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«Es funktioniert ähnlich wie in einem Gespräch»: Auf ihrer neuen CD spielen zwei Ausserrhoder Jazzmusiker frei und ohne Noten

Der Pianist Fabian M. Mueller und der Saxofonist Reto Suhner stammen aus Heiden und aus Herisau und sind nur auf den ersten Blick ein ungleiches Paar.
Roger Berhalter
«Am Grund» heisst das neue, zweite Album der Ostschweizer Jazzmusiker Fabian M. Mueller (links) und Reto Suhner. Bild: PD

«Am Grund» heisst das neue, zweite Album der Ostschweizer Jazzmusiker Fabian M. Mueller (links) und Reto Suhner. Bild: PD

Auf den ersten Blick sind sie ein ungleiches Paar. Fabian M. Mueller überragt seinen Mitmusiker an Körpergrösse bei weitem. Altersmässig liegen sie fast zehn Jahre auseinander. Und sie reden verschieden: Mueller spricht bedächtig, legt sich seine Worte zurecht. Aus Reto Suhner hingegen sprudelt es heraus, die Sätze bilden sich erst beim Formulieren, mit den Händen hilft er kräftig nach.

Doch der Eindruck täuscht. Neben ihrer Ostschweizer Herkunft haben die zwei Jazzmusiker vieles gemeinsam. Sonst hätten sie sich vor fünf Jahren nicht zum Duo zusammengetan und ein Album («Schattenspiel») aufgenommen. Jetzt ist der Nachfolger erschienen: «Am Grund» vereint sieben Ausschnitte aus drei Konzerten. Das Besondere: Nichts davon war geplant, abgesprochen oder auf Notenblättern notiert. Wenn Mueller und Suhner spielen, improvisieren sie. «Es ist die komplette Freiheit», sagt Mueller.

Den Rhythmus geben sie sich selber

Als Jazzmusiker sind sich die beiden das Improvisieren gewohnt. Es gehört schliesslich zum Jazz, dass die Musiker zu vorgegebenen Akkorden neue Melodien spielen und so eigene Akzente setzen. Jedes Solo tönt anders, kein Song klingt zweimal gleich: Das, unter anderem, ist Jazz.

In ihrem Duo gehen Mueller und Suhner noch ein paar Schritte weiter. Es gibt keine Akkordfolgen oder Melodien mehr, an denen sie sich orientieren. Sie verzichten auch auf Schlagzeug- und Bassbegleitung, sondern geben sich den Rhythmus selber. Keiner weiss vorher, was der andere spielen wird, und doch finden sie zusammen.

«Es funktioniert ähnlich wie in einem Gespräch», erklärt Suhner. «Es ist ein ständiges Senden und Empfangen. Wenn zum Beispiel Fabian gerade sehr aktiv ist, nehme ich mich zurück. Oder ich setze ihm etwas ­entgegen.» Mueller ergänzt: «Wenn man so frei spielt, muss man die Kategorien Richtig und Falsch hinter sich lassen.» Welche Tonart ist das gerade? Solche Fragen würden unwichtig, sagt Mueller und beschreibt einen Extremfall:

«Manchmal fangen wir gleichzeitig an zu spielen, Reto einen Ton, ich einen Ton. Das kann fast nur schief herauskommen, aber es ist auch ein Befreiungsschlag. Dieser erste Ton ist unser Schicksal.»

So frei zu spielen, braucht Mut. «Es kann zwischendurch-Längen geben», sagt Suhner. «Und es kann passieren, dass uns nichts mehr einfällt.» So wie in einem Gespräch eben.

Das Klavier klingt wie ein Hackbrett

In den Liedern auf «Am Grund» finden sich keine Längen, dafür viele Einfälle. Mueller und Suhner haben eine faszinierende Auswahl ihrer Livedarbietungen zusammengestellt. Das Album beginnt mit einem Klavierton, angeschlagen fast wie ein Hackbrett, dann steigt das Saxofon ein, und schon nach zwei Minuten verbinden sich die zwei Instrumente zu einem Motiv, das so auch einstudiert sein könnte.

Es ist offensichtlich, dass hier zwei zusammenspielen, die zusammenpassen. Sie glänzen dabei mit ihrem musikalischen Erfahrungsschatz. Zitate aus der Volksmusik und der Klassik klingen an, auf allzu sperrige Klangexperimente wird verzichtet. Suhner entlockt seinen Saxofonen und Klarinetten verschiedenste Schattierungen, Mueller erweitert den Klang des Pianos mit mechanischen Präparationen.

«Das gegenseitige Vertrauen ist in den letzten Jahren gewachsen», sagt Mueller. Die beiden treffen sich regelmässig zum Proben, um Neues auszuprobieren. Auf der Bühne aber beginnen sie wieder von vorne, mit dem ersten Ton.

Zu den Personen

Fabian M. Mueller ist in Heiden aufgewachsen und wohnt heute in Bern. Der 36-jährige Pianist spielt unter anderem in der Band des Berner Rappers Baze und verbindet im Trio Berg zusammen mit Kaspar von Grünigen (Bass) und Øyvind Hegg-Lunde (Schlagzeug) Musik aus Bergregionen mit modernen Einflüssen.
Reto Suhner stammt aus Herisau und wohnt heute in Zürich. Nächstes Jahr feiert sein Reto-­Suhner-Quartett das 20-jährige Bestehen. Zudem spielt der 45-jährige Saxofonist und Klarinettist im Swiss Jazz Orchestra mit und gehört zum Quintett Mats Up des Trompeters Mat­thias Spillmann. (rbe)

Live: 3.11., 17 Uhr: Haus zur Palme, Heiden; 29.1.2020: Mittagskonzert in der St.-Laurenzen-Kirche, St.Gallen.

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