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Es gibt kein Entrinnen

Die Kellerbühne setzt sich mit der «Kartoffelkammer» voller Überzeugung und in der theatralischen Umsetzung engagiert für den französischen Autor Georges Perec ein. Ein leichter Theaterabend ist das Stück nicht, aber ein lohnender.
Martin Preisser
Über der Kartoffel lässt sich's herrlich philosophieren, erzählen und zweifeln: Szene aus der «Kartoffelkammer» in der Kellerbühne St. Gallen. (Bild: Hanspeter Schiess)

Über der Kartoffel lässt sich's herrlich philosophieren, erzählen und zweifeln: Szene aus der «Kartoffelkammer» in der Kellerbühne St. Gallen. (Bild: Hanspeter Schiess)

Nach der Pause wird erneut ein Kübel mit Kartoffeln auf den Tisch geschüttet, die Kartoffelschälerei geht unerbittlich weiter. «Nein, nicht schon wieder», kommt es einem Premierenbesucher über die Lippen. Eben doch schon wieder! Aus dieser Kartoffelschälerei gibt es kein Entrinnen, so wie es aus dem Leben kein Entrinnen gibt. Georges Perecs «Kartoffelkammer» ist ein packendes, aber kein einfaches Stück. Man muss sich als Theaterfreund darauf einlassen, manchmal wird es schon ganz schön eng. Keine Handlung, nur Karoffelschälerei, 120 lange Minuten.

Die Schauspieler halten das souverän durch, zeigen alle Variationen des Schälens und Werfens von Kartoffeln. Wie leben oder überleben wir in der Kartoffelkammer Leben? Vielleicht wollen wir den Zusammenhang finden, wie es der Text am Anfang vorschlägt, aber am Schluss verstehen wir: Hier gibt es nichts zu begreifen. Regisseur Matthias Peter hat ein packendes Stück neuen französischen Theaters auf die Bühne gebracht, das statt auf Handlung aufs Wort setzt.

Prall und beklemmend

Vieles wird durchgespielt, um die Kartoffelkammer auszuhalten, Träume, Erinnerungen, Neuerfindungen, kleine Sketches, ja sogar ein wenig Familienstellen. Es wird philosophiert und räsoniert über den Sinn des ganzen ewigen Schälens, so absurd wie humorvoll, so kafkaesk wie banal. Georges Perecs «Kartoffelkammer» ist pralles und beklemmendes Theater, nichts für einen nur entspannenden Kulturabend, aber spannend für jeden, der Theater wirklich mag.

Matthias Peters Regie gelingt es präzise, dass sich in dieser sich vom Autor selbst auferlegten Handlungsenge die Charaktere der (neben dem Diener) fünf Darstellerinnen und Darsteller ganz unterschiedlich ausleben können. Je nach Temperament spielen sie die meist existenzialistischen Philosophien, die sozusagen unter jeder neuen Kartoffelschale aufleben, durch. Sylvia Luise Denk, Juana von Jascheroff, Sonia Diaz, Jens Schnarre und Livio Cecini agieren allesamt sehr engagiert und stellen ihre Theatererfahrung mit viel Frische, Präsenz und Überzeugungskraft in den Dienst des Stücks.

Die Regie stachelt zu stimmigem Rhythmus von spritzigen Dialogen und hilflosem Schweigen, von humorvoll Mitreissendem und beängstigend Aussichtslosem an. In dieser Kartoffelkammer, aus der es auch theatralisch keinen Ausgang gibt, findet trotzdem viel Leben statt. Ein Leben in Worten, ein Leben im Erzählen. Und das macht den anstrengenden Abend, der die Kellerbühne manchmal selbst zur Kartoffelkammer werden lässt, zu einem lohnenden, einem, der ganz auf die Kraft und damit den Trost der Sprache setzt. Fast beruhigt lacht man auf, wenn bestimmte szenische wie inhaltliche Leitmotive wiederkehren.

Wilder Tanz

Wie eine Katharsis wirkt ein frenetisch-verrückter Kartoffeltanz, eine Tarantella auf diese Erdäpfel, nachdem man fast alles über ihre Geschichte erfahren hat und darüber, wie viele Kartoffeln in welchem Land verspeist werden. Dieser wilde Tanz fegt alles von der Bühne, was noch an die Kartoffel erinnert. Es muss Platz frei werden für eine Szene aus «Hamlet» und für den überraschenden Schlussdialog des taubstummen Dieners (Matthias Peter).

Unkonventionelles Setting

Mit der «Kartoffelkammer» ist ein starkes Stück Theater zu entdecken, überraschend, schwierig, aufrüttelnd, aber immer mit einer Portion Humor. Und mit Georges Perec ist ein Autor zu entdecken, der radikal alle Mittel des Theaters durchspielt in einem unkonventionellen Setting, fast so, als wolle er sich formale Strenge auferlegen, um sich darin umso mehr auf die Kraft des Wortes konzentrieren zu können.

Selbst kartoffelschalenfarbig sind die Schauspieler angezogen, die sich erinnern, ihre Geschichten austauschen, die vergessen, die wieder neu erfinden. Reden hilft, und Antworten müssen oder können nicht sein. Es gibt nichts zu begreifen, es gilt nur das Leben auszuhalten und es als erzählte Geschichte zu zeigen. Und auch die Moral von der Geschichte gibt es nicht. Dafür aber immerhin ein liebenswürdiges Rezept für Kartoffelpfannkuchen. Das einzig Konkrete dieses Theaterabends!

Weitere Vorstellungen: Heute Fr, morgen Sa sowie 14., 15., 16. und 17. März, jeweils 20 Uhr. Karten: www.kellerbuehne.ch oder Tel. 071 228 16 66

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