«Es genügt nicht und nie, einfach ein Kind zu gebären»: Das St.Galler Museum im Lagerhaus beleuchtet schwierige Mutterbeziehungen

Linda Naeffs Mutter war von Selbstmordgedanken geplagt, Maria Rolly ist bei der Grossmutter aufgewachsen. Die Doppelausstellung «Über-Mütter – Linda Naeff, Matricule II» zeigt, wie sich die beiden Frauen mit ihren Müttern künstlerisch auseinandersetzen.

Christina Genova
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Linda Naeffs Schaffensdrang war so immens, dass in ihrer Wohnung schliesslich nur noch ein schmaler Durchgang frei blieb.

Linda Naeffs Schaffensdrang war so immens, dass in ihrer Wohnung schliesslich nur noch ein schmaler Durchgang frei blieb.

Ralph Ribi

Fünf Schwestern, adrett im identischen blauen Kleid mit weissem Bubikragen, stehen der Grösse nach wie Orgelpfeifen stramm nebeneinander. Mit schreckgeweiteten Augen blicken sie ängstlich zur Mutter, die mit einem Gewehr in den Händen an ihrer Seite steht.

Kind Nummer zwei auf diesem verstörenden Familienporträt ist Linda Naeff, sie hat das Bild gemalt. Das St. Galler Museum im Lagerhaus widmet der 2014 verstorbenen Genfer Künstlerin den ersten Teil einer Doppelausstellung zum Thema «Mütter». Matricule II, die Zweitgeborene, wurde Linda Naeff von ihrer Mutter genannt und ebenso wie ihre Schwestern nicht mit ihrem Vornamen angesprochen. Mit «LM II» (Linda Matricule II) signierte sie auch ihre Werke.

Strammstehen vor der Mutter wie im Militär: Lina Naeff und ihre vier Schwestern.

Strammstehen vor der Mutter wie im Militär: Lina Naeff und ihre vier Schwestern.

Christina Genova


Erst mit sechzig Jahren begann Linda Naeff als Künstlerin zu arbeiten. Tagsüber führte sie den Haushalt, nur nachts hatte sie Zeit für ihre Kunst. Mangels Atelier entstanden die Werke der Autodidaktin zu Hause in ihrer Küche: «Es ist wichtiger für mich Kunst zu machen als zu essen», sagte Naeff jeweils, erzählt ihre Tochter Isabelle Sanz-Naeff, die beim Rundgang durch die Ausstellung dabei ist.

In Ketten gelegt und von Ratten bedroht: Linda Naeff im Selbstporträt als kleines Mädchen.

In Ketten gelegt und von Ratten bedroht: Linda Naeff im Selbstporträt als kleines Mädchen.

Christina Genova

Die bedrückende Atmosphäre, die Linda Naeff als Kind in ihrer Familie erlebte, stellt sie in mehreren Werken dar. Besonders erschütternd ist das Selbstporträt in Schwarz-Weiss, das Linda als kleines Mädchen zeigt, wie sie mit Handschellen um Hals und Handgelenke an einen Stuhl gekettet ist. Zwei Ratten nagen an ihrem Körper. Da Naeffs Eltern im Konkubinat lebten und der Vater bereits verheiratet war, kam es zum Skandal und die Familie musste von Frankreich in die Schweiz übersiedeln. Linda litt enorm unter diesen Ereignissen.

Linda Naeffs Mutter drohte ständig mit Selbstmord.

Linda Naeffs Mutter drohte ständig mit Selbstmord.

Christina Genova

Die depressive Mutter war ausser Stande, ihren Töchtern Halt und Geborgenheit zu geben und drohte wiederholt mit Selbstmord. Die ständige Angst um ihre Mutter hat Naeff künstlerisch umgesetzt: Auf einem Gemälde sieht man eine blutüberströmte Frau, die sich ein langes Messer an die Halsschlagader hält.

Nicht nur die schwierige Beziehung zu ihrer suizidgefährdeten Mutter verarbeitete Naeff in ihrer Kunst, sondern auch sexuellen Missbrauch und fünf Fehlgeburten: Fünf Buben verlor sie in schon weit fortgeschrittenen Schwangerschaften. Alles wurde unter ihren Händen zu Kunst: Pralinéschachteln, Dachziegel, ein Kratzbaum für Katzen oder die Muscheln vom letzten Restaurantbesuch: «Sie wollte mit Dingen arbeiten, die eine Geschichte haben», erzählt Isabelle Sanz-Naeff.

Die menschliche Figur steht im Zentrum von Linda Naeffs Schaffen

Die menschliche Figur steht im Zentrum von Linda Naeffs Schaffen

Ralph Ribi

Linda Naeff malte und collagierte, häufig arbeitete sie auch mit Ton. Mangels eines Brennofens buk sie ihre Skulpturen im Backofen. Sie schrieb auch Texte und Lyrik, mit welchen sie ihre Plastiken umwickelte. Naeffs Schaffensdrang war immens: Nach und nach füllte sie ihre Wohnung mit fein säuberlich geordneten Werken, bis nur noch ein schmaler Durchgang übrig blieb: «Sie hatte eine unglaubliche Fantasie, es gab für sie keinerlei Grenzen», sagt Monika Jagfeld, Leiterin des Museums im Lagerhaus.

Linda Naeffs Tochter Isabelle Sanz-Naeff ist beim Ausstellungsrundgang dabei.

Linda Naeffs Tochter Isabelle Sanz-Naeff ist beim Ausstellungsrundgang dabei.

Ralph Ribi

Lachende Gesichter sucht man in Naeffs Werk vergeblich, zu finden sind einzig traurige Fratzen mit gequältem Blick. Viele ihrer Figuren befinden sich hinter Gittern oder eingezwängt in Schachteln und Boxen. Und doch ist es der Künstlerin gelungen, ihre Dämonen zu bezwingen: «Meine Mutter war eine glückliche Frau», sagt Isabelle Sanz-Naeff.

Linda Naeff in ihrer über und über mit Kunst gefüllten Wohnung.

Linda Naeff in ihrer über und über mit Kunst gefüllten Wohnung.

Ralph Ribi

Verführerin, Amazone, Matrone

Im Zentrum des zweiten Ausstellungsteils steht der Mütterzyklus von Maria Rolly. Er wird ergänzt durch ausgewählte Werke aus der Sammlung zum Thema Mütterlichkeit. Rolly lebte nie mit ihrer Mutter zusammen sondern wuch bei ihren Grosseltern in Baselland und bei einer Tante im Tessin auf: «Sie hatte nie eine Mutter», sagt Monika Jagfeld.

Mutter und Verführerin: Zwei Porträts aus dem 16-teiligen Mutter-Zyklus von Maria Rolly.

Mutter und Verführerin: Zwei Porträts aus dem 16-teiligen Mutter-Zyklus von Maria Rolly.

Ralph Ribi

Wie Linda Naeff ist die heute 94-Jährige Autodidaktin, und begann ebenfalls spät, im Alter von 40 Jahren, mit ihrer künstlerischen Tätigkeit. Noch später, erst als Rolly 63 Jahre alt war, gab es zum ersten Mal Gespräche zwischen der Tochter und der mittlerweile 82-jährigen Mutter. Es gelang der Künstlerin, bei allem Schmerz auch Verständnis für ihre Mutter aufzubringen, die zur Zeit der Geburt noch sehr jung gewesen war. Rolly schreibt:

«Ich bin ihr dankbar, dass sie mir mein Leben gegeben hat, aber es genügt nicht und nie, einfach ein Kind zu gebären.»

Aus dieser intensiven Auseinandersetzung mit der eigenen Mutter entstand in relativ kurzer Zeit ein 16-teiliger Mütter-Zyklus, den das Museum 2019 als Schenkung erhielt. Es sind beinahe lebensgrosse, fast ein Meter hohe Porträts. Sie sind eine Auseinandersetzung mit Mütterbildern, ja darüber hinaus mit verschiedenen Frauenrollen. Von der verführerischen jungen Frau, über die wehrhafte Amazone bis zur Matrone.

Die beinahe lebensgrossen Porträts sind fast einen Meter hoch.

Die beinahe lebensgrossen Porträts sind fast einen Meter hoch.

Ralph Ribi

Bis 15.11.20, Rahmenprogramm unter www.museumimlagerhaus.ch