«Es geht mir nicht um kommerzielle Interessen»: Felix Boekamp eröffnet neuen Kunstraum in St.Gallen St.Fiden

Direkt bei der Bushaltestelle St.Fiden zeigt der Künstler in seiner «Chambre Directe – Schubiger» Künstlerplakate und Einladungskarten von Franz Erhard Walther.

Christina Genova
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Felix Boekamp plant in seiner «Chambre Directe» vier bis fünf Ausstellungen pro Jahr.

Felix Boekamp plant in seiner «Chambre Directe» vier bis fünf Ausstellungen pro Jahr.

Bild: Ralph Ribi

Eingeklemmt zwischen Metzgerei und Coiffeurgeschäft, gleich bei der Bushaltestelle St.Gallen St.Fiden, gibt es ab diesem Freitag einen neuen Kunstraum. Dort wo die Firma Schubiger jahrzehntelang Haushaltsgeräte verkaufte, befindet sich neu die «Chambre Directe – Schubiger» von Felix Boekamp.

Der Künstler hat den Raum für drei Jahre gemietet und will dort vier bis fünf Ausstellungen pro Jahr zeigen: «Sie sind Teil meiner künstlerischen Arbeit. Ich möchte keine Galerie sein, es geht mir nicht um kommerzielle Interessen», sagt Boekamp. Der 42-Jährige will nicht nur Kunst ausstellen, sondern auch Schnittstellen zu Architektur und Literatur ausloten. Sich selbst sieht er als Künstler-Kurator, die «Chambre Directe» als Atelier, in welchem er Ausstellungen macht.

Bis vergangenen September war Boekamp im Atelierhaus Birli der Schlesinger-Stiftung in Wald zu Gast und organisierte dort mit seinem Mitstipendiaten mehrere Ausstellungen, unter anderem mit Norbert Möslang, dem Schöpfer der binären Uhr am St.Galler Hauptbahnhof.

Kunst zum Anziehen und Betreten

«Körper als Hauptantwort»: Dieses Textelement von einer Einladungskarte machte Felix Boekamp zum Titel seiner ersten Ausstellung in der «Chambre Directe».

«Körper als Hauptantwort»: Dieses Textelement von einer Einladungskarte machte Felix Boekamp zum Titel seiner ersten Ausstellung in der «Chambre Directe».

Bild: Ralph Ribi

Boekamp, der zuletzt in Hamburg lebte, ist schon länger mit Kunstschaffenden in der Ostschweiz vernetzt. Nun hat er sich definitiv in St.Gallen niedergelassen und arbeitet in der Bibliothek Hauptpost und im Kunstmuseum St.Gallen. Sein Hamburger Atelier will er vorläufig behalten. In Hamburg betrieb er mit Freunden bereits einen Kunstraum mit dem Namen «Underdog-Galerie».

Den Auftakt in der «Chambre directe» macht eine Schau mit Ephemera Franz Erhard Walthers. Es sind 50 Künstlerplakate aus über 50 Jahren Ausstellungstätigkeit, Einladungskarten und Bücher. Sie stammen grösstenteils aus der hochkarätigen Sammlung des Hamburgers Claus von der Osten, einem Freund Boekamps.

Walther, viermaliger Teilnehmer an der Documenta in Kassel und Gewinner des Goldenen Löwen an der Biennale in Venedig, erreichte nie die Bekanntheit Gerhard Richters, seines Mitstudenten an der Kunstakademie Düsseldorf. Von Kollegen wird der 80-Jährige jedoch sehr geschätzt. In Walthers Schaffen geht es um das Verhältnis von Körper, Material, Zeit und Raum. Seine Werke werden erst mit der Aktivierung durch den Menschen zu Kunst. Sie bestehen häufig aus Stoff oder Papier und können angezogen oder betreten werden.

Anlass für die Ausstellung «40 Jahre Körper als Hauptantwort – stehen, gehen, sitzen, liegen» ist, dass Walther vor 40 Jahren seine erste Schweizer Soloschau in der St.Galler Galerie Wilma Lock und gleichzeitig beim Kunstverein St.Gallen im Katharinen hatte. Das Plakat und der Katalog dazu sind ausgestellt, ebenso Zeitungsartikel. Weitere Plakate hängen an den Wänden in dichter Hängung, auf Tischen sind Bücher und Einladungskarten ausgelegt. «Man darf die Bücher in die Hand nehmen, das ist mir wichtig», sagt Boekamp.

Kinok, Meienberg und Hans Ulrich Obrist

Mit seinem Kunstraum wollte Boekamp bewusst an die Peripherie. Wobei St.Fiden kein unbeschriebenes Blatt auf der kulturellen Landkarte St.Gallens darstellt. Bis vor zehn Jahren, bis zum Umzug in die Lokremise, befand sich in nächster Nähe an der Grossackerstrasse das Programmkino Kinok. Heute ist dort das Theater 111 eingemietet. Rund 300 Meter weiter, an der Rorschacherstrasse, richtete 1991 der heute weltbekannte Kurator Hans Ulrich Obrist in seiner Studentenküche seine erste Ausstellung ein. Auch der streitbare Journalist und Autor Niklaus Meienberg ist in St.Fiden aufgewachsen.

Felix Boekamp ist nun gespannt, wie sein Kunstraum im Quartier und darüber hinaus aufgenommen wird. An neugierigen Blicken mangelt es jedenfalls bisher nicht: «Viele Leute gucken herein.»

Vernissage Fr, 18 Uhr, Rorschacherstrasse 112, St.Gallen; Besichtigung auf telefonische Anfrage: 076 748 95 68.