Einzigartiges Theater
Es braucht mehr Unsinn im Kopf

Martin Zimmermann kommt mit seinem Welterfolg «Hallo» ins Kurtheater Baden. Das Solo entflieht der Rationalität und stellt die natürlichen Gesetze auf den Kopf. Ein Abend, an dem skurril zu sein zur Normalität wird.

Corina Gall
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Martin Zimmermann beeindruckt mit Körpersprache

Martin Zimmermann beeindruckt mit Körpersprache

Augustin Rebetez

Sich einfach mal gehen lassen. Sich lösen von den genauen Vorstellungen und Richtlinien. Für den Moment sich damit abfinden, dass nicht alles Sinn macht und auch nicht machen muss. Objekte werden zu Lebewesen, die Wände beginnen sich zu bewegen und versuchen, den Menschen zu erdrücken. Schrecklich, denkt sich der rationale Mensch, für den alles erklärbar sein muss. So unverständlich das alles klingt, so unkompliziert ist dieses Stück, das den Zuschauer aus der Komfortzone lockt, verzaubert und irritiert. Martin Zimmermann, Choreograf und physischer Schauspieler, lässt den Zuschauer eintauchen in ein absurd scheinendes Stück, das genau darum das Leben realitätsgetreu widerspiegelt. Für zwei Abende beehrt der weltweit gefeierte Zürcher Künstler das Badener Kurtheater.

Martin Zimmermann ist gelernter Schaufensterdekorateur und absolvierte nach der Lehre die Zirkusschule in Frankreich. Der ausgebildete Clown ist nun seit über 20 Jahren erfolgreich unterwegs. Unter anderem mit Musiker Dimitri de Perrot, mit dem er die Kompagnie Zimmermann & de Perrot gründete, tourte er rund um den Globus. Ihr letztes Stück hiess «Hans was Heiri» (2012). Mit «Hallo» startete Zimmermann 2014 sein erstes Solo, in welchem er sich auf der Bühne ins Zentrum rückt. Damit ist er heute noch weltweit auf Tournee, u. a. im BAM Harvey Theater in New York, Théâtre de la Ville in Paris und im Tokyo Metropolitan Theatre. «Mich alleine hinzustellen, das war ein grosses Risiko – eine Herausforderung, die mir sehr gefällt», sagt Zimmermann der «Nordwestschweiz».

Mit beeindruckendem Bühnenbild und Dramaturgie

Mit beeindruckendem Bühnenbild und Dramaturgie

Augustin Regetez

Der Humor rettet uns

Seine Bühnenkunst ist einzigartig und fordert Zuschauer und Darsteller heraus. Zimmermann ist die ganzen 60 Minuten lang in Bewegung, macht riskante Aktionen und schlägt sich mit den lebendig scheinenden Objekten auf der Bühne rum. «Das Bühnenbild ist facettenreich, die Dramaturgie beinhaltet verschiedene Schichten», beschreibt Zimmermann das Stück. «In einem Satz: Es handelt davon, sich selbst zu finden. Und zu erkennen, dass dies gar nicht möglich ist. Das Stück zeigt, dass der Humor uns im Alltag rettet. Das Leben ist hart und über uns selbst lachen zu können hilft.»

Zimmermann spielt eine Figur, die sich nicht klar identifizieren lässt. Er verkörpert die menschlichen Gefühle. Immer wieder gelingt es ihm, sich aus prekären Situationen heraus zu retten. «Ein Mensch, der immer wieder kämpfen muss, ist viel näher am Leben. Ich bin sensibel für Geschichten von Menschen, die ausserhalb der Norm sind. Die am Abgrund stehen.»

Diese Gefühle vermittelt Zimmermann wortlos mit Tanz, Akrobatik und Mimik. Sprechen wäre völlig überflüssig, gar kontraproduktiv. Für Zimmermann ist die Silhouette eines Menschen viel aussagekräftiger als Worte. «Ein Körper sagt alles über einen Menschen. Das Reden ist nur eine Ablenkung von dem, was der Mensch zu bieten hat. Ein Körper ist so komplex und schön.»

Menschen sind skurril

Zimmermann ist davon überzeugt, dass jeder Mensch in seinem Inneren absurd ist, dies in der Gesellschaft aber nicht nach aussen tragen kann. Es passt nicht zur Norm, nicht in die Gesellschaft, in der wir früh eingebettet werden. «Wir sind alle sehr skurril. Wir machen absurde Dinge, wenn uns niemand dabei zusieht. Jeder hat ein Innenleben, das er im Alltag nicht zeigen kann. Das können nur Kinder. Es ist ein Schatz, den wir mit uns herumtragen», so Zimmermann. Für den Zuschauer hat der Künstler seinen Schatz nun aufgemacht und übermittelt ihn mit einer unvergleichbaren Körpersprache.

Martin Zimmermann ist ein Bewegungskünstler. Er ist aber auch Clown, doch nicht im klassischen Sinn, wie wir ihn uns vorstellen. «Es ist ein physisches Tanztheater, ich bin ein Clown, der die heutige Zeit befragt. Das Stück ist sehr humorvoll. Es bewegt sich zwischen Abgrund und schallendem Gelächter.»

Doch Zimmermann ist nicht Unterhalter, sein Stück soll beim Zuschauer etwas auslösen. «Ich habe Horror vor Schenkelklopfern. Es muss tiefgründig sein», so der Künstler. «Wenn die Besucher rausgehen, ohne zu wissen, was sie dazu sagen sollen, finde ich das spannend. Viele wollen immer alles verstehen. Sie befinden sich in ihrer Komfortzone und haben Angst, etwas falsch zu machen. Aber der Mensch kann ja das Leben auch nicht verstehen. Ich verstehe auch nicht alles. Wenn das der Fall wäre, würde ich das Stück nicht mehr spielen.»

Zimmermann lässt die Grenzen zwischen Mensch und Objekt verschmelzen, lässt das Geschehene surreal wirken und hebelt die natürlichen Gesetze aus. Er verführt den Zuschauer in eine Welt, wo dieser sich gehen lassen kann und die Dinge keinen Sinn machen müssen. «Es ist toll», so Zimmermann, «wenn der Mensch etwas gwundrig sein kann.»

«Hallo» Mi., 29. März, und Do., 30. März, 20.00 Uhr, Kurtheater Baden.