Kulturminister Alex Hürzeler: «Es braucht keine Revolution»

Regierungsrat Alex Hürzeler muss 2020 in der Kultur wichtige personelle Weichen stellen. Dabei will er Konstanz. Er will mehr privates Sponsoring für die Aargauer Kultur – und hat Ideen dafür.

Interview: Sabine Altorfer
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Kulturminister Alex Hürzeler erklärt seine Haltung: «Mein Ziel muss nicht sein, dass wir bei den Kulturausgaben zuvorderst sind.»

Kulturminister Alex Hürzeler erklärt seine Haltung: «Mein Ziel muss nicht sein, dass wir bei den Kulturausgaben zuvorderst sind.»

Bild: Colin Frei

Die Sonne vermag den Aarauer Nebel zu durchdringen und leuchtet ins Sitzungszimmer des Departements Bildung, Kultur und Sport. Regierungsrat Alex Hürzeler stellt sich dem Gespräch, ohne die Fragen gesehen zu haben. Ausgerüstet ist er mit dem «Kulturkonzept 2017–2022», seinem Leitfaden.

Was ist Ihr Vorsatz für die Kultur im Aargau für dieses Jahr?

Alex Hürzeler: Dass wir auf dem guten Stand weitermachen können – und dass wichtige Infrastrukturprojekte für die Kultur im Kanton gebaut werden.

An welche denken Sie?

Die Alte Reithalle Aarau vor allem. Das Projekt habe ich schon als junger Grossrat kennen gelernt, aber ich bin überzeugt, dass der Umbau bald startet. Ich freue mich auf die Wiedereröffnung des Kurtheaters Baden, und der Neubau des KIFF ist ein grosses Thema. Nur schon diese drei Projekte zeigen, wie vielfältig die Aargauer Kultur ist.

Prägend werden die personellen Wechsel an entscheidenden Kulturstellen. Als Erstes haben Sie die neue Direktorin des Kunsthauses gewählt. Was hat Sie an Katharina Ammann überzeugt?

Ich habe sie vorher nicht gekannt, aber durch die öffentliche Ausschreibung hat sich der Fächer geöffnet. Sie musste nicht nur mich überzeugen, sondern zuerst die breit abgestützte Findungskommission. Ihre ausgleichende Persönlichkeit und ihr Leistungsausweis überzeugen. Sie ist Kuratorin und Wissenschafterin, kennt Schweizer Kunst und Gegenwartskunst und sie ist eine gute Kommunikatorin. Das muss sie sein, nach innen und nach aussen. Kultur braucht Marketing, muss Sponsoren finden und ausstrahlen.

Mit welcher Strategie gehen Sie in die Bewerbungsgespräche mit einem neuen Kulturchef, einer neuen Kulturchefin? Die Nachfolge von Thomas Pauli ist für Sie die wichtigste Entscheidung.

Die Abteilungsleitung Kultur ist als Kulturbeauftragte des Kantons sehr wichtig. Darum ist das Profil der Stelle sehr ähnlich wie schon bei Thomas Pauli, der seine Aufgabe in den letzten sechs Jahren sehr gut gemacht hat. Den Auftrag dieser kulturellen Schlüsselfunktion zu erfüllen, ist kein Selbstläufer. Die Person ist eingebettet im Departement, sie muss eingebettet sein in Politik und Kultur. Gleichzeitig muss sie Führungsqualitäten mitbringen, gilt es doch, starke Sektionen zu führen, die kreativ vorwärtsgehen sollen.

Erwarten Sie neue Ideen?

Primär soll die neue Leitung die Kulturpolitik, wie wir sie im Kulturkonzept definiert haben, weiterführen. Das ist gut, das wollen wir nicht verändern. Es braucht keine Revolution. Erneuerungen müssen aus der Kultur selber kommen. Der Abteilungsleiter Kultur muss Erneuerungen ermöglichen, dafür braucht es gute strategische und konzeptuelle Arbeit.

Die nächste Wahl ist für das Präsidium des Kuratoriums. Sie haben es erstmals öffentlich ausgeschrieben. Wen suchen Sie?

Eine erfahrene und integrativ wirkende Führungspersönlichkeit: Das Kuratorium ist ein heterogenes Gremium, mit Persönlichkeiten aus verschiedenen Fachbereichen. Es braucht jemanden Führendes, der es zu einem starken Ganzen einen kann. Sicher nicht jemanden, der sich selber verwirklichen will oder nur eine Kultursparte vertritt. Diese Person muss die Kulturszene, den Aargau und die Aargauer Politik sehr gut kennen. Es ist also schwierig: Sie muss alles kennen, darf aber nirgends stark eingebunden sein.

Mit der Ausschreibung und der Wahl eines externen Präsidenten nimmt die Regierung Einfluss auf das Kuratorium. Ist das die Absicht hinter der Ausschreibung?

Nein, im Gegenteil. Es ist eben gerade keine Berufung, sondern eine Wahl nach einer öffentlichen Ausschreibung. Wir wollen den Fächer öffnen, nicht nur in den uns bekannten Kreisen und Netzwerken suchen. Es haben sich tatsächlich Personen gemeldet, die sicher nicht auf unserem Radar aufgetaucht wären. Der Gesamtregierungsrat ist das Wahlgremium, aber das war er immer, auch immer für fünf der elf Kuratoren.

Das Kuratorium ist im Gesetz als unabhängiges Gremium definiert. Es war oft eine Gegenkraft zur Abteilung Kultur, nähert sich der Verwaltung aber stärker an.

Ich sehe das Kuratorium nicht als Gegenposition zur Abteilung Kultur. Die Kulturförderung im Kanton muss ein Miteinander oder Nebeneinander sein. Deshalb ist auch das Kulturkonzept in gemeinsamer Arbeit entstanden. Kulturförderung muss nach einer Strategie arbeiten.

Das Gewicht hat sich verschoben. Die Abteilung Kultur hat zugelegt, das Kuratorium Einfluss verloren. Der Swisslos-Fonds gibt 19 Millionen für Kultur aus, das Kuratorium 6,2 Millionen Franken. Ist das gut?

Es ist gut, dass es mehrere Fördergefässe gibt. Das haben nicht alle Kantone. Das Kräfteverhältnis hat sich verschoben, weil der Kanton mehr für die Kultur ausgibt als bei der Annahme des Kulturgesetzes 1968. Vor allem die Möglichkeiten des Swisslos-Fonds sind heute viel grösser. Damit fördern wir, wie beim Swisslos-Sportfonds, vor allem Infrastrukturen. Dann auch grosse Veranstaltungen, grosse Player wie das Argovia Philharmonic und wichtig: Breitenkultur bis hin zur Volkskultur.

Wäre es nicht an der Zeit, dem Kuratorium, dem viel gerühmten Aushängeschild des Kantons, mehr Geld und damit Kraft zu sprechen?

Ja. Das Parlament hat eine Erhöhung um 200000 Franken im Herbst abgelehnt, weil es mediale Turbulenzen gab. Wir wollen sehen, ob für 2021 etwas möglich ist. In den Sparphasen erfuhr das Kuratorium im Gegensatz zu anderen Bereichen keine Kürzung.

Bleibt die Anzahl Leuchttürme plafoniert? Oder hat endlich ein Theater-Leuchtturm eine Chance?

Aus dem Swisslosfonds zahlt der Kanton an das Kurtheater und die Alte Reithalle Infrastrukturbeiträge in insgesamt zweistelliger Millionenhöhe. Mittelfristig kann ich mir vorstellen, dass daraus ein neuer Leuchtturm entsteht, der Betriebsbeiträge, also Steuergelder, erhält. Generell könnte ich mir vorstellen, dass man die Zahl der Leuchttürme erhöht – von neun nicht gerade auf fünfzehn. Aber zwei, drei mehr.

Nun decken die Beiträge die Betriebskosten nicht wirklich.

Genau. Wir reden über den Kanton und seine Fördergefässe. Es gibt aber auch die private Kulturförderung, wir haben am Samstag am Aargauer Kulturforum über die Studie dazu informiert. Die private Förderung, in Kultur wie im Sport, ist in der Breite und im Kleinen vorhanden, aber nicht im Grossen, dort wo es um Millionen geht. Das wollen wir nun angehen. Das wird eine der Hauptaufgaben sein für die neue Abteilungsleitung Kultur.

Haben Sie Ideen, wie Sie die erschreckend unterdurchschnittliche private Kulturförderung im Aargau erhöhen könnten?

Erschreckend würde ich nicht sagen. Es ist ein Fakt. Zwei Punkte aus den Empfehlungen sind mir wichtig. Weil die Stiftungsdichte sehr unterdurchschnittlich ist, reizt mich die Idee, eine Dachstiftung zu gründen, um die Kraft kleinerer Stiftungen zu bündeln, Einzahlungen für Gönner einfacher zu machen und sie professioneller zu organisieren. Als Zweites wollen wir das Finanzdepartement angehen, damit kulturelle Spenden steuerlich so attraktiv sind wie in anderen Bereichen. Der Aargau will für vermögende Personen attraktiv sein, diese sollen aber auch für private Förderung einen Anreiz haben.

Wie können die Kulturleute im Aargau zu einer stärkeren Lobby gegenüber der Politik kommen?

Sie müssen sich einbringen – auf allen Stufen. Wer sich nur in seinem engen Kulturnetzwerk bewegt, kann ausserhalb wenig bewegen. Kulturschaffende sind in der Politik – im Gegensatz zu anderen Branchen und Berufsgattungen – untervertreten. Aber ich finde, die Kultur hat im Aargau einen guten Rückhalt. Ein Aargauer Kulturverband ist in Gründung, ob und wie stark er alle vertreten kann, wird sich zeigen.

Der Aargau liegt bei den Kulturausgaben pro Kopf auf dem beschämenden 22. Rang der 26 Kantone. Wollen Sie das nicht ändern?

Mein Ziel ist es, dass wir als Kulturkanton und als Kanton von Kulturschaffenden wahrgenommen werden und in allen Regionen aktiv sind. Dass sich die Bevölkerung einbringt und profitiert. In dieser Wahrnehmung, das ist meine Erfahrung und sie ist bestätigt, ist der Aargau durchaus weit vorne dabei. Mein Ziel muss nicht sein, dass wir bei den Kulturausgaben zuvorderst sind, sondern dass wir mit dem Geld, das uns zur Verfügung steht, mehr erreichen als andere Kantone mit mehr Geld.

Alex Hürzeler

Seit 2009 ist der Fricktaler SVP-Politiker Regierungsrat und steht dem BKS vor, dem Departement Bildung, Kultur und Sport. Der 54-Jährige hat eine typische Politkarriere hinter sich: Gemeinderat und Gemeindeammann in Oeschgen, Grossrat und Mitglied der Geschäftsleitung der SVP Aargau.

Hürzeler gilt nicht als Experte für kulturelle Fragen, verlässt sich aber auf das Know-how in seinem Departement. Und er hat sich mit regelmässigen Veranstaltungen – wie dem jährlichen Aargauer Kulturforum – Vertrauen in der Szene erarbeitet. Das «Kulturkonzept 2017–2022», die Studie «Private Kulturförderung in den Kantonen Aargau und Bern» sind im Netz zu finden. (sa)