intensiv und sie lassen niemanden kalt. Doch auch wenn Schutzmasken, die uns vor dem Coronavirus schützen sollen, allgegenwärtig sind, können Masken auch ganz andere Funktionen haben: Sie lassen uns in andere Rollen schlüpfen oder dem Alltag entrinnen .

Yasmin Afschar, Kuratorin am Aargauer Kunstmuseum, und Andy Storchenegger, Künstler und gebürtiger Toggenburger, kennen sich aus mit Masken. Nicht mit Hygienemasken, aber mit Masken in der Kunst und im Brauchtum. Im Rahmen der Ausstellung «Hybride Identitäten» im Kunstraum Oxyd in Winterthur, wo Storchenegger zusammen mit der Thurgauerin Olga Titus ausstellt, haben sie sich zu einem Gespräch über Masken getroffen, moderiert von Sandra Biberstein vom Winterthurer Kulturmagazin Coucou.

Yasmin Afschar hat vergangenes Jahr eine Ausstellung kuratiert zum Thema «Masken in der Kunst der Gegenwart». Masken seien ein uralter Kulturgegenstand, schon in Höhlenmalereien seien sie dargestellt worden: «Es gibt wohl kaum eine Kultur, die keine Masken hervorgebracht hat.» Interessant sei das Verhältnis zwischen Maske und Gesicht. Eigentlich sei jedes Abbild eines Gesichtes eine Maske. Denn es handle sich um eine Momentaufnahme, jedes Gesicht befinde sich in ständiger Bewegung.

14 Streicher von Argovia Philharmonic spielten unter Sturmmasken in der Performance «Again and Again» des Künstlers Sislej Xhafa, die 2019 im Rahmen der Vernissage der Ausstellung Masken im Aargauer Kunsthaus stattfand.

14 Streicher von Argovia Philharmonic spielten unter Sturmmasken in der Performance «Again and Again» des Künstlers Sislej Xhafa, die 2019 im Rahmen der Vernissage der Ausstellung Masken im Aargauer Kunsthaus stattfand.

Alex Spichale / Aargauer Kunsthaus

In der Ausstellung im Aargauer Kunsthaus habe es ganz unterschiedliche Masken gegeben, sagt Afschar. Psychologische Masken, bei welchem es um die eigene Identität gehe, wie etwa bei der britische Künstlerin Gillian Wearing. Sie habe eine Maske aus Silikon übergestreift, hergestellt nach einer Fotografie ihrer Mutter im Alter von 17 Jahren. Oder die Inderin Gauri Gill, die sich mit rituellen Masken auseinandersetzte und in einer Fotoserie indische Dorfbewohner ihre eigenen Masken aus Papiermaché herstellen und sich damit inszenieren liess.

Vor hundert Jahren entdeckte die Pariser Avantgarde Masken aus Afrika

In der Kunst seien afrikanische Masken um 1900 von der Pariser Avantgarde entdeckt und in die eigene künstlerische Praxis einverleibt worden, sagt Afschar. Sie wurden von Kolonialbeamten unter dubiosen Umständen nach Europa gebracht und entwickelten sich zu einem beliebten Sammelgut. Picasso, Nolde oder Braque gehörten zu den Künstlern, die sich intensiv damit beschäftigten. Besonders stark war der afrikanische Einfluss auf die Formensprache des Kubismus.

Eine Maske zu tragen bedeute, sich zu verhüllen, sagt Afschar. Dies könne sowohl als Akt der Aggression gedeutet werden, aber auch eine Schutzfunktion haben. Laut der Kuratorin gehöre es heute zu einer erfolgreichen Selbstdarstellung, in verschiedene Rollen zu schlüpfen, und – im übertragenen Sinne – verschiedene Masken aufzusetzen. Etwa in den sozialen Medien, in welchen man unter verschiedenen Profilen auftrete.

Vom Paradies zur Maske

Ausstellungsansicht aus dem Kunstraum Oxyd mit einer Maske von Andy Storchenegger.

Ausstellungsansicht aus dem Kunstraum Oxyd mit einer Maske von Andy Storchenegger.

PD

Andy Storchenegger ist durch die Auseinandersetzung mit Paradiesvorstellungen in verschiedenen Kulturen auf das Thema Maske gestossen: «Ich suchte Bilder für die Darstellung des Ursprünglichen, des Archaischen.» Dies führte zu einer grossen Fotorecherche zu den Schweizer Bräuchen. Er stiess auf Traditionen wie die Tschäggättä, Fasnachtsfiguren aus dem Lötschental. In ihren Masken aus Arvenholz lassen sich Einflüsse afrikanischer Masken ebenso feststellen wie Anleihen bei Filmen wie «Herr der Ringe». Für Storchenegger ist dies eine positive Entwicklung: «Bräuche bleiben lebendig, wenn sie sich verändern.» Manchmal veränderten sie sich aber nur, wenn sie vom Aussterben bedroht seien. Wie etwa der St.Galler Römpel. Weil die Gruppe keinen Nachwuchs mehr fand, nahm man auch Frauen auf.

Künstler Andy Storchenegger.

Künstler Andy Storchenegger.

Adriana Ortiz Cardozo

Der Lieblingsbrauch Storcheneggers ist die Pelzmartiga von Kandersteg. Am Weihnachts- und Neujahrstag ziehen Figuren durchs Dorf, die jeweils eine andere Angst symbolisieren. Der Grossmarti zum Beispiel trägt eine Pelzhaube und ist in Fell gekleidet. Er erinnert an die frühere Furcht im Tal vor Bär und Wolf. Es ist einer von zahlreichen Bräuchen, die zwischen Weihnachten und Neujahr stattfinden, in den sogenannten Rauhnächten: «In diesen Bräuchen werden heidnische und christliche Vorstellungen vereint», sagt Storchenegger. Gemäss heidnischer Vorstellung zieht in den Rauhnächten Wotan mit seinem Heer durch die Welt. Masken seien, so Afschar, im Christentum negativ besetzt. «Trotz des Christentums hat der Maskenbrauch überlebt», sagt Storchenegger.

Seine Recherchen führten Storchenegger nach Afrika, wo er den Leuten Fotos von Schweizer Bräuchen zeigte. «Warum haben sie weisse Hände», fragte man den Künstler. Denn die verkleideten und maskierten Menschen wirkten auf die Afrikaner so vertraut, dass sie annahmen, es seinen afrikanischen Traditionen. «Masken funktionieren auf der ganzen Welt», sagt Storchenegger, «das ist das Thema meiner Arbeit.» Hinter Masken könne man sich verbergen, in eine Rolle schlüpfen, maskiert habe man eine andere Energie zur Verfügung.

Masken hätten in Afrika eine andere Bedeutung als in Europa. In Afrika herrsche die Vorstellung, dass Masken auf den Träger zurückwirkten: «Sie sind etwas Spirituelles, Wesenartiges.» Es gehe nicht wie in Europa darum, dem Alltag zu entrinnen, sondern durch die Maske das eigene Wesen zu verlassen. Diee Maske wiein Europa als Kunstobjekt zu betrachten, sei in Afrika undenkbar: «Masken funktionieren dort erst, wenn sie getragen werden.»

Andy Storchenegger selbst macht zeitgenössische Masken, etwa eine kirgisische Adlermaske oder eine Toggenburger Vogelmaske. Schutzmasken, die uns vor dem Coronavirus schützen sollten, hätten eine ganz andere Funktion als traditionelle Masken. «Mit der Pandemie wurde das Thema Masken aktueller, als ich es je gedacht hätte», sagt der Künstler.

Samstag, 19. September, 14 Uhr, Maskenworkshop mit Andy Storchenegger für Kinder und Jugendliche. Anmeldung erwünscht bis Donnerstag, 10. September, info@oxydart.ch, Unkostenbeitrag 10 Franken.

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