Mit seinem Riesenroman «Leben ist ein unregelmässiges Verb» ist Rolf Lappert ein aussergewöhnliches Stück Schweizer Literatur geglückt

976 Seiten über vier Aussenseiter, die in einer deutschen Kommune aufgewachsen sind, das ist Rolf Lapperts Meisterstück. Der Gewinner des Schweizer Buchpreises 2008 meldet sich stark zurück

Peter Henning
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Rolf Lappert auf dem Schweizer Schriftstellerweg

Rolf Lappert auf dem Schweizer Schriftstellerweg

Zvg/Sonja Maria Schobinger / Oltner Tagblatt

Es liesse sich mühelos einiges gegen Rolf Lapperts neuen Roman vorbringen. Angefangen bei der schieren Detailversessenheit seines Autors geschuldeten Länge von irrwitzigen 976 Seiten, welche die Lektüre zu einer Her­ausforderung machen. Dazu Lapperts Hang, auch das Letzte ausformulieren zu müssen, womit er seine Grosserzählung jener Leerstellen beraubt, die dem Ganzen womöglich eine noch grössere epische Spannung verliehen – und es dem Leser ermöglicht hätten, eigene Fantasien zu dem Vorgeführten zu entwi­ckeln; ganz zu schweigen von den unnötig oft durchschimmernden literarischen Referenzen, von Thomas Manns «Zauberberg» bis zu Agota Kristofs finster-verstörenden Adoleszenzromanen.

Trotzdem: Mit seinem Epos um vier in einer norddeutschen Landkommune entdeckte elternlose Kinder, deren weitere Lebensstationen er in Bildern und Episoden von bisweilen schmerzhafter Dichte und Schönheit erzählt, ist dem 1958 geborenen Rolf Lappert etwas Besonderes geglückt: Ein Buch, das im panoramatischen Anspruch vier Jahrzehnte wechselvoller Geschichte miterzählen und beleuchten zu wollen, alles wagt – und am Ende triumphiert! Denn so in sich geschlossen Lappert die Lebensläufe seiner vier Protagonisten bisweilen abzuspulen pflegt, so fühlbar wird die Empathie, mit welcher er sie in das – ihnen von ihrer oft verständnislosen Umwelt abverlangte – Erwachsen-werden-Müssen begleitet. Entsprechend folgen wir ihm gern durch seine vier raumgreifenden, zu einem stimmigen Romanganzen vereinten Schicksalserzählungen.

Rolf Lappert begleitet fürsorglich seine literarischen Schützlinge

Im Zentrum stehen Linus, Leander, Frida und Ringo: vier in der Parallelwelt einer Landkommune zwischen Feldarbeit und den Büchern von Charles Dickens und Daniel Defoe aufwachsende Sonderlinge, die weder lesen noch schreiben können – und ihr gesamtes Wissen aus den Romanen beziehen, aus denen man ihnen vorliest. Nach der Räumung der Kommune verstreut es sie in alle Winde und erfahren traurige Berühmtheit: Man zerrt sie vor Radiomikrofone und in Fernsehstudios, damit sie einem voyeuristischen Millionenpublikum ihre traurige Legende enthüllen.

Hubert Fichte hat Wesen wie Lapperts Fremdlinge einst in seinem berühmten Roman «Das Waisenhaus» mit einem rhetorischen Kniff zur Diskussion zu stellen und für sie zu werben versucht, indem er ketzerisch fragte: «Sind Waisen krank? Sind Waisen böse? Müssen sie eingesperrt werden? Kriegen Waisen deshalb kalte, nasse Hände, weil sie in ein Waisenhaus zusammengesperrt sind?» Fragen, denen Rolf Lappert auf seine ganz eigene Weise entgegentritt – und ihnen ihre dämonisierende Kraft nimmt, indem er die Lebensabschnitte der ihm literarisch Schutzbefohlenen wie ein treu sorgender Begleiter Schritt für Schritt überwacht. Bis aus den einstigen Wildfängen halbwegs alltagstaugliche Wesen geworden sind, denen ihr antrainiertes neues Leben in letzter Konsequenz aber fremd bleibt.

Die vier jungen Sonderlinge werden im Leben nicht heimisch

So erleben wir, wie der erwachsene Ringo in Hamburg, wohin es ihn verschlägt, als Retter von durch einen Brand bedrohten Heimbewohnern gefeiert wird. Um wenig später der fahrlässigen Tötung einer Frau und eines Kinds bezichtigt zu werden, die während eines gemeinsamen Segeltörns in Griechenland ums Leben kommen. Oder wie Linus, «diese von den Dämonen der Vergangenheit heimgesuchte Seele», einen Selbstmord vortäuscht, um seine Spur zu verwischen – und wenig später in Köln auftaucht. Dort arbeitet er in einem Trödelladen und legt sich mithilfe gefälschter Papiere eine neue Identität zu. Seinen Namen streift er erfolgreich ab, seine Geschichte aber wird er nicht los.

Berührend, wie die bei ihrer Grossmutter aufwachsende Frida sich ganz in einem Reich um sich her erfundener Gestalten einrichtet – lange nicht ­bereit, sich auf eine jenseits davon existie­rende Welt einzulassen. Bleibt am Ende Leander, der weder auf dem Internat, auf das man ihn schickt, noch auf all den weite­ren Stationen seiner Odyssee heimisch wird.

«Stell dir vor, du bist wieder in dieser komischen Kommune»

Er ist es, an dem Lappert zuletzt das Kernproblem seiner Figuren festmacht, als Lotte, die er im österrei­chischen Refugium, wohin man ihn schickt, kennen lernt, zu ihm sagt: ­«Entspann dich! Lass dich fallen. Stell dir vor, du bist wieder in dieser ko­mischen Kommune.» Denn genau davon erzählt Rolf Lapperts Roman: Von der schmerzhaften, sich aus unzähligen Facetten zusammensetzenden Erkenntnis, dass kein Weg dorthin zurückführt, wo wir einst glücklich oder zumindest geborgen waren – wie intensiv wir ihn uns auch ausmalen.

So beleuchtet sein ergreifender Roman die existenzialistische Idee, der zufolge der Mensch in den Fluss des Lebens geworfen wird, ohne schwimmen gelernt zu haben. Seine Figuren kämpfen bis zuletzt mit aller Kraft gegen die sie fortreissende Strömung an. Die eine mit mehr, die andere mit weniger Erfolg. Über Frida, die es am Ende an den Ort ihrer Anfänge, nach Norddeutschland, zurückzieht, heisst es stellvertretend für die anderen: «Hier hatte sie die ersten zwölf Jahre ihres Lebens verbracht, eine Insel, umspült von den abgrundtiefen Gewässern des Unbekannten, Unbetretbaren … Die Ankunft in der Einöde könnte der Anfang ihres Romans sein.» Rolf Lappert hat ihn geschrieben.

Rolf Lappert: Das Leben ist ein unregelmässiges Verb. Roman. Hanser Verlag, 976 Seiten.